Das Leib-Seele-Problem

1) In der Neurophysiologie und generell in der evolutionären Erkenntnistheorie (abk.=EE) wird die Auffassung vertreten, Erkennen sei eine Gehirnfunktion. Folglich müsse die Rede vom Bewusstsein in eine nichtsubjektivistische Sprache transformiert werden. Alle mentalen Phänomene sind naturalistisch erklärbar und können in eine physische (neurobiologische) Terminologie von Abläufen und Erscheinungen übersetzt werden. Besonders heikel werden diese Fragen dann in Sachen psychopathologischer Phänomene, wenn diagnostisch und dann therapeutisch „seelische“ Erkrankungen wir Neurosen, Psychosen, Fehlleistungen nach Ursachen erklärt werden sollen, zu welcher kausalen oder handlungstheoretischen Erklärung greift man dann?
Die Theorie zum Unbewussten verlangt genaue epistemologische Herleitungen der Begriffe und Begründungen und Ursachen, die ohne Transzendentalphilosophie m. E. nicht hinreichend geklärt werden können. Ein S. Freud hatte m. E. gute handlungstheoretische Gründe für sein Repertoire an Verdrängungen, Projektionen, Sublimierungen genannt, die zu diesen oder jenen Krankheiten führen können, aber wie wird diese Meta-Psychologie wiederum begründet? Es gibt vielleicht eine unterschätzte Bedeutung der Interdependenz von Psychiatrie und Philosophie.
Kommt es bei den „seelischen“ Erkrankungen dabei wirklich zu rein hirnphysiologischen Erklärungen (zu naturalistische) Erklärungen, sodass der Körper (das Gehirn) selbst das Objekt der Beobachtung ist, oder sind nicht umgekehrt viele geschichtliche und gesellschaftlich-soziale und interpersonale Gründe und Ursache für psychische Krankheiten verantwortlich, sodass der Körper (das Gehirn) deshalb so reagiert?
Die Transzendentalphilosophie sieht den Körper als „Leib“ und erklärt die seelisch-psychischen Phänomene als Strebensphänomene, positiv wie negativ, der freien Selbstverwirklichung.

Ich möchte nur ganz kurz auf das Denken des Leibes bei Fichte eingehen. Was genauer den handlungstheoretischen Zusammenhang der Erklärungen psychischer (seelischer) Phänomene bei S. Freud oder in einer neurophysiologischen Erklärung bedeutet, wie die Vorstellungen von Ursachen und Gründen gebildet werden, das wäre erst die Frage und ein umfangreiches Thema.
Ich muss mir das auf später aufsparen.
Ich nenne zwar mein kurzes Thema hier „Leib-Seele-Problem“, ist aber von einer großen philosophischen Weite, historisch wie epistemologisch in den Begriffsbildung.

2) Man kann die Unterscheidung zwischen Bewusstsein einerseits und Hirnfunktion andererseits eventuell in ein anderes Gegensatzpaar zerlegen, indem man beim Gehirn von neuronalen Prozessen spricht – und das unerklärlich „Geistige“ dann „mental“ oder intentional nennt, allein wie beides wieder zusammengeht ist damit wiederum nicht erklärt. Es bleibt eine naturale Anomalie und ein Wunder der sinnlichen Natur, dass Geist und Leib, Intentionalität und Gehirnfunktion, zusammenspielen. Was aber wäre, wenn der ganze ontologische Dualismus falsch wäre? Die empirische Natur kann weder rein naturalistisch aus sich selbst erklärt werden, noch kann diese Natur idealistisch-rational aus dem Geiste erklärt werden ohne Basis von Empfindungen, Gefühlen und interpersonalen Aufforderungen.

