1) Rein historische oder empirische Fakten begründen für mich nichts, wenn sie nicht in ihrer genetischen Entstehungsweise einsichtig gemacht und gedeutet werden können. Wie und warum sind Fakten so, wie sie jetzt sind? Welches Schema der Beurteilung haben wir für naturale Dinge angelegt, für gesellschaftliche Begriffe, für Architektur, für Gott und die Welt? Welcher Idealgrund der Schematisierung und Begründung steckt dahinter? Jedes actuale Erkennen ist faktisches genetisches Geschehen, ist jeweils spezifisches, werthaftes Erkennen von Natur, von Gesellschaft, oder Kunst, Religion, Moral.
Besonders beim Linzer Dom war ich immer so angetan von seiner Größe und Schönheit, von den Bildern der Mosaike, von den Fenstern, vom Kreuzaltar, von den geschnitzten Bänken, der Kanzel, der Orgel. Ich habe wirklich sehr schöne , erhabene Stunden meines Lebens dort erfahren dürfen – und jetzt soll eine ganz neue, reduzierte Altarraumgestaltung durchgeführt werden, genau in der Mitte des Domes? Quid juris? Welches Weltbild und Kirchenbild steckt hinter dieser Veränderung? Oder bin ich schon so konservativ, dass mir die Neuerung nicht mehr spontan einleuchtet?
Es wurde dankenswerter Weise zu einer Debatte (Symposion) eingeladen.((Kath. Universität, Linz, Okt. 2017): Die vielen kunstgeschichtlichen, architektonischen und liturgischen Argumente waren etwa:
a) Das Raumkonzept der Erbauerzeit unterschied zwischen Priesterkirche (Kreuzaltar, Chorgestühl) und Laienkirche
b) Nach Fertigstellung 1924 (im Unterschied zu 1859) war die Differenz zweier Teile irgendwie sichtbar; offene Forschungsfragen gibt es dazu bis heute;
c) Es gab Umgestaltungen in den 1980-er Jahren
d) mehrere Vorarbeiten zur aktuellen Umgestaltung begannen bereits 2009. Die klaren Strukturen, die Größe des Raumes, die verschiedenen räumlichen Zonen des Domes, viele kunsthistorische Fragen tauchten auf, die berücksichtigt werden wollten.
Die Baugeschichte selbst ist nicht unwesentlich für das Verstehen: die Votivkapelle 1869, vorderer Kapellenkranz 1885, Turm 1901, Langhaus 1924.
Die durch das 2. Vatikanum (60-er Jahre) veränderte Liturgie rückte die Eucharistie und die communio ins Zentrum, was natürlich ein Bischof Rudigier oder der Baumeister Vinzenz Statz (2. Hälfte 19. Jhd.) auch gewusst haben dürften, aber eben anders topographierten.
Der Volksaltar wurde aufgrund des neuen Denkens des II Vatikanums in den 1970-er Jahren geschaffen. In den 1980-er Jahren nochmals verändert (?), einerseits noch im Presbyterium angesiedelt, andererseits aber deutlich vorgerückt. Eine Orgel wurde ins Presbyterium verlegt. „Die Liturgie schafft den Raum“
Ab 2009 begannen Pläne der Umgestaltung. Die Vorgaben des ganzen Domes wurde dringlichst und behutsam berücksichtigt, die Vierung einerseits, die Geschlossenheit des oberen Teiles des Presbyteriums andererseits. Man wollte dem Raum gerecht werden – und natürlich der Liturgie. Auf die Vorgaben des 2. Vatikanums und nachfolgender Dokumente, auf pastorale Verlautbarungen der Bischofskonferenzen, diverse Richtlinien etc. wurde geachtet.
Es sollte ein liturgischer Raum der Eucharistie und des gleichberechtigten Volkes Gottes sein und ein Zeremonialkirche für eine Bischofskirche mit dort stattfindenden Weihen.
Dokumente wurden genannt: Siehe Dokument SC, 7 … dort besonders Nr. 124; oder Nr. 128. Die liturgischen Hauptfeiern sollten stattfinden können zwischen „Funktionalität und Symbolgestalt“.
Dann kam die Rede auf die Sedes d. h. auf den Vorsteherort, und ebenso die Rede auf den Verkündigungsort (Ambo) und auf den Eucharistieort (Altar).
Ein Dokument der italienischen Bischofskonferenz zur Adaption alter Räume wurde zitiert. Die tätige Teilnahme sollte berücksichtigt werden, alles gut hörbar und sichtbar sein, die Egalität der Berufenen zum Ausdruck kommen. Liturgie ist ein Kommunikationsereignis – und deshalb soll der Raum ein Kommunikationsraum sein usw.
Es kamen dann kunstgeschichtliche Schilderungen und Vergleiche: Der Tempel in Jerusalem, die Dura-Kirche in Syrien, die sog. „Hauskirche“ der ersten Christen, die Basiliken, das synagogale Bedenken des Wortes Gottes. Es kam die Staatskirche des 4. Jhd. vor z. B. Ravenna, St. Appolinaris, das Kreuz rückte in die Mitte, Christus wird durch den Vorsteher repräsentiert – es kam zu eine immer größeren Distanz zwischen Leiter der Liturgie und Volk.
Die Kunst und Architektur des Kirchenbaus in unserer Zeit sollte dann, wie gesagt, den neuen liturgischen Vorschriften des 2. Vatikanums angepasst werden.
Aktualisiert wurde gefragt: Wie kommt die Sakralität in das Raumkonzept der Gegenwart hinein? Die Parameter im Linzer Dom sind vorgegeben: Die Größe, der Stein, das Licht. Psychologische und raumsoziologische Argumente wurden vorgebracht. Die Begriffe waren viefältig. (Ich habe sie mir nicht alle mitgeschrieben.)
Die Sakralität kommt nicht von selbst, sie „muss benannt werden können“, so eine Aussage!
Das liturgietheologische Konzept, die Realsymbole, die Sinnvollzüge, sie können durch den Raum aufgefangen, verbreitet, vertieft werden ……. die liturgischen Handlungen soll ermöglicht werden, die Qualität des Tuns inklusiv tätiger Teilnahme aller Mitfeierenden soll gewährleistet sein. Der Raum wird vom Leib her erfahrbar, Raum und Mensch können aufeinander bezogen sein. Die Heiligkeit des Raumes ist ein verdichtetes Beziehungsgeschehen, eine göttlich-menschliche Kommunikation.
Das Hauptkriterium ist diese neue Zone für die Feier der Eucharistie, der communio-Raum, „die Gemeinde versammelt sich“ und viele tragen zum liturgischen Spiel etwas bei. Es braucht keine Bühnenräume für den Chor, für die Kleriker, sondern die Beteiligung aller ist möglich.
Ebenso kommt noch ein gewisser Weg-Charakter zum Ausdruck …. um nur ein paar Stichworte zu rekapitulieren.
2) Soweit ein paar Notizen aus den Vorträgen. Alles sehr gut gemeint! Ich verstehe unter Erkennen eine Akt-Einheit, ein rekonstruierendes Bilden eines Gehaltes, den jeder Mensch qua Vernunft im Herzen nachvollziehen und bilden kann. Das besagte Raumgeschehen, das liturgische Zeremoniell, weckt das einen Gehalt im Herzen eines jeden Christen/einer Christin? Sinn und Zweck dieser Debatte (des Symposions) im Okt. 2017 war, so scheint mir zumindest: Der Umbau sollte begriffen werden.
Ich möchte hier etwas frei räsonieren: Die Trias eine Altarraumes von Altartisch, Ambo, Sedes in der Mitte des Domes, ist für sich eine starke Fokussierung – an die ich mich jetzt, a) entweder gewöhnen kann, oder b) mir später in ihrem Sinn einleuchtet, c) oder ich bleibend für abwegig halte.
Der ideelle (gedankliche) Überbau dieser Trias Altar-Ambo-Sedes klingt für’s erste sehr einleuchtend. (Wahrscheinlich, wegen der Kürze des Lebens, neige ich zum ersten Punkt, dass ich mich gewöhnen werde!)
