Aus dem Brief an Epiktet.
Der Apostel sagt, das Wort habe sich der Nachkommenschaft Abrahams angenommen.
Von Anfang an wird von Athanasius eine überhistorische, geistige Zeitreihe angenommen, eine durch die göttliche Erwählung zusammengefasste Reihe und Richtung: Abraham – die Propheten – Jesus – die pilgernde Kirche. Es ist eine Art Inkarnationsbewegung mit dem Ziel: das a) Unbegreifbare und Unbleitbare einer Offenbarung Gottes überhaupt, als auch b) im Folgeschluss, „wenn – dann“ das Konkrete, Zeitliche, Interpersonale einer positiven Offenbarung hervorzuheben. Die genetische Erscheinung Gottes wird aufgelöst in eine faktische Erscheinung.
Es musste darum in allem seinen Brüdern gleich sein (1) und einen uns ähnlichen Leib annehmen.
Für die leibliche Erscheinung war die Gottesmutter Maria erwählt. Die Jungfrau und Gottesmutter Maria rückt an höchster Stelle der Ersterlösung hinauf, weil die ur-bildliche Erscheinung Gottes a) das bestehende Sein und die ganze Schöpfungswirklichkeit und die leibliche Natur nicht für schlecht erklären will, sondern b) durch die Bedingungen der Freiheit kann sie wiederhergestellt werden. Die Jungfrau erwies sich dabei so frei, dass sie Gottesmutter werden konnte.
Die gefallene menschliche Natur leuchtet in der Jungfrau und Gottesmutter wieder in ihrer ursprünglichen Schönheit und Schöpfungsabsicht hervor, in der Schöpfungsabsicht Gottes, die die durch JESU ebenfalls zu Bedingungen der Freiheit vollkommene Freiheitstat vollends und vollkommen sichtbar werden sollte.
Vom menschlichen Gesichtspunkt aus brachten hier Maria und JESUS ein gleiches Opfer der Bejahung und Freiheit. Von einem absoluten Standpunkt aus manifestiert sich in der wirklichen Freiheitstat JESU die grundsätzliche Erscheinungs- und Inkarnationsbewegung Gottes, von der noch die Jungfrau und Gottesmutter MARIA zehrt und lebt im Heiligen Geist. Die Inkarnationsbewegung oder Zuwendung Gottes muss ich ja irgendwie zeigen und verkörpern in geschichtlichen Bildern – und hier gerade nochmals so spezifisch in einer Jungfrau.
Schöpferisch kann die ursprüngliche Absicht Gottes im nachhinein durchdrungen werden durch die geschichtliche Manifestation JESU, in qualitativer Weise – und so kann von einem erst-erlösten, schönsten Mensch gesprochen werden, der das WORT aufnimmt: Maria, die neue Eva, Mutter aller Lebendigen, die im Glaubensakt an JESUS wiedergeboren werden können. Die menschliche Natur ist in ihr unbefleckt gezeichnet, weil diese Erkenntnis aus einem ur-bildlichen Akt der Freiheit kommt, der sich in JESUS vollendet hat.
Aus dem Urbild der durch JESUS geretteten Menschheit leuchtet eine Person exemplarisch hervor, wie es das geben muss, soll die Inkarnationsbewegung Gottes zu einem guten Ende kommen und überhaupt sichtbar werden. Maria ist nicht die Evidenz einer vollkommenen Freiheitstat, wie sie Jesus gebracht hat, die für sich jetzt vielfältig erst in einem Glaubensakt und Lebensakt auszulegen wäre, aber die faktische Evidenz des leiblich und menschlich Möglichen. Die faktische Evidenz korrespondierend und antwortend auf die vollkommenen, genetische Evidenz der Freiheitstat Jesu.
Die Schrift erwähnt die Geburt und sagt: „Sie wickelte ihn in Windeln“ (2); die Brust, die ihn stillte, wird seliggepriesen (3), und weil er der Erstgeborene war (4), wird für ihn das Opfer dargebracht. Gabriel übermittelte ihr zurückhaltend und klug die Botschaft (5). Er sagte nicht einfach: „Was in dir wird“, damit man nicht meint, der Leib werde von außen in sie hineingebracht. Er sagt vielmehr: „aus dir“; denn dies sollte der Glaube sein: „Was da gezeugt wird, hat seinen Ursprung aus ihr.“
Das „aus dir“ ist die in die Schöpfung der Natur und des weiblichen Leibes hineingelegte Schöpfungskraft, das Abbild göttlicher Schöpfungskraft, generiert und gezeugt nicht aus einem naturalen Nichts, sondern aus Gottes Schöpferkraft. (Die Evidenz der sinnliche Natur ist selbst nur übertragene Kraft aus einem teleologischen Denken heraus.)