Eine naturalistische Erkenntnistheorie, die von angeblich beobachtbaren Hirnphänomenen ausgeht, muss ständig zwischen neuronalen „Geistesfunken“ und gedeuteten, projizierten Mustern hin und her springen, zwischen wie immer gearteten „materialen“ Erscheinungen und deren geistigen Interpretationen. Nachträglich wird noch eine Zeitreihe in räumlicher Anordnung aufgebaut und ein notwendiger oder hinreichender kausaler oder handlungstheoretischen Zusammenhang aufgestellt. „Ich will meine Hand heben“ und sie hebt sich, oder eine psychische Erkrankung hat dieser ohne jene Ursache.
Es werden hier schnell die Begriffen unklar und von der Seite eingeschoben. Ständige Erschleichungen passieren. Phänomene werden durch naturale Ursachen erklärt, obwohl es nur hermeneutische GrĂĽnde gibt, hinreichende Handlungsbedingungen werden zu notwendigen sachlichen Ursachen, „Informationen“ werden angeblich abgelesen… ein epistemologisches Minenfeld tut sich auf!

3) In einer philosophische Prinzipienerkenntnis der Leib-Seele-Einheit müssen die gehirnphysiologischen Vorgänge nicht unbeachtet bleiben, aber alle induktiv gefundenen Wahrscheinlichkeitsergebnisse können nur innerhalb eines apriorischen Konzepts des  Sehens und innerhalb eines selbst apriorisch abgeleiteten Begriffes von Empirie und entsprechender Handlungstheorie und in praktischer Absicht erkannt werden.  

Der Leib muss nicht unerklärlich  als „res extensa“ einem ebenso unerklärlichen „res cogitans“ des Geistes gegenüberstehen, sondern beide gehören  als Leib und Geist einer Gattung des Erkennens und des Wollens-in-actu an. In der fichteschen Transzendentalphilosophie: Der Leib ist eine intelligible Willensmanifestation des Geistes in versinnlichter Form.
Die Naturkraft, die gemeinhin von der Einzelwissenschaft z. B. von der Physik in einem objektivistischen Sinne vorausgesetzt wird, ist ein abgeleitetes Produkt, darstellbar als Vektor einer inneren Kraft. Alle Außenkausalität ist ein Analogon einer inneren Willenskausalität. Allen sinnenweltlichen Erscheinungen liegt ein intelligibles Substrat zugrunde, das sich quantitiert verwandelt darstellt. Jeder Dualismus von Geist und Materie, Seele und Leib, muss in einer transzendental-reflexiven Durchdringung der Wirklichkeit überwunden werden können zugunsten einer prinzipiellen Einheit von Denken und Sein, von Seele und Leib.

Der Wille zu äußeren Bedingungen angeschaut,  das ist der ausschematisierte Leib; der Wille zu inneren Bedingungen angeschaut, das ist die intelligible, sittlich-werthafte Welt.

In und durch die transzendentale Bestimmung des Leibes konstituiert sich die reelle Wirksamkeit des formal freien Willens in der Entscheidungszeit und Erscheinungszeit, ferner in der Entscheidungskraft und Leibeskraft.

Die WLnm (1796-1799) demonstriert sehr anschaulich, wie Freiheit und Natur zusammenwirken im System der Sensibilität [ebd., § 8, § 11; § 13], in der Ableitung der Motorik und Sensorik des Leibes [§ 14 [GA IV, 2, 155ff], in der Ableitung der Organizität [§ 15; GA IV, 2, 171f]; schlieĂźlich in der Ableitung des Begriffes der Kraft [§ 17; GA IV, 2, 197f und 210ff] und in der Ableitung der Artikulation und Organisation [§ 19; GA IV, 2, 256 – 261].

Oder, zeitlich parallel entstanden, zitiert aus der „Sittenlehre“ von 1798:

Das geistige in mir, unmittelbar als Princip einer Wirksamkeit angeschaut, wird mir zu einem Willen. Nun aber soll ich auf den schon oben seiner Entstehung nach beschriebenen Stoff wirken. Aber es ist mir unmöglich, eine Wirkung auf ihn zu denken, ausser durch das, was selbst Stoff ist. Wie ich mich daher, wie ich muss, wirkend denke auf ihn, werde ich mir selbst zu Stoff; und inwiefern ich so mich erblicke, nenne ich mich einen materiellen Leib. Ich, als Princip einer Wirksamkeit in der Körperwelt angeschaut, bin ein articulirter Leib; und die Vorstellung meines Leibes selbst ist nichts anderes, denn die Vorstellung meiner selbst, als Ursache in der Körperwelt, mithin mittelbar nichts anderes, als eine gewisse Ansicht meiner absoluten Thätigkeit. (Hervorhebung von mir, Sittenlehre 1798, SW IV, 11)1

Dieses Zitat soll eines unter den vielen Insertions- und Vermittlungspunkten zwischen geistiger Tätigkeit und Tätigkeit des Leibes anzeigen. (Besonders in der SL-1798 ist das Thema der sinnlichen Natur in transzendentaler Perspektive abgehandelt, siehe aber auch Wlnm oder Platner-Vorlesungen (GA II, Bd. 4).

Wenn es um Gefühl und Trieb und Streben geht, so bekommt die Natur den Status eines vermittelnden Bereichs, der nicht einer bloßen Passivität überlassen werden kann, als könnte von außen her ein Reiz, eine Information abgelesen und diagnostiziert werden. Gerade durch die Leib-Seele-Einheit ist die Form der Vermittlung von Geist und Natur ermöglicht, verlangt aber umgekehrt die genaue Beachtung der Grenzen von epistemologischer Erklärung. Was wird rein empirisch gemessen und festgestellt, was ist bereits hermeneutische Deutung und Bildung, was ist sprachliche Erfolgs- oder Misserfolgsgeschichte, schließlich, was ist praktische Meta-Erklärung (teleologisch-ethische Erklärung).

Es müsste hier natürlich viel ausgeführt werden zur Bewegung, Artikulation, Organisation. Ich bringe nur abschließend ein Zitat, dass zum Nachlesen dort einladen soll: „Der Geist behält bei Fichte (…) die Positivität der originellen Tätigkeits- und Kraftquelle, jedoch wird versucht, alles durch Energie und eine Form der Tätigkeit zu beleben, die, im Unterschied zu Kant, Streben und Neigungen mit einbezieht und als Formen des Leidens auslegt, welche zu einer Intensivierung der Polarität, des Austausches und letztendlich des Fortschreitens der Subjektivität beitragen. Dies veranlaßt Fichte, auch in bezug auf die Teleologie und das zielgerichtete Handeln eine Apriorität der Betrachtung einzuführen, die er durch das Streben als grundsätzliches transzendentales Charakteristikum begründet.“2

Ich verweise z. B. ebenfalls auf „Naturphilosophie“ von R. Lauth oder auf diverse Aufsätze von M. J. de Carvalho.

Zur Begriffsverwendung psychischer Erklärungen nach Kant (nicht Fichte) siehe Cord Friebe, Theorie des Unbewussten, Würzburg 2005 – download auf academia.edu – Link

Oder Paul Hoff, Transzendentales Denken und Psychiatrie. In: Vergegenwärtigung der Transzendentalphilosophie. Das philosophische Vermächtnis Reinhard Lauths. Hrsg. v. Marco Ivaldo, Hans Georg von Manz, Ives Radrizzani, Würzburg, 2017, S. 273-290.

(c) Franz Strasser, 25. 5. 2015

1Es ist m. E. ein beschämendes Ergebnis, wie bis jetzt die Einheit von Seele und Leib auĂźerhalb einer transzendentalen Erklärungsart zu beschwören versucht wird. Es wird von emergenten Erscheinungen geredet, von „Geist-Philosophie“, von prästablierten Harmonien usw.

2 Cristiana Senigaglia, Geist und Natur in Fichtes Ethik. In: „Natur“ in der Transzendentalphilosophie. Eine Tagung zum Gedenken an Reinhard Lauth. Hrsg. v. Helmut Girndt, Berlin 2015, S. 202.

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser