Fichte, Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters, SW VII, 1806.
Die historischen Ereignisse Ende 1804 und Anfang 1805 haben J. G. Fichte wohl bewogen, die Phänomene seiner Zeit aus einer apriorischen Perspektive vertieft zu betrachten. Interessiert hat er sich schon immer für dieses Thema.1 Es muss im Schatten der napoleonischen Kriege eine sehr unruhige, bewegte Zeit gewesen sein – und es ist bemerkenswert, mit welcher Ruhe Fichte hier an eine Geschichtsphilosophie herangeht.
Zur historischen Entstehungsgeschichte dieser Schrift siehe GA.2
An Sekundärliteratur konsultierte ich: R. Lauth, K. Hammacher, Carla de Pascale, Michael Gerten, Claudio Cesa, Marco Ivaldo und Ives Radrizzani. 3
Die Schrift GdgZ kann ich mehr oder minder nur paraphrasieren, weil in das Denken von Zeit und Geschichte, Geschichtlichkeit und Verzeitigung, derartig viel an historisch-empirischem wie metawissenschaftlich-philosophischem Material eingeflossen ist, dass wohl überall eine Ideenassoziation aufgemacht werden kann.
Zum gesamten Werk ist schlicht und einfach zu sagen, was ja mein Hauptinteresse der Lektüre gewesen ist, dass Fichte an einem Begriff von „Geschichte“ festhält, d. h. dass sowohl apriorisch aus der Vernunft, als auch aus dem Zusammenspiel eines unableitbar Gegebenem, eine Idee und ein Sinn-Begriff abgeleitet werden kann, was füglich „Geschichte“ zu nennen ist. Das widerspricht gängigen Auffassungen von einer naturalistischen Zeitauffassung, d. h. Natur und Kultur sind nur äußere, evolutionäre Abläufe, historische Aneinanderreihungen ohne Zusammenhang, als auch rationalistischen Theorien von Zeit und Geschichte, als liefe von selbst alles auf ein immanentes, notwendiges Ziel hinaus. Diese materialistisch/idealistischen Geschichtskonzeptionen, in säkularer, technischer oder pseudo-religiöser Form, sie haben viel Unheil über die Menschheit gebracht, sie wurden entweder gewalttätig durchgesetzt oder führten zu tiefer Resignation und Pessimismus oder zu naivem Fortschrittsglauben.
Mein Blick ist hier großteils auf die GdgZ gerichtet, obwohl zu einer vollständigen Geschichtsphilosophie mehrere Schriften Fichtes herangezogen werden müssten, zuletzt die sogenannte „Staatslehre“ (StL-1813).
Wir erklären oft etwas für „Fortschritt“ oder „Rückschritt“, aber welchen Maßstab legen wir in eine Entwicklung hinein? Welche Ziele der Entwicklung kann es geben für einzelne wir für ganze Völker, ja für die ganze Menschheit?
1. Vorlesung: (alle kommenden längeren Zitate von Fichte hebe ich rot hervor, fette Hervorhebung bei Fichte oder Sekundärliteratur ebenfalls nur meine subjektive Betonung).
1) Es gibt einen über allen Zeitfluss und über allem Werden stehende, überzeitliche Einheit des Denkens von Zeit: „Uebrigens geht die Zeit ihren festen, ihr von Ewigkeit her bestimmten Tritt, und es lässt in ihr durch einzelne Kraft sich nichts übereilen, oder erzwingen. Nur die Vereinigung, aller, und besonders der inwohnende ewige Geist der Zeiten und der Welten vermag zu fördern.“ (SW Bd. VII, 1. Vorlesung; ebd. S 15)
Fichte will a) ein philosophisches „Gemälde“ seiner gegenwärtigen Zeit, d. h. eine apriorisch- begriffliche und prinzipielle Durchdringung des Denkens von Zeit und Geschichte schaffen, ferner b) zu einem Stufenplan von Geschichte herabsteigen (Fünf-Stadien-Gesetz) und c) seine eigene, gegenwärtige Zeit in ihrem Prinzip, wie er später sagen wird, des Zeitalters der „leeren Freiheit“ und der bloß positivistischen „Erfahrung“, der „vollendeten Sündhaftigkeit“, kritisch hinterfragen.
Vergleicht man Fichtes Zeit 1804/1805 mit heute, so fallen frappierende Parallelen auf, wollte man allein bei dieser Charakterisierung seines und unseres Zeitalters stehen bleiben.4
1. 1.) Begrifflich-philosophisch – nicht empirisch – etwas erklären kann nach Fichte nur heißen: „Ein philosophisches Gemälde des gegenwärtigen Zeitalters ist es, was diese Vorträge versprechen. Philosophisch aber kann nur diejenige Ansicht genannt werden, welche ein vorliegendes Mannigfaltiges der Erfahrung auf die Einheit des Einen gemeinschaftlichen Princips zurückführt und wiederum aus dieser Einheit jedes Mannigfaltige erschöpfend erklärt und ableitet.“ (ebd. S 4, Hervorhebung von mir)
Dazu muss ich jetzt einerseits zurück- wie vorausblicken: Zeit und Geschichte können nur im Bewusst-Sein gesetzt und gebildet sein, so bereits die Entdeckung in der beginnenden WL 1793/94, d.h. schon in den „Eignen Meditationen über die Elementarphilosophie“, GA II, 3. 5
Es ist das Wissen und die intellektuelle Anschauung, die gleichfalls die äußere Anschauung wie die innere Zeit-Anschauung ins Bewusstsein aufnehmen kann.6
Das äußere Mannigfaltige, „die Materie kann nicht beschrieben werden, ausser durch Construction einer Linie. Diese aber bedarf einer Richtung; diese einer Folge von Puncten, diese eines Wissens, in dem ein Mannigfalitiges zusammengefasst werden, außerdem würde die Linie zum Puncte (…) wie kann du doch jemals zu einer Linie kommen, als dadurch, dass du die Puncte ausser einander hältst (sonst fallen sie zusammen), sie aber auch in einem Blicke zugleich zusammenfassest und ihr Aussersichseyn aufhebst (sonst kämen sie gar nicht an einander)? Du begreifst doch aber, dass diese Einheit der Mannigfaltigkeit, dies Setzen und Wiederaufheben einer Discretion nur im Wissen seyn kann.“7
Fichte gibt in der 9. Vorlesungen GdgZ eine sagenhaft kurze Beschreibung, wie Zeit und Geschichte dem Denken nach möglich sind, ohne sie dogmatisch, idealistisch oder realistisch, vorauszusetzen. Zugleich ist diese Schrift GdgZ aber erst eine Zwischenstufe auf dem Weg zur vollen Geschichtlichkeit des Denkens, wie ich den Argumentationen und Deutungen von K. Hammachers entnehmen kann – siehe dann unten. Denn aus der späteren Sicht der „Staatslehre“ von 1813 könnte man die Texte in der GdgZ noch als einseitig vom transzendentalen Sein des Selbstbewussteins her geprägt ansehen. Später, 1813, wird die Erscheinung des Absoluten in einer Person notwendig die Zeit und Geschichtlichkeit selber einteilen in „alte“ und „neue Welt“. Das Denken aller Prinzipien und Prinzipate der Wirklichkeit bleibt zwar an das Selbstbewusstsein und Ichform gebunden, doch der Inhalt der „neuen“ Welt, nochmals in Gesetzlichkeit und im Gegensatz zur „alten“ Welt gesehen, bestimmt dann wesentlich die Art und Weise der Geltungs- und Darstellungsform des Ichs und die Geschichtlichkeit des Denkens. 8
Wie es in den Augen Fichtes 1805/1806 aus diskursiv notwendigen Gründen angebracht scheint – siehe dann unten die Meinung K. Hammachers – , in archetypischen Bildern von „Epochen“ zu sprechen, um die teleologische Ordnung der Freiheit und der Einrichtung aller Verhältnisse nach der Vernunft zu erreichen, so entfällt nämlich 1813 dieses Fünf-Epochenschema als nicht mehr notwendig!
Die Erscheinung in ihrer Unbedingtheit einer absoluten Vernunft (StL 1813) in persona legt den apriorischen Maßstab seinsollender Liebe und Vernunft fest, d. h. wie eine Zeit- und Geschichtsreihe in bildlichen Zusammenhängen beschrieben werden kann, ob fortschrittlich oder rückschrittlich, und es genügt eine Zwei-Epochenlehre von „alter“ oder „neuer“ Welt.
Obwohl die Geltungs- und Darstellungsform des Denkens von Zeit und Geschichte sich zwischen 1791 und 1814 bei Fichte gewandelt hat, stellen die GdgZ doch wesentliche Begriffsentfaltungen dar, wenn ich mit I. Radrizzani einteile will, a) wie das Sein-in der Geschichte als transzendentale Bedingung des Bewusstseins notwendig gedacht werden muss, wozu vorallem das Verstehen von Interpersonalität gehört, ferner b) wie Vergangenheit und Zukunft in der Gegenwart zusammenkommen, inklusiv unableitbarer empirischer Ereignisse und freien Entscheidungen, wie schließlich c) dieses Zeit- und Geschichtsverständnis sich auswirkt in ihrer praktischen Bedeutung und Stufenfolge. „(…) es müssen die Stufen abgeleitet werden, welche die Menschheit im Laufe dieser Dialektik der Freiheit erreichen kann, deren Rahmen die Geschichte ausmacht; es müssen projektiv die Grundsätze festgelegt werden, welche notwendig das menschliche Handeln im Hervorbringen der Geschichte leiten werden, wenn die Menschheit in der Verwirklichung des „Systems der Freiheit“ fortschreiten will,(…)“.9
1. 2) Die apriorische Gesetzlichkeit des Denkens von Zeit und Geschichte philosophisch zu fassen, und gleichzeitig historisch-konkrete Ereignisse und Freiheitsentscheidungen nicht ableiten zu können, das muss im transzendentalen Denken von Wissen zu einer Synthese verbunden werden können. Dies ist eine Frage der Urteilskraft, was durch die Einbildungskraft gesetzt ist.
Siehe dazu sehr deutlich und derartig kurz zusammengefasst diese Stelle der 9. Vorlesung:
„Das Wissen ist, wie gesagt, Daseyn, Aeusserung, vollkommenes Abbild der göttlichen Kraft. Es ist daher für sich selber: – das Wissen wird Selbstbewusstseyn; und es ist für sich selbst, in diesem Selbstbewusstseyn, eigene, auf sich selbst ruhende Kraft, Freiheit und Wirksamkeit, weil es ja Abbild der göttlichen Kraft ist; alles dieses als Wissen, also in alle Ewigkeit fort sich entwickelnd zu höherer innerer Klarheit des Wissens, an einem bestimmten Gegenstande des Wissens, von welchem es ausgeht. Dieser Gegenstand nun erscheint offenbar als ein bestimmtes Etwas das auch anders seyn könnte, weil er ist, und dennoch in seinem Urgrunde nicht begriffen ist, sondern das Wissen in alle Ewigkeit an ihm zu begreifen und seine eigene innere Kraft zu entwickeln hat: und mit dieser fortgehenden Entwickelung tritt erst die Zeit ein. – Dieser Gegenstand tritt ein lediglich dadurch, dass das Wissen eben ist: also innerhalb seines schon vorausgesetzten Seyns; er ist daher Gegenstand der blossen Wahrnehmung, und nur empirisch zu erkennen. Es ist, sage ich, der Eine, in alle Ewigkeit sich gleichbleibende Gegenstand, da das Wissen alle Ewigkeit hindurch an ihm zu begreifen hat; in dieser stehenden objectiven Einheit heisst er Natur, und die regelmässig auf ihn gerichtete Empirie Physik. An ihm entwickelt sich das Wissen in einer fortfliessenden Zeitreihe; die auf die Erfüllung dieser Zeitreihe regelmässig gerichtete Empirie heisst Geschichte. Ihr Gegenstand ist die zu aller Zeit unbegriffene Entwickelung des Wissens am Unbegriffenen.
Also: das zeitlose Seyn und Daseyn ist auf keine Weise zufällig; und es lässt sich weder durch den Philosophen, