Glauben und Wissen
Es ist mir immer schon eine Frage gewesen, wie lässt sich eine philosophische Wahrheit mit einer durch die Tradition überlieferten Offenbarungswahrheit des Glaubens in Einklang bringen. Von der Philosophie her ist die Aufgabe gestellt, Wahrheit zu erkennen und sie darzustellen; von der Religion und konkret der christlichen Offenbarungsreligion her gesehen, die Wahrheit ebenfalls zu erkennen und zu leben. Beide erheben den höchsten Geltungsanspruch. Wem ist zuerst zu folgen? Die Sache scheint mir eindeutig: Es ist eindeutig dem größeren geistigen Lebensvollzug des Glaubens der Vorzug zu geben, solange kein sicheres Wissen erreicht ist. Dies ist kein blinder Fideismus, sondern ein glaubensmäßig erfasster Wahrheitsvollzug. Der Glaubensvollzug ist selber ein Zugang zur Reflexion, ein durch Freiheit vermitteltes Wollen: nicht so sehr überhaupt reflektieren zu wollen (wie die Philosophie), sondern auf ein ganz bestimmtes, primäres Wissen reflektieren zu wollen, speziell auf die je eigene Evidenz des Sollseins der Wahrheit. Der Glaubensakt, inwiefern er nicht bloß Willkürakt sein will, impliziert dieses Evidenzmoment. Es gibt hier das schöne Wort von ANSELM: „Credo, ut intelligam“.
Es ist damit nicht gesagt, dass der Glaubensakt fĂĽr sich schon als Lebensakt zureichend bestimmt ist und genĂĽgen kann, – es gehört sicherlich noch mehr dazu! – aber im reduktiven RĂĽckgang der Reflexion auf die Bedingung der Möglichkeit der Erkennbarkeit von Wahrheit spielt das Evidenzmoment des Glaubens eine konstitutive Rolle.
Die Frage soll aber jetzt weitergetrieben werden: Ist der Glaube an ein primär Gewusstes möglich, so muss auch das Wissen an ein primär Gewusstes möglich sein. Beide Akte des Geistes können sich nicht widersprechen, sie unterscheiden sich nur in der Art und Weise ihres Reflektierens. Wie es im Glauben ein Soll der Wahrheit gibt bzw. diesem Soll der Wahrheit durch Glauben entsprochen werden kann, so muss es im Wissen ebenfalls einen Begriff geben, der der Wahrheit entspricht bzw. in der Art und Weise der Evidenz des Wissens eingesehen und sekundärreflexiv eingeholt werden kann. Die WLn (pl.) Fichtes, die auf eine LetztbegrĂĽndung des Wissens in und aus Wahrheit explizit ausgerichtet sind und diesen höchsten Rationalitätsanspruch einfordern und m. E. einlösen, heben den Glauben als solchen nicht auf oder wollen ihn nicht ersetzen, sondern bestätigen – und begrĂĽnden rational das glaubensmäßig-bestimmte, lebensmäßige ZurĂĽckkommen auf das Soll der Wahrheit.
Der Glaubensakt als solcher ist also gegenĂĽber der Philosophie nicht defizitär einzustufen, ja oftmals viel wertvoller und tiefer begrĂĽndet als irgendein hypothetisches oder faktisches Wissen – in der Antike „Sophistik“ genannt. (Auf der Ebene der Vernunft hat ein Platon diese Scheinwahrheiten aufgedeckt; umgekehrt argumentierten die Sophistiker ebenfalls mit Argumenten der Vernunft. Sie trafen sich wenigstens noch auf der Verständigungsebene und Rationalitätsebene der Vernunft!) Â
Wenn der Glaube jetzt philosophisch und begrifflich durchdrungen werden will, muss er sich nolens volens auf den Rationalitätsanspruch einer Vernunft einlassen. Er muss deshalb seinen absoluten Geltungsanspruch nicht aufgeben, im Gegenteil, er bedient sich der scharfen Begrifflichkeit der Philosophie, um seinen Geltungsanspruch zu begründen und zu rechtfertigen.
Wenn aber Philosophie „eine freie geistige Tätigkeit, in der vollkommene Erkenntnis der Prinzipien des Ganzen der Wirklichkeit erstrebt und in der diese Erkenntnis gewonnen und vollzogen wird“, ist 1 so muss sie diese glaubensmäßige Wahrheit und Tiefe des Glaubens zu erreichen versuchen. Diese „vollkommene Erkenntnis“ geht ĂĽber alle faktische oder apodiktische Evidenz hinaus, weil sie Erkenntnis der apriorischen Wissensbedingungen selbst ist, d. h. Wissen des Wissens und Darstellung aus dem sich selbst rechtfertigenden und begrĂĽndenden Grund von Wahrheit und Gutsein.
Sie kommt hier die Philosophie der Intention nach ganz mit dem Glauben ĂĽberein, eine Folgewirkung aus einem Geltungsgrund zu sein, d. h. den Grund und die Existenz ihrer selbst evident einzusehen und darzustellen.Â
Das Wie der Darstellung aus einem absoluten Grund (der Wahrheit und des Gutseins), das ist ihre Aufgabe, ihr scharfe Begriffskunst und scharfe, intellektuelle Anschauung.
Es braucht dafĂĽr immer einen doppelten Anfang, den a) der Faktizität der Reflexion und b) den der systematischen Darstellung des Wissens in ihrer c) Bildhaftigkeit und SelbstbezĂĽglichkeit.2Â
Diese von Fichte oft beschriebene Einsicht in den doppelten Anfang des ZurĂĽckgehens auf ein erstes Prinzip und dessen konsequente Ableitung oder besser Darstellung und Anwendung der Erkenntnis der (genetischen) Erkenntnis, das möchte ich in ihrer ganzen Band-Breite des BegrĂĽndens und Rechtfertigens und Anwendens „genetische“ Erkenntnis nennen.
Dieses ĂĽber faktisches oder apodiktisches Wissen hinausgehende genetische Wissen nimmt a) bildhaft immer auf die „Genesis“ ihres eigenen Ursprungs von Wissen und Einsicht Bezug und b) beschreibt faktisch, wie das Verhältnis absolutes Sein und Wissen zu denken ist, und schlieĂźlich wie c) selbstbezĂĽglich (reflexologisch) diese Erkenntnis der Erkenntnis als Natur, Recht, Moralität und Religion sich darstellt.3
Dieser letzte Punkt der reflexologischen Wahrheit ist intentional ganz gleich mit dem Glauben: die Grundevidenz der Wahrheit und des Guten möge das ganze Leben durchdringen, was auf der abstrakten Ebene der Begriffe und des Sich-Wissens bzw. auf der Ebene des Seh-Aktes der Philosophie heißt, die Grundevidenz möge die ganze Wirklichkeit „darstellen“, erhellen und verstehen können. Anfang und Ausführung der Wissenschaftslehre bedingen sich gegenseitig; es wird hypothetisch begonnen, aber am Ende soll der Anfang verstanden und begründet sein. „In der Arbeit lernt man den Grundgedanken nur verstehen. Erst am Ende versteht man ihn ganz“. (WL-1812; GA II/13, 48.)4
Die 1) bildhafte Genesis des Wissen (das Verhältnis absolutes Sein und Denken) wird eine höchste Gewissheit und Einsicht in Form einer sittlichen Synthesis und sittlichen Wertung sein, ferner werden 2) die Phänomene des faktischen Wissens von diesem Licht erleuchtet und mit Verstand durchdrungen werden können, ferner zeigt die 3) die RĂĽckbezĂĽglichkeit des Wissens einen Zweck und eine zukunftsgerichtete Intention und Erwartung an. Â
Ad 1) Die erste und klarste, spezifische genetische Erkenntnis der Wahrheit und eines damit verbundenen Geltungsanspruches sehe ich in der Bildung eines sittlichen Wertes: Objektiver Wert und subjektiver Wert (Wollen) des Nachvollzuges sind in dieser Synthesis vereint. Das Wollen und Handeln geht (zu Bedingungen der Freiheit) in das Gewollte und Gewusste eines sittlichen Wertes ĂĽber und umgekehrt ist der sittliche Wert, die Liebe in ihrer höchsten Stufe, selbst ein Wollen und das Wollen und das Handeln verändernd und erfĂĽllend. Die sittliche Wertung ist Genesis eines willentlichen Handelns und Genesis eines sich selbst treu bleibenden, unwandelbaren, durch sich selbst bestimmten Willens, der unwandelbar ist, gerade deshalb aber die Zeit genetisiert und alle Empfindungsformen naturalen und geistigen Seins. Â
In der sittlichen Wertung und Handlung wird die Bild-Einheit der Wahrheit und des Gutseins – letztlich muss es heiĂźen „der Gute“ – nach einer Idee in Differenz erzeugt (genetisiert). Â
Die faktische Form des Erkennens kann problematisiert werden. Faktische Evidenz bedarf der Begründung und Legitimation in einem Wollen und Handeln. Mit welchem Recht werden faktischen Voraussetzungen des Wissens gesetzt? Es bedarf eines Sich-Wissens, das sowohl den ganzen Voraussetzungszusammenhangs der Bildobjektivationen weiß und kennt, aber, da aus dem Bildprinzip nicht ausgestiegen werden kann, die Möglichkeit der Begründung und Rechtfertigung dieses Sich-Wissens und Sich-Bildens gleicherweise einbezieht.
Das ist ein transzendentales Wissen, das sowohl die Bedingungen der Wissbarkeit einbezieht, als auch die unmittelbaren Verwirklichungen dieser Idee (von Wahrheit und Liebe) durch Freiheit darstellt (schematisiert) und bestimmt.Â
Anders gesagt: Die Einheit des Sich-Wissens oder Sich-Bildens beruht auf einer Disjunktionseinheit von Denken und Sein, die in und aus genetischer Erkenntnis als bestimmte Differenz hervorgeht. Die bestimmte Differenz verwirklicht sich dann in ihren Bildern wie Negationen (als Idee). Â
In der sittlichen Wertung eines höchsten, alles andere ĂĽberragenden Wertes, verschmelzen subjektives Wollen-in-actu und bejahter, um seiner selbst willen gewollter, objektiver Wert. Die Verwirklichung geht aus von der Einsicht in den Wert, und umgekehrt von einer genetischen Erklärung dieses höchsten Wertes. Â
Diese Einsicht ist im wörtlichen Sinn eine hervorgehende, genetische Einsicht einer Einheit in Differenz, Bild-Differenz, reflexologisch gefasste Disjunktionseinheit von gesetztem Grund und abgeleiteter Folge, eben Bild einer „Genesis“ (nicht Emanation).Â
Die Idee der Möglichkeit (und Wissbarkeit) reiner Einheit, d. h. einer unwandelbaren Einheit hinsichtlich ihres Wertes, ihrer WĂĽrde, ihrer Herrlichkeit, ist zugleich eine Erkenntnisse erzeugende, ĂĽbergehende Einsicht in weitere Projektionen und Objektivationen. Die genetischen Erkenntnis begrĂĽndet (affirmiert) oder negiert eine faktische oder apodiktische Erkenntnis, weil in ihr freier Vollzug und angestrebter Wert eins sind. Sie ist als sittliche Wertung Synthesis, disjunktive Einheit einer Geltungsform, subjektives wie objektives Wissen ineins.Â
Diese relationale Einheit in der Geltungsform des Sich-Wissens (oder „absolutem Wissen“) ist bereits eine disjunktive Einheit in und aus einem absoluten Geltungsgrund – und wird reflexologisch stets so festgehalten, dass sie unhintergehbare genetische Erkenntnis und ErkenntnisbegrĂĽndung ist – nicht selbstmächtige idealistische oder realistische Setzung.Â
Das ist der in der Diskussion oft heikle Punkt in der BegrĂĽndung und Rechtfertigung des Wissens: Die Reflexibilität und SichbezĂĽglichkeit genetisch darzustellen und durchzuhalten. „Gewöhnlich meint man, aus dem genannten ontologistischen Vorurteil heraus, im Werten werde mit einem rein faktisch Existierenden sekundär GĂĽte, Wert verknĂĽpft. Die meistverbreiteten Vorstellungen sind: a) wir nehmen zu reinen Tatsachen sekundär subjektiv Stellung und geben ihnen axiologische Vorzeichen, die ihnen an sich nicht zukommen. b) Wir erfassen einerseits bloĂźe Faktizitaten, anderseits apriorische Wertmaterien, von den die Faktizitäten gegebenenfalls – aber so, daĂź ihr Sein davon nicht berĂĽhrt wird – gezeichnet sind. c) Wir geben den Faktizitäten durch unser Wirken eine der sittliche Norm entsprechende bestimmte rein faktische Form, die wir als ,gut‘ prädizieren. Die Trennung von Faktizität und Wert ist unhaltbar. “ 5
Genetische Erkenntnis ist Bild-Erkenntnis, faktischer Vollzug des Wissens, aber doch reflexologisch stets seines Ursprungs sich bewusst, seines Lichtes, seiner Kraft. Sie ist ein Sich-Wissen in sittlicher Synthesis als höchstes Sich-Wissen und in weiterer Folge schematisierte Evidenz von Natur, Recht, Moralität und Religion (gemäß der FĂĽnfffachheit des Seh-Aktes des Wissens). Â
Ein Wert kann nicht von der Faktizität einer Natur ausgehen; aber auch nicht vom reinen Willen des Vernunftwesens, als könnte dieser selbst festsetzen, was Wert ist. Das Gute ist vielmehr die Mitte zwischen Aktivum und Passivum, ist Sich-Vollziehen des Guten, oder, noch konkreter, „der Gute“. In dieser intellektuellen Anschauung vollendet sich das sittliche Handeln und Wollen.  Für das Individuum ist das ein interpersonal- intellektiv-voluntativer Akt der Liebe und des Glaubens, ein Akt interpersonalen Seins und gegenseitiger Anerkennung, begründet und bewährt (genetisiert) durch die göttliche Liebe.
Das Gute (“ oder der Gute“) wird vom Sehen und Reflektieren der notwendig diskursiv verfahrenden Philosophie zum Sollsein.
Es liegt trotz Diskursivität aber a) etwas ursprĂĽnglich Positives  in der Erscheinung und b) von Seiten des Wollens aus wird das Wollen-in-actu ein Teil des göttlichen Willens und Wollens, ein Teilvollzug als „Bild Gottes“.Â
„Dann aber kann Sollsein nicht mehr bedeuten, dass Gutsein der Realisation bedarf, – denn der Gute ist -, sondern umgekehrt, dass das Dasein der GĂĽte bedarf. Das Daseiende soll gut sein. Aber dies, weil im Guten etwas ist, das zugleich mit diesem Sein schlechthin sein soll und das wir umschreiben wollen als WĂĽrde, Hoheit, Heiligkeit. Der Gute ist nicht gleichgĂĽltig, sondern: sein Sein ist wert, er soll sein.
Gutsein ist zeitüberlegene und -unabhängige integrale Bejahung seiner selbst in seiner unendlichen sittlichen Fülle. Eben wegen dieser Unerschütterlichkeit und Absolutheit des seienden Sollseins gibt es wahres und falsches sittliches Werten.“ 6
Zur weiteren Begriffsbestimmung von genetischer Erkenntnis siehe dann 2. Teil: Die SelbstbezĂĽglichkeit des Wissens in dieser Erkenntnis siehe 3. Teil – das fĂĽhrt zur Zukunftsorientiertheit und Hoffnung aus der genetischen Erkenntnis.
Die philosophische vollkommene, genetische Erkenntnis bzw. dieses Erkenntnisstreben kommt mit den Hoffnungsmöglichkeiten des christlichen Glaubens überein, weil genetisch im absoluten Geltungsgrund festgelegt ist, dass zu Bedingungen der Freiheit die absolute Vernunftwahrheit theoretisch wie praktisch ist und gelebt und erreicht werden kann.
© Franz Strasser, Juni 2025
1Ich finde diese Definition von R. Lauth noch immer am präzisesten und treffendsten, siehe zur ganzen Begründung in: Begriff, Begründung und Rechtfertigung der Philosophie, München 1967, S. 35.
2Vgl. Christian Klotz, Der Grundsatz der Wissenschaftslehre und seine „Aufsuchung“ in Fichtes Darstellung der Wissenschaftslehre von 1812. In: Fichte-Studien Bd. 52 (2023), S. 240 – 255, ebd. S. 248ff.
3Vgl. C. Klotz, ebd. S. 252, Anm. 10. u. Anm. 11.
4Zitiert nach C. Klotz, ebd. S. 251.252.
5R. Lauth, “Sittliche Wertung und Gutsein.” Zeitschrift Für Philosophische Forschung, vol. 9, no. 2, 1955, pp. 372–376, http://www.jstor.org/stable/20480784.
6R. Lauth, Sittliche Wertung und Gutsein, ebd. S. 375.