Die Idee der Gemeinschaft, der schlichte, imposante Altartisch aus einem Kalkstein Mitteldeutschlands, die Sedes, der Ambo – das wird auf eine Idee zurückgeführt, wie sie dem 2. Vatikanum vorgeschwebt ist – und wie sie aus Interpretationen der Mahlfeiern der Antike herausgelesen werden kann. Die Idee des Altarraumes genau im Kreuzungsbereich des Domes könnte auch auf den Kreuzungsbereich der Straßen der Stadt Linz und OÖ hinweisen, oder auf die Sammlung des Gottesvolkes aus allen vier Himmelsrichtungen. Die prinzipielle Gleichheit der Getauften….. u. a. Assoziationen stellen sich ein.
(Abgesehen davon, dass es viele Kathedralkirche gibt, die ähnlich aufgebaut sind, siehe St. Peter in Rom, Salzburg usw.)
Im Widerschein des Konkreten soll die Abstraktion einer Idee von Liturgie, Gemeinschaft, Treffpunkt, Durchzugsstraße, eingeholt werden. Die historische Wirklichkeit des Domes insgesamt ist hermeneutisch aus dem 19. Jhd. heraus gut zu verstehen, bekommt er jetzt eine zusätzliche Deutung, zumindest in einem Detail.
Der gewaltige Bau, der neue Altarraum, sie sind eine fortlaufende Synthesis der Erzeugung von neuen Glaubenssymbolen, Glaubensideen – und frühere Gebilde werden mit gegenwärtigen Bildern vereinigt. Das nenne ich Geschichte, architektonisch gestaltete Geschichte im begrifflichen Sinne.
Ich frage mich nur, kann der „Begriff“, der von Seiten der Liturgie vorgelegt worden ist und den Architekten empfohlen oder vielleicht sogar aufgezwungen worden ist, alle diese kommunikationstheoretischen und theologischen Inhalte tragen?
Dass mit dem Kommunikationsgeschehen möglichst egalitär die Menschenwürde jedes einzelnen verbunden ist, dass wir uns gegenseitig in die Augen schauen können, auf gleichem Niveau verkehren, das ist eine sehr hohe Idee – und ist direkt mit der positiven Offenbarung verbunden: Jesus ist gekommen, jedem Vernunftwesen Ansehen und Gleichberechtigung und Freiheit zu bringen. Wie soll diese, zuerst allgemeine sittliche Moral, dann vom einzelnen nachvollziehbare Moral, jetzt architektonisch und räumlich ausgedrückt werden? Indem wir uns in einer gleichberechtigten Vierung gegenüber sitzen? Die neue Sitzordung, der Altar, der Ambo, sie sind sozusagen der Begriff zur Gleichheit der Gläubigen. Architektur und Kunst muss gesellschaftlich, sozial denken, weil zuerst, vorallem in Fragen der sittlichen Gemeinschaft, das Allgemeine kommt, und daraus oder darin kann sich das Individuelle finden.
Die christliche Religion ist die einzige Inkarnations-Religion, die ich kenne, weil sie in ekklesiologischen und pneumatologischen Bildern das unbegreifbare Transzendente in begreifbaren Bilden darstellen kann. Das unbegreifbare Transzendente tut sich dabei zuerst in interpersonalen Kategorien der Liebe und der Vergebung kund, woraus sich der einzelne ein- und auszugliedern vermag. Die christliche Religion kennt dabei viele Bilder und Zeichen der Interpersonalität, der Liebe, der Vergebung: Das Kreuz, das Teilen des Brotes, generell alle Sakramente, das Wort Gottes u. a. m. Bildern, Liedern….
Durch die jetzt geschaffenen Fokussierung auf einen Altar, Ambo und Sedes werden wir förmlich (im Denken) in diese Richtung von Egalität, Kommunikation, Liebesgemeinschaft gedrängt. Die Liebe ist die höchste Antwort auf die Transzendenz, zuerst als sittliche Gemeinde und dann als Antworte auch des einzelnen.
Jetzt meine Frage: Wo erkennt der einzelne, wenn gerade keine Eucharistie oder innige Gemeinschaft gefeiert wird, noch den zusätzlich notwendigen individuellen Anruf Gottes?
Im Grund ist es ein gesellschaftliches Thema von höchste Brisanz, durch welche Mittel und Symbole finden die Menschen zur Eintracht und Einheit zusammen. Welche Mitteln und Medialisierungen sind dafür geeignet? Wir drängen zur Egalität und Kommunikation, zum Dialog, zum gemeinsamen Hören, Beten, Singen, Brotbrechen, das ist alles sinnvolle, teleologische Zweckbestimmung und ist viel Erziehung, Einlernen.
Der Altar – okay, Gedächtnis, zentrale Erinnerungsfeier; das Ambo, Wort Gottes, ähnlich, „Licht auf unserem Weg.“ Das ist teleologisch gerechtfertigt, das ist historisch gerechtfertigt, das ist Rückbezug auf positive Offenbarung und deshalb auch eschatologische Hoffnung.
Aber warum braucht es eine extra hervorgehobene Sedes?
Verglichen mit Altar und Ambo ist diese Berufung auf den Vorsitz der Schwachpunkt der ganzen Symbolik. Der Handhabung eines weltlichen oder geistlichen Amtes – das ist stets prekär und unsicher. Verglichen mit der Erinnerung, die ein Altar oder ein Ambo transportiert und transponiert, sind wir ja alle nur sündige Diener und nicht per se schon legitimiert und konstituiert.
3) Angenommen ich gehe in den Linzer Dom – und rundherum ist alles weggeräumt, die Bilder, die Statuen, der Kreuzaltar, total kahl ist alles an religiösen Symbolen. Es sei so ähnlich wie in einer calvinistischen Kirche oder in einer Moschee – es gäbe aber in der Vierung Altar, Ambo, Sedes – was assoziiere ich dann?
Angenommen es sind dann viele Menschen dort, beten und singen – so entnehme ich den Texten und Liedern, es ist eine christliche Kirche, es geht mein Blick nach innen. Ich schaue den anderen dabei nicht an, wenn ich bete, weil ich weiß, die Gemeinschaft, die Inspiration, das kommt alles von innen, wird unsichtbar vom Geist Gottes geschaffen, wie immer, auf jeden Fall nicht durch meine Willkür. Im Geiste sind wir auch alle gleich an Rechten und Pflichten, haben wir alle eine Würde von Gott ….
Braucht es dafür die Wahrnehmung eines Vorsitzes? Oder das Sich-gegenseitig-in-die-Augen schauen? Das in der Gesellschaft grassierende Misstrauen, die Ungerechtigkeiten, die Feindschaften, die Nachstellungen…… das kann durch ein „In-die-Augen-Schauen“ nicht verbessert werden, vielmehr bräuchten wir einen gemeinsamen sittlichen Bezugspunkt, um uns in einer gemeinsame Welt wiederzufinden. Ein „Vorsitzender“ kann gegen Misstrauen, Feindschaft praktisch gar nichts bewirken! (Es mag manchmal gute Redner, Politiker, Propheten geben, die uns verbinden, sicher, aber wie schwach ist solche Predigt!)
Bei der konkreten Feier der Eucharistie wird logisch jemand den Vorsitz führen – wie in einem Parlament es ähnlich gewisse höhere Ränge gibt – aber das Geistige und die Gemeinschaft geht nie vom Vorsitzenden selbst aus. Er möge sich vielmehr so unsichtbar wie möglich machen, durchsichtig für die Idee, für die Nähe und Repräsentation Gottes in den Liedern, Gebeten, Zeichen.
Die Gedächtnisfeier der Eucharistie ist sicherlich das Zentrum unserer ekklesiologischen und pneumatologischen Bewährung der positiven Offenbarung – aber dafür braucht es m. E. andere Bilder als eine „Sedes“. Warum jetzt so viel Wert legen auf die Sedes?
Die Durchsichtigkeit auf die Transzendenz und auf die Inkarnation Gottes (im christlichen Glauben) will ich erkennen können, wenn ich in eine Kirche gehe, sei es in eine prächtige Kathedrale oder schlichte Dorfkirche, ob romanischen, gotischen, barocken Stils, ob mit Volksaltar oder noch ohne Volksalter. (Für die Feier der Eucharistie dann logischerweise Volksaltar). Die Kunst und Architektur, die Bilder und Riten, die Gebete und Lieder, sie sind doch allesamt nur Medialisierungen eines inneren Gesprächs des einzelnen mit Gott und einer sittlichen Gemeinschaft.
4) Im actus des Erinnerns liegt der actus eines geschichtlichen Zusammenhangs – und schon eine geraume Zeit hat der Linzer Dom den geschichtlichen Zusammenhang in unserem Land geprägt und geistig zusammengehalten. Viele Menschen haben durch den Linzer Dom Kontinuität, Halt, Geschichte erfahren. Allein schon die Erbauung verdankt sich ja der ganzen Bevölkerung von OÖ. In jeder Pfarre gab es einen Dombauverein usw. Ohne Kostenvoranschlag hat Bischof Rudigier begonnen!
Es liegen die zeitlichen Dinge nicht diskret nebeneinander, Neugotik, 19. Jhd., der halbfertige Dom beim 1. Weltkrieg, der 2. Weltkrieg, sondern zusätzlich schaffen wir einen geschichtlichen Zusammenhang in den verschiedenen Epochen und identifizieren uns ein Stück weit mit dieser Architektur, mit diese Idee, mit dem Kreuzaltar vorne, mit der Marienkapelle, mit Anton Bruckner, mit dem Sel. Franz Jägerstätter, mit Mariä Empfängnis, mit der Weihe an die Gottesmutter 1944, mit Friedenswallfahrten, mit Chrisammessen – und vielleicht auch mit dem Vierungs-Altar!
Der Gemeinschaftsgedanke, die Möglichkeit des tätigen Mittuns, die Einbettung des Sakralen in der Mitte der Stadt, die gemeinsame Feier, das sind alles gute und pragmatische Gründe, ja höchste und wünschenswerte Zwecke, einen Altarraum mit diesem Zweck zu schaffen. Schafft er das? Wenn ein Altarraum im alten Syrien oder manche Kirchen in Rom oder manche Sedesbänke z. B. in Lauriacum so ähnlich aussahen, so respektiere ich das voll und ganz und traue den Christen damaliger Zeit eine existenzrelevante, werthafte Auseinandersetzung mit den Anforderungen der damaligen Zeit und der Überlieferung ihrer Glaubens zu, aber zeigt die Intention einer so modernen Altarraumgestaltung wie jetzt im Linzer Dom eine existenzrelevante Auseinandersetzung mit den Gefühlen, Anfragen, Zweifel, gesellschaftlichen Fragen unserer Zeit? Sicherlich, die Eucharistie wäre die Lösung, der Ambo der Weg, aber wie könnte die Sedes die Gefühle, die Anfragen, die Zweifel, die gesellschaftlichen Unstimmigkeiten auffangen und lösen?
In einer Moschee, so kommt mir das vor, oder ähnlich in einer Synagoge, gibt es keinen wertrelevanten, existenzrelevanten Vorsitzenden, mithin keine Priester und nicht viel Standesunterschied. Im alltäglichen Leben sind sie bezüglich Standesunterschieden aber keinen Deut besser als vielleicht christliche oder säkulare Gesellschaften. (Man denke nur an die Unterdrückung der Frau im Islam.) Bei angeblich symbolischer Egalität in einer Moschee oder Synagoge herrschen im alltäglichen Leben ebenso krasse Ungerechtigkeiten und die sittliche Gemeinsamkeit ist bei weitem nicht erreicht. Der Feierraum allein schafft das nicht, leider!
Die architektonisch ausgedrückte Erinnerung an sittliche Gemeinsamkeit in der Vierung des Linzer Doms – ja, das wäre ein absolut erstrebenswertes Ziel!
Der Rückbezug auf Erlösung und Rettung durch Altar und Ambo scheint mir völlig klar zu sein, zumindest theoretisch.
In der Sedes sehe ich aber immer noch alles Standesdenken, hierarchisches Denken.
Der Bischof in unserem Lande wird noch akzeptiert und anerkannt, von allen Parteien und Richtungen, und selbst wenn er nicht anerkannt würde, spielt er eine Rollen. Das sind alles so allgemeine, wissenssoziologische Bedingungen (Peter L. u. Thomas Luckmann, 1974), ohne die anscheinend unsere Gesellschaft nicht funktioniert. Aber das alles direkt in die repräsentationale Sphäre göttlicher Manifestation zu rücken, wenn ich den Altarraum mit hervorragender Sedes ausstatte? Und das gilt nicht nur für den Bischof von Linz, jeder Pfarrer darf sich in der Feier der Eucharistie fühlen als „in persona Christi“ handelnd? Wird hier der Begriff der „Repräsentation“ nicht überzogen?
Die neue Architektur spricht für die Rückgebundenheit an die positive Offenbarung – aber ebenso deutlich, und deshalb räsoniere ich hier so dahin, spricht sie für eine kirchliche Hierarchie. Gleich, ob jetzt ein Mann, oder später eine Frau, den Vorsitz übernähme, es bleibt die hierarchischer Perzeption immer mitbegriffe
5) Ich lasse mich zwecks Analyse des Altarraumes hypothetisch vom Wort „Repräsentation“ leiten: Dieses Wort ist manchmal umstritten, aber mangels eines besseren Paradigmas, wie ich den Sinn eines kirchlichen Feierraumes beschreiben sollte, will ich ihn verwenden. (Ich bin mir hier aber selber gar nicht so sicher!) Der Kirchenraum kann und soll etwas repräsentieren – durch die Architektur, durch die Bilder, durch die Zeichen.
Ich möchte mich ebenfalls hypothetisch leiten lassen von einem „entymemischen“ (oder entymematischen) Verfahren, wie es die STOA oder das spätere Mittelalter oder DESCARTES gepflogen haben: Das Denken in „Entymema“ ist ein rhetorisches Verfahren, wobei durch analogisierendes und nachvollziehendes Denken eine Erkenntnis hergestellt wird, die anders gar nicht hätte gefunden werden können. Der Mittelbegriff in einem Schlussverfahren von terminus maior und terminus minor ist das argumentum, das als einleuchtende, intuierende Einsicht in jedem/jeder, der/die diesen Erkenntnisschritt mit vollzieht, sich von selbst einstellen und bewähren sollte.
In einer christlichen Kirche mit Altar, Ambo, Kreuz, Bilder, in der ganzen Architektur eines Kirchenbaus, müsste für einen Eintretenden (vielleicht sogar Neuheiden) die Hermeneutik des Verstehens sofort anspringen. Das „argumentum“ müsste einsichtig sein, ja, das soll eine christliche Kirche sein (und keine Moschee, keine Synagoge), eine „repräsentatio dei“ der christlichen Religion.
Die „repräsentatio“ ist das argumentum als schlusstiftender Mittelbegriff, der die Architektur, den Kirchenraum, den Altarraum, die Bilder, erklärt – und bei Versammlung noch dazu weiter erklärt und einsichtig macht durch die Musik, die liturgische Feier – ja, das macht den christlichen Glauben aus.
Die Kunst und Architektur, alles soll der „repräsentatio dei“ dienen und die lebendige Erinnerung an die positive Offenbarung in Jesus Christus wecken.
Beim Symposion fiel z. B. das schöne Wort: „Der Mensch wird von außen nach innen gebaut. Es braucht anspruchsvolle Räume, die Ehrfurcht einfordern.“ Das ist zweifellos durch den Linzer Dom gegeben.
Grundsätzlich wieder gefragt: Hat jetzt eine „repräsentatio dei“ die Architektur alleine bewirkt? Sicherlich alleine nicht, denn wir wollen ja ein egalitäres Kommmunikationsgeschehen erreichen – und dazu sind Gebete, Gesänge, die Rituale, die Zeichen, die Bilder, vielleicht sogar der Vorsitzende, mitkonstitutiv beteiligt. Die Architektur macht einen Teil der „repräsentatio dei“ aus. (Immerhin, so große Macht hat die Kunst!)
Alles Geschehen zusammengefasst kann gesagt werden, die perzeptive und rezeptive Aufnahme macht das Gebet, die Inspiration, die Gnade aus. Jetzt aber die kritische Frage: Spielt dabei die Sedes eine wichtige Rolle? Ich würde sagen, nein, sie dient nur in sekundärer Weise dem intuitiven „argumentum“ einer „repräsentatio dei“.
Sie dient m. E. der juridischen Deklaration und Absicherung, ja das ist hier eine katholische Kirche – und kein x-beliebiger christlicher Gottesdienstraum.
Nun war im 2. Jhd. n. Chr. das wirklich einmal prekär, dass die christliche Kirche im Gegensatz zur Gnosis und anderen Häresien sich durch hierarchische Ämter auszeichnen mussten: Zur Gültigkeit der Sakramente war das ausdrückliche Bekenntnis zur kirchlichen Communio und zu einer gewissen Hierarchie sakramentaler Ämter notwendig.
Braucht es heute noch diese juridische Deklaration, diese Abgrenzung? Einen Beweis der Gültigkeit?
Viele werden das begrüßen und bejahen. Wir brauchen keine Anarchie.
Soll und kann eine katholische Ordnung durch die Architektur zum Ausdruck kommen? Offensichtlich ja, von wem immer das ausgegangen ist, ob vom Architekten oder ausdrücklich von Liturgen oder anderen kirchlichen Bestrebungen.
Die „repräsentatio dei“ in einer egalitären Gemeinde, in einer sittlichen Gemeinsamkeit – das ist die teleologische Zielbestimmung – aber erreicht wird das nur durch eine gewisse sakramentale Ordnung von hierarchischen Ämter – gleich, wenn selbst später vielleicht Frauen diese Ämter bekleiden und die Sedes einnehmen. Die kirchliche Ordnung hat hier die Architektur bestimmt. Die gültige Feier eine Eucharistie ist kirchenrechtlich und architektonisch vorgeben und so konstituiert, obwohl die sittliche Gemeinsamkeit ja nur durch die Partizipation und aktive Teilhabe aller Gottesdienstbesucher oder aller Kirchenbesucher erreicht werden kann. Das ist für mich eine gewisse Aporie. Es ist schon konstituiert, was aber nur erst entsteht durch aktives Mitfeiern und Mittun.
Die Sedes wird jetzt vielen Gottesdienstbesuchern völlig egal sein, sie kommen wegen Kummer und Leid, wegen Freude und Danksagung, wegen des Chores, wegen der Musik, wegen der Erhabenheit des Raumes u. a. m. Irgendein spirituelles Erlebnis kann jeder/jede mitnehmen. Dass es aus pragmatischen und soziologischen Gründen „Vorsitzende“ und „Vorsteher“ braucht, einen Bischof, eine Priester, einen Diakon, das ist aus systemtheoretischen Bedingungen ebenfalls einzusehen und abzuleiten, warum diese Anfrage meinerseits?
Ich kann mir nicht helfen, die hervorgehobene Sedes hat etwas Dekretales und Kirchenrechtliches an sich. Hätte Jesus auf einen solchen „Vorsitz“ bestanden?
6) Nochmals prinzipiell zur Architektur und zum Stein: Es soll im Kunstwerk Prinzipielles in concreto ausgedrückt werden – d. h. auch das Verborgene, Unbegreifliche Gottes müsste irgendwo zu „sehen“ sein. Soll ich jetzt den Schluss ziehen, wenn der vorsitzende Bischof in der Domkirche oder der x-beliebige Pfarrer/Priester in einer Landkirche fehlt, d. h. wenn die Sedes leer ist, fehlt auch die „repräsentatio dei“? Sicherlich nicht, so wichtig nehmen die irdischen Vertreter sich nicht. Aber warum dann überhaupt diese Hervorhebung?
Die konstitutive Differenz zum unbegreiflichen Gott ist weiterhin denkbar im Linzer Dom, eine Inspiration für alle und von allen und zu jeder Zeit, denn es gibt so viele Zeichen, Bilder, spirituelle Nischen, von mir aus auch durch den neuen Altar und das Ambo in der Vierung. Die Sedes finde ich aber nur in einem sekundären Nachdenken sinnvoll: Die Symbolkraft der Kirche und die Manifestation der Inkarnation Gottes in vielen Bilder – sie hängt an gewissen hierarchische Bedingungen. Trotz angestrebter Egalität bleiben Standesunterschiede.
30. 10. 2017
© Franz Strasser