Bei meiner geringen Kenntnis des schwer lesbaren, weil bewusst oft mehrdeutig gehaltenen und auslegbaren Korans, stoße ich genau auf diese mir scheinende, nur instruktionstheoretische „Bekanntgabe“ Gottes, ganz wie Fichte 1791 den Begriff unzureichend als Form der Offenbarung bestimmte.
Eine bloße „Bekanntgabe“, sei sie mündlich oder schriftlich – Klaus von Stosch hebt die mündliche Tradition im Islam stark hervor, ferner die sprachlich-ästhetische Seite der Rezitation – bleibt immer prekär, weil sie a) an die Fehlerhaftigkeit der Zeichen und b) an die Unzuverlässlichkeit der Zeugen gebunden ist.
Ich möchte sagen, eine bloß mediale Vermittlung ist nicht die epistemologische Begründung und Rechtfertigung des Inhaltes selbst. Sie ist bereits faktische Wahrnehmung von Zeichen, von Personen, aber nicht der heilige Wille oder das WORT Gottes selbst.
Ein Wort, ein Vers, ein Buch ist nur soweit wahr, als der freie Nachvollzug möglich ist, mithin eine Einsicht in den genetischen Erzeugungsgrund der Aussage. Entfällt diese genetische Einsicht, ist in jedem Fall ein kritisches Nachfragen notwendig. Es muss sozusagen ein „cartesianischer“ Zweifel angebracht werden, erscheint es so, wie es ist und ist es so, wie es erscheint und soll es so sein, wie es erscheint und erscheint es so, wie es sein soll.
Gibt es im Koran als Buch, ob vom Himmel gefallen ungeschaffen oder doch geschaffen, das sei hier dahingestellt und spielt keine größere Rolle, a) einen apriorischen Begriff eines heiligen Willens, der b) einen genetischen Begriff von Offenbarung zu bieten vermag, d.h. einen Begriff absoluter Geltungshoheit, Selbstbegründung, Wahrheit, Gutsein, woraus c) unter kontingenten, falliblen Bedingungen eine Anwendungsform generiert werden kann?
Soweit ich den Koran gelesen haben, tritt zwar Muhammad mit enorm, hohen Geltungsanspruch auf – und wird von seinen Nachfolgern ebenso wiederholt – aber welche appositionelle Form der Anwendung kennt er jetzt?
Wenn der Geltungsanspruch erhoben wird, dass von „Offenbarungen“ Gottes die Rede ist, mithin von nicht bloĂź menschlichen Weisheiten und Einsichten, so muss zuerst das Wort und der Begriff selbst in seinem Inhalt klar sein.
Dass der Akt des Begreifens sich selbst zum Objekt des Denkens und Einsehens machen kann, ist schlechthin Tradition seit Platon. Das Denken der Prämissen bedeutet auch deren Vollzug, das Denken der Freiheit bedeutet auch deren Sein (ihrer Existenz nach), die Idee des Guten ist realiter Vollzug des Guten, das Begreifen ist ein Selbst-Begreifen, der Begriff ist letztlich selbstständiger Grund seines Sichbegreifens, falls alle Parameter der theoretischen wie praktischen Erkenntnis miteinflieĂźen und in concreto bewährt werden können.Â
Das Erkennen einer göttlichen Manifestation und Wahrheit schließt den actus ihrer Realisierung und Versinnlichung in genetischer Weise mitein.
Indem der Begriff sich selbst in seiner Mächtigkeit des Sich-Begreifens erkennt, aber hoffentlich auch in Selbstbescheidung sein Bezogensein auf seinen genetischen Grund, kann er seinen Anteil in der Geschichte der Darstellung der göttlichen Manifestation und Offenbarung erkennen: Er hat die Funktion einer Folge. Er soll Folge des absoluten Grundes zu sein, so sichtbar wie möglich, so anwendungsspezifisch, so konkret wie möglich, so glaubwĂĽrdig und vertrauenswĂĽrdig wie möglich – und in Wechselwirkung und in Interaktion mit anderen Personen und anderer Freiheit.
Hat der Prophet Muhammad diese Rekursion und Berufung seiner empfangenen Offenbarungen auf den absoluten Geltungsgrund immer gesucht? Ist in seinen Offenbarungen die Quelle der Geltungskraft von allen für alle zu jeder Zeit einsehbar? Die Quelle muss so überzeugend, sicher, wahr und gut sein, dass jede Vernunftperson das gleichfalls akzeptieren und verstehen kann – natürlich zu Bedingungen der Freiheit, sonst wäre ja eine Rezeption nicht denkbar.
BloĂź punktuell diese oder jene anlassbezogene „Offenbarung“ zu behaupten, wie das im Koran oft zu lesen ist, das ist nicht in jedem Fall eine hinreichende, erscheinende Bedingung, vorallem dann nicht, wenn das Wort zu Gewalt oder Hass aufruft. Diese „Offenbarungen“ scheinen mir bloĂźe psychologische BedĂĽrfnisse des Propheten gewesen zu sein, bloĂźe Meinungen. Wenn der Prophet wahre Offenbarungen Gottes empfangen haben soll, mehr als menschliche Manifestationen, niedergelegt im Koran und als Koran, geschaffen oder ungeschaffen, wie kann er die GlaubwĂĽrdigkeit und VertrauenswĂĽrdigkeit der Offenbarung beweisen?
Ich lese von einer von außen an Muhammad ergangenen Lehre/Mitteilung/ oder „Offenbarung“. Ich lese von Liebe und Hass, von diesem und jenem Gehörtem, von vielen Stimmen: Von der Stimme Gottes, der Stimme Muhammads, der Stimmen der Gegner, von Noah, von Abraham, von Mose, von Jesus, von Engeln, von Dämonen, von Frevlern, von Zweiflern, von Geretteten, von Verdammten. Jedes mal wird eine neue Kommunikation aufgemacht mit unterschiedlichsten Bezügen, Inhalten, Adressaten. 1
Welchen Status der Einsicht und der Geltung beanspruchen die verschiedenen Sprecher-Rollen und Stimmen? In jedem Fall ist jeder Dialog, selber der direkte Dialog Muhammads mit Gott, oder die Kommmunikation mit vielen anderen Mitspielern, eine Frage interpersonaler und sprachlicher Interaktion, aber damit auch vermittelt und fehleranfällig.
Die Wahrheit in einer interpersonalen und sprachlichen Interaktion – oder konkret im rezitierten Wort des Korans, womöglich mit starker ästhetischer Wahrnehmung, worauf die arabische Sprache ja stolz ist 2, – muss durch Aufforderung als intentionaler Bezug und als Antwort erkannt werden können, mithin durch freien Mitvollzug und Nachvollzug zu Bedingungen der Freiheit verstanden werden.Â
Es gibt vereinzelt personale Stellen der Anrede Gottes an das Vernunftwesen z. B. „Sei ein Muslim“, lebe in der „Hingabe“ an Gott, „Allah ist barmherzig und gnädig“ – das ist durchaus durch Mitvollzug und Nachvollzug annehmbar und wird von Millionen Muslims/Muslimas ernst genommen und gelebt. Das kann ich glauben.
Aber viele Stellen sind mir höchst suspekt: Ich möchte hier die fraglichen Suren nicht aufzählen, aber z. B. allein das Hauptgebot: „Es gibt keinen Gott außer Gott“. Das ist nicht direkte Rede Gottes, das ist nur Polemik gegen andere Religionen! (Sure 37:35 und in Sure 47:19). Aus einer Negationsaussage und apophatischen Gottesrede kann keine positive Einsicht in eine überzeugende Gottesoffenbarung gewonnen werden. 3
Ich fand bei Gerhard Gäde eine Verständigungsbemühung, die mir sehr einleuchtend scheint – deshalb, weil sie von der Vernunftbasis ausgeht:
„Die Liebe, die ein Muslim für den Koran hegt, ist vergleichbar mit der Christusliebe eines Christen, die dieser im Gebet, in der Liturgie und in einem christusförmigen Leben ausdrückt. Der Koran stellt für Muslime eine Mittlerwirklichkeit zwischen Gott und den Menschen dar und damit eine Realität, die es erlaubt, mit Gott in Kommunikation zu treten. Der Koran verheißt zudem mit göttlicher Autorität ein ewiges Heil, das in diesem Leben und mit irdischen Mittel nicht zu verwirklichen ist. Deshalb begründet das heilige Buch des Islam eine Lebensordnung (sharī’a), die in Übereinstimmung mit dem Willen Gottes steht. Auf den Koran hören und ihm gehorchen bedeutet für Muslime nicht weniger als für uns das aufmerksame Hören auf die Stimme Christi. Die Beobachtung der vom Koran festgelegten Normen im Islam ist also mit der Nachfolge Jesu im Christentum zu vergleichen. Als Christen wer den wir deshalb den Koran nicht lesen können wie Muslime ihn lesen. Nur im Lichte Christi kann es für Christen eine christliche Lektüre des Korans geben.“ 4
© Franz Strasser, 10. 12. 2025
1Laut eines Biographen des Muhammad sei der Prophet vom Engel Gabriel dreimal gewĂĽrgt und gezwungen worden – siehe diverse Literatur in islamischen Quellen. Das kann historisch-kritisch wohl aufgelöst und gedeutet werden. Die Frage des Nachvollziehung und des Verstehens des geoffenbarten Wortes (kalimah Allah) als „Herabsendung des Herrn der Welten“ (Sure 26, 192), durch den Engel Gabriel (Jibril), dem Mohammed geoffenbart, muss die Möglichkeit einer freien Nachbildung und appositioneller Reihe in sich tragen.
2Es gäbe hier einige Thesen von Navid Kermani.
3Ahmad Milad Karimi macht aus der apophatischen Rede einer negativen Theologie eine Tugend: Siehe z. B. sein Buch “Warum es Gott nicht gibt und er doch ist“, 2018.
4Gerhard Gäde, Islam in christlicher Perspektive, 2009, Paderborn, 178.