Die göttliche Absicht sollte sich unzählig oft vervielfältigen in jedem neuen Keim der Natur, besonders in jedem Keim des Vernunftwesens „Mensch“. Wo und wie wird aber diese Absicht Gottes offenbar? Von Athanasius schön ausgedrückt, Maria schaute nicht hinter den Vorhang Gottes, was seine Absichten sein könnten, sie brachte ihr Wort als „Opfer“ dar im Glaubensakt:
Das war die Absicht: Das Wort nahm das Unsrige an und brachte es als Opfer dar und nahm es damit gänzlich hinweg.
Das Opfer der Bestechung Gottes hat hier aufgehört zugunsten des Opfers des Lobes, des Opfers der freien Antwort. Ein „Opfer“ ist nur sinnvoll, wenn es freiwillig geschieht, im Glauben, dass Gott alles weiß und erkennt und hält – und das Opfer selbst wieder zurückgeben wird in einem größeren Maß der Erfüllung als im Maß des Verlorengegangenen.
Als er uns dann mit dem Seinigen bekleidete, konnte der Apostel schreiben: „Dieses Vergängliche muss sich mit Unvergänglichkeit bekleiden und dieses Sterbliche mit Unsterblichkeit“ (6).
Das ist keine erdichtete Annahme, wie einige gemeint haben. Keineswegs! Als vielmehr der Erlöser wahrer Mensch wurde, erlangte der ganze Mensch das Heil. Unser Heil ist wahrlich keine erdichtete Sache, und es geht nicht bloß den Leib, sondern den ganzen Menschen an. Leib und Seele ist im Wort Heil widerfahren.
Dem ganzen Menschen ist im WORT Gottes Heil widerfahren, dem Leib, wie der Seele, weil der Mensch selbst von einem geistige Prinzip her als Ganzer sich geschaffen und gebildet und gerettet vorkommen darf.
Was aus Maria gemäß der Schrift hervorging, war seinem Wesen nach ein wirklicher Mensch, und es war der wahre Leib des Herrn. Wirklich: ein wahrer Leib war es, weil er dem unsern gleich war. Denn Maria ist unsere Schwester, weil wir alle von Adam abstammen. Wenn es bei Johannes heißt: „Das Wort ist Fleisch geworden“ (7), so ist damit dasselbe gemeint, wie wenn Paulus sagt: „Christus hat für uns den Fluch auf sich genommen“ (8). Dem menschlichen Leib ist aus der Gemeinschaft mit dem Wort großer Reichtum zugewachsen: denn aus dem sterblichen Leib wurde ein unsterblicher; er war ein irdischer Leib und wurde ein überirdischer (9);
In Maria bekennen wir die Erlösung, sie ist die Ersterlöste, die mit Leib und Seele in den Himmel Aufgenommene, weil wir ganzheitlich denken. Der sterbliche, gebrechliche Leib ist auch schön, Ausdruck der göttlichen Schöpfungskraft, die niemals endet oder zurückgenommen werden soll.
er war aus Erde gemacht und durfte dennoch das Tor des Himmels durchschreiten. Die Dreieinigkeit bleibt immer Dreieinigkeit, auch nachdem das Wort aus Maria Fleisch angenommen hat, und sie erfuhr weder Zuwachs noch Minderung; sie ist vielmehr immer vollendet, und in der Dreieinigkeit wird der eine Gott erkannt.
Durch die Dreieinigkeit wird die menschliche Natur aus Leib und Seele voll und ganz verstanden. Der ganze Mensch ist erschaffen, erlöst, und ist zur Vollendung bestimmt.
So wird von der Kirche verkündet: ein Gott, der Vater des Wortes!
1 Hebr 2,16-17.
2 Lk 2,7.
3 Vgl Lk 11,27.
4 Ebd.
5 Lk 1,35.
6 1 Kor 15,53.
7 Joh 1,14.
8 Gal 3,13.
9 Vgl. 1 Kor 15,44.
(c) Franz Strasser, 3. 1. 2026