1) Offensichtlich kämpfte die Glaubensauffassung des frĂĽhen Islam mit ihrem Propheten Mohammed gegen die „Beigesellung“ mehrerer Götter zum einen und einzigen Gott, wie sie dem Christentum unterstellt wurde, kämpfte auch gegen das Judentum und ihrer Schriftauslegung. Erst der Koran und die später folgende „Hadithe“ hätten das unverfälschte und wahre „Wort Gottes“ gebracht.Â
Es ist die Schönheit und Kraft der Transzendentalphilosophie, dass sie das Sichbegreifen des Begriffes zum Objekt macht und nicht im metaphysischen oder hermeneutischen Zirkel hängen bleibt. Nochmals formuliert: Da gibt es einerseits das vorausgesetzte Material, das Begriffene, in diesem Falle eine angeblich positive Offenbarung an Mohammed, andererseits das freie Begreifen und den freien Umgang mit diesem Begriffenen. Dieser Zirkel kann von da nach dort und umgekehrt aufgelöst werden, wenn die Einsicht sich selbst einzusehen vermag als das, was sie ist. 1
Eine Existenz, da sie noch nicht in der Einsicht ist, kann im strengen Sinne nicht eingesehen werden. Es existiert schlechthin kein Wissen von der Existenz eines behaupteten Wissens, falls dieses nur eingebildet ist. Anders gesagt: In einer Einbildung vermag die Einsicht unmittelbar das reine Substrat für eine bloß mögliche, aber noch nicht vollzogene Einsicht halten. Es vermag etwas als möglich in der Einsicht behauptet werden, aber es kann nicht behauptet werden, es liegt außerhalb und vor der Einsicht.
Sobald die Potenz der Einsicht angesetzt wird, ist klar, dass sie sich nur als Bezug erkennen kann, sei es, a) dass das Substrat ihres aktualen Erkenntnisvollzuges wirklich existiert und zeitlich kausiert werden kann, oder sei es, b) dass es im aktualen Erkenntnisvollzug als möglich eingesehen wird.
„Der theoretische Ansatz der Möglichkeit von Selbst-Erkenntnis hat eine besondere Konsequenz. Setzt man Erkenntnis nur als Erkenntnis von Objekten an, die ihr gegenüber als selbstständig und unabhängig gefasst sind, so lässt sich theoretisch die Aktivität im Erkenntnisvorgang diesen Objekten zuschreiben. Wird aber angesetzt, dass Erkennen könne auch sich selbst erkennen, muss notgedrungen seine eigene Aktivität des Erkennens mit gesetzt werden.“2
Die Geltungserkenntnis einer positiven Offenbarung muss so ergreifend und ĂĽberzeugend sein, pertinent stark den Willen erfassen können, dass jeder/jede, der/die diese genetische Erkenntnis mitvollzieht, selbst in späteren Zeiten, ebenfalls diese Überzeugung und diesen Glauben und diese Wahrheit teilen kann: Ja, „Allah ist barmherzig und gnädig“ oder „Sei ein Muslim/Muslima“ – das könnte eine wahre Offenbarung an Muhammad gewesen sein. Aber, wie beziehen sich die Muslime auf diese „Offenbarung“ in einem konkreten Sinn einer Nach-Bildung oder Nachfolge? Sie sind allein gelassen mit ihrer Verstandeserkenntnis und apriorischen Vernunftoffenbarung – wie jedes Vernunftwesen, das in seiner Freiheit nicht eine vollkommene Freiheitstat erkennen kann. Â
Kann Mohammed jede Aussage in Bezug auf ein gehörtes WORT Gottes, das auĂźerhalb und vor seiner Erkenntnis existieren soll, so felsenfest und genetisch begrĂĽnden und rechtfertigen, dass er sagen kann, spätere Generationen hören und sehen und verstehen das genauso wie ich? Können spätere Generationen von selber diese „Bekanntmachung“ erreichen, wozu bedĂĽrfen sie dann noch der VerkĂĽndigung durch Mohammad? Oder können und mĂĽssen zwangsweise die Muslime sich nur auf diese „Bekanntmachungen“ berufen, fideistisch, dann aber ohne Verstandeserkenntnis und ohne Erlaubnis kritischer PrĂĽfung? Â
Der Prophet hätte auf solche Mittel der Bewährung setzen können, die von sich her geoffenbarte Aussagen in den Herzen der Menschen genetisch begrĂĽnden und rechtfertigen z. B. Gott ist die Liebe, Gott ist barmherzig, liebe deinen Nächsten, allein, es war ziemlicher Druck in der Bekehrung der damaligen Bevölkerung notwendig, die angeblichen Manifestationen Gottes „glaubwĂĽrdig“ erscheinen zu lassen.Â
Er hätte bei kritischer SelbstprĂĽfung den subjektiven Anteil an einer angeblichen „Offenbarung“ Gottes vom objektiv möglichen Teil der Offenbarung unterscheiden und abziehen können und sagen, in meinen Augen ist es zwar nĂĽtzlich und angenehm, wenn alle Muslim wĂĽrden, aber von Gott her kann ich das nicht als genetisch sicher behaupten?
2) Es braucht m. E. vernunftkritische Werkzeuge und Argumente, damit Menschliches, Allzumenschliches und Gewalttätiges von der genetischen Erkenntnis einer positiven Offenbarung getrennt werden können.  Transzendentalkritisch kann und muss gefragt werden: Was ist die Identität eines Begriffes mit seiner Idee? Gibt es keine Identität eines Begriffes mit seiner Idee, bleibt ewige Dichotomie zwischen behaupteter Aussage und deren Wahrheitsgehalt. Behauptet kann alles werden, die Frage ist nur, bewährt es sich.
Jetzt weiter reflektiert: Angenommen, es gibt diese genetische Lebendigkeit des Begreifens, eine Einheit von Begriff und Idee – z. B. „Allah ist barmherzig und gnädig“ oder „Sei ein Muslim“, sei im vollen und tiefsten Frieden (salâm) mit Gott und dir wie Abraham, wie Elija, wie Jesus, – so verlangt das jetzt eine zeitliche und geschichtliche Bewährung und eine gemeinsame Zusammenkunft, Eintracht, Solidarität, Gedächtnis, Gebet.Â
Dies ist nur als materiale Bild-Qualität möglich. Es soll der Begriff in der Identität mit seinem Wesen bildhaft gelebt und vollzogen und angewendet werden.
Das Bild ist nicht selbst das, was es darstellt, es ist die Darstellung jenes anderen, das auch ohne Bild für sich besteht, des Abgebildeten. Es soll in diesem Fall der gnädige und barmherzige Gott abgebildet werden.
Die Darstellung des absoluten Grundes im Begriff, aber auch die differenzierte Nicht-Darstellbarkeit des absoluten Grundes selbst in der Bild-Wirklichkeit, sie sind nicht zu trennen, sind aber auch nicht einfach gleichzusetzen.Beziehung und Unterscheidung zum absoluten Geltungsgrund sind beiderseits gleich notwendig.Â
Das Wort oder der Begriff „Allah ist barmherzig und gnädig“ kann in genetischen Zusammenhänge des Begreifens in eine pertinente, uns stark ergreifende Sinnidee umgewandelt und angewandt werden. Das bezweifle ich dann nicht, wenn dieser ĂĽberaus sittliche Begriff von allen fĂĽr alle zu jeder nachvollzogen werden kann (zu Bedingungen der Freiheit), als gestaltgewordene Barmherzigkeit in Form einer koranischen „Kirche“ und mit einem immer mehr zu vervollkommnenden Symbol fĂĽr diese Barmherzigkeit.
