Aus den Reden ĂĽber das Johannesevangelium.
Als die FĂĽlle der Zeit kam, erschien auch er, der uns von der Zeit befreien wollte. Denn befreit von der Zeit, sollen wir zu jener Ewigkeit gelangen, wo keine Zeit ist.
Bekanntlich hat der Hl. Aug. in den Confessiones schon tiefschĂĽrfende Meditationen ĂĽber die Zeit angestellt, siehe dort 29, 39. u. a.
Er sieht Zeit als eine einzige Handlung Gottes, in der Gott sein Heilswerk in einer zusammenhängenden Reihe und Heilsgeschichte verwirklichen will. Zeit ist einerseits vergängliche Weltzeit, aber im Gebet und Bekenntnis kann der Mensch von dieser Vergänglichkeit befreit werden. In sich vermag Augustinus nur ein Vergehen und Älterwerden erkennen.
Das Problem mit der Zeit hatten schon andere vor ihm oder nach ihm: Der Philosoph Plotin empfiehlt eine Rückkehr in das Eine, ein ungestörtes Bei-sich-Sein der Seele. Die Gegenwart in der Versenkung verweist dann auf die Ewigkeit. Ein Nietzsche wiederum möchte die Last der Vergangenheit los werden und spricht von einer willentlichen Bejahung des Daseins, einer Bejahung der „Wiederkunft des Gleichen“.
Augustinus vermag aus dem strukturell verfallenden Dasein eine dynamische, lineare Reihe der Zeit aufzubauen, beginnend mit dem Alten Testament, endend mit dem Neuen Testament. Zeit für sich alleine wäre wie eine Fessel, Verfallenheit zum Tode (siehe Daseinsanalyse im 20. Jhd.). Im Bekenntnis, nicht im Denken (wie Plotin) oder im Willen (wie Nietzsche), vermag der Mensch allerdings auszusteigen und befreit zu werden.
Und da sagt man nicht: Wann wird die Stunde kommen? Denn es ist ein ewiger Tag, dem kein gestriger vorangeht und dem kein morgiger nachfolgt. In dieser Welt aber rollen die Tage dahin, die einen gehen, die anderen kommen, keiner bleibt. Auch die Augenblicke, da wir reden, verdrängen einander, und es bleibt die erste Silbe nicht stehen, damit die zweite erklingen kann. Seitdem wir reden, sind wir etwas älter geworden, und ohne Zweifel bin ich jetzt älter als heute morgen. So steht nichts still, nichts bleibt fest in der Zeit. Darum müssen wir den, durch den die Zeiten geworden sind, lieben, um von der Zeit befreit und in der Ewigkeit befestigt zu werden, wo es keine Veränderlichkeit der Zeit mehr gibt.
Eine groĂźe Barmherzigkeit also ist es von unserem Herrn Jesus Christus, dass er unseretwegen in der Zeit geworden ist, er, durch den die Zeiten geworden sind; dass er mitten unter allen Dingen geworden ist, er, durch den alle Dinge geworden sind; dass er das geworden ist, was er gemacht hat. Denn er ist geworden, was er gemacht hatte: er wurde Mensch, er, der den Menschen gemacht hatte, damit nicht verlorenginge, was er gemacht hatte.
Die Erlösungsbotschaft ist zugleich die Interpretation der Schöpfungsabsicht Gottes. Der gemachte Anfang in der Schöpfung soll nicht nichtig, umsonst gewesen, verloren sein durch die selbstverschuldete Dynamik des Sündenfalles, sondern das ursprüngliche „Abbild“ (Gen 1, 26) wurde durch die Menschwerdung Gottes wiederhergestellt. Dies auf eine Art und Weise, dass nicht zwangsweise der „Mensch“ zurückkatapultiert werde ins Paradies, sondern zu Bedingungen der Freiheit durch den Glaubens-Akt kann die ursprüngliche Einheit aller Zeit und Ewigkeit wiedererlangt werden. (Als Geschenk und Gnade, versteht sich.)
(c) Franz Strasser, 3. 1. 2026Â
(Literatur u. a.: Thomas Kisser, Zur Paradoxie der Zeit bei Lauth und Luhmann. Das philosophische Vermächtnis Reinhard Lauths. In: Vergegenwärtigung der Transzendentalphilosophie, Würzburg 2017, S. 185-234.)