3) Das Nachdenken ĂĽber die Offenbarung Gottes hat im Christentum die Anwendungsbedingungen in die transzendentale Analyse des Begriffes stets eingeschlossen. Die auĂźergewöhnliche Bestimmung JESU war von vornherein auf Einbeziehung vieler Personen ausgerichtet und die Botschaft der Liebe und des Friedens war bezogen auf spätere Anwendungsbedingungen in der christlichen Gemeinde und Kirche. Viele starke Symbole des Gedächtnisses wurden gefunden – am stärksten das Gedächtnis der Eucharistie – und schlieĂźlich war im Denken selbst diese Anwendung und Teilhabe an der positiven Offenbarung im HEILIGEN GEIST vorgesehen. Schon in den ältesten Paulusbriefen und dann Evangelien und späterer Literatur, schlieĂźlich in den Formulierungen der Kirchenväter, war von vornherein eine ekklesiologische und pneumatologische Realisierung vorausgesetzt, sonst hätte die positiven Offenbarung Gottes in JESU in ihrer ganzen Sinnperspektive nicht vermittelt hätte werden können.Â
Die trinitarische Explikation des Ein-Gott-Glaubens sah a) sowohl den implikativen RĂĽckbezug zum absolut einen Geltungsgrund vor, als auch b) die appositionelle und geschichtlich sich bewährende Sinnidee dieses Ein-Gott-Glaubens, sonst wäre der implikative RĂĽckbezug selbst nicht möglich. Die GlaubwĂĽrdigkeit der apriorischen Vernunftoffenbarung wie der positiven Offenbarung (der „Idee“, das Gesicht JESU zum Begriff der vollkommenen Freiheitstat) ging notwendig in eine ekklesioglische und pneumatologische Realisierung ĂĽber.
 Es bleibt (aufgrund unserer diskursiven Vernunftnatur) die unendliche Zeit einer Realisierungsforderung, zugleich aber, hoffentlich, die Erhellung dieser Realisierungsforderung in ihrer qualitativen Sinngestalt von Liebe, Vergebung, Barmherzigkeit, Frieden durch die Kraft des Heiligen Geistes. Â
Beides zusammen macht den christlichen Ein-Gott-Glauben aus: Die implikationslogische Rekursion auf den absoluten Geltungsgrund und die appositionelle, erinnerungsmäßige, pertinente Bestimmung des Wollens und der Freiheit auf die positive Offenbarung – in einer, wie gesagt, ekklesiologischen und pneumatologischen Form.Â
Gibt es diese absolute, im Heiligen Geist mögliche Bewährung und Dauer der implikativen wie appositionellen Begründung im Koran? Einen sowohl zeitlich-geschichtlich wie  absolut ungeschichtlichen Rückbezug auf einen nachvollziehbaren Bestimmungsgrund des Barmherzigen und Allerbarmers?
M. a. W., das kategorische Verhältnis einer Gottesbeziehung und Gottesoffenbarung oder einer „Hingabe“ an Gott muss sich in einer prinzipiellen und kausierenden Folge einer „Kirche“ und in Zeichen und solidarischen Leben dieser „Kirche“ zeigen können. Dass Gott sich dem Mohammed geoffenbart hat in bestimmten Weisungen und Worten, schriftlich fixiert dann im Koran, kann vernunftkritisch nicht fĂĽr unmöglich erklärt werden, sofern das Gehörte und Aufgeschriebene mit den prinzipiellen und reflexiven Formen des Denkens von Gott vereinbar ist. Was trotzdem fehlend bleibt und selbst die apriorische Vernunftoffenbarung zweifelhaft erscheinen lässt – die pertinente Sinnidee einer vollkommenen Freiheitstat.Â
Die Wahrheitsfrage muss vernunftkritisch an den Koran gestellt werden. Das gilt natürlich genauso für die Bibel wie für jede Form von Wissenschaft, die eine wahrheitsbeanspruchende Aussage macht. Ist das wahr, was gesagt wird, und wird es so gesagt, wie es wahr ist, und soll es so sein, wie es gesagt wird und wird es so gesagt, wie es sein soll?
Anders gesagt: Kann der Begriff der Wahrheit und der Freiheit durch die höchste und sich selbstbegründende Evidenz des Guten und Heiligen (des Gottesbegriffes) nicht generiert werden, d. h. in eine zeitliche Dauer und Nachvollziehbarkeit übersetzt und nachvollzogen werden, ist dringend Ideologieverdacht geboten.
© Franz Strasser, 11. 12. 2025
1 Zum Wissen eines Zirkels – siehe z. B. K. HAMMACHER, Der Begriff des Wissens. In: Transzendentale Theorie und Praxis. Fichte-Studien-Supplementa, Bd. 7., Amsterdam-Atlanta, 1996, 1-27.
2 J. Widmann, Die Grundstruktur des transzendentalen Wissens nach Joh. Gottl. Fichtes Wissenschaftslehre 1804/2, Hamburg 1977, S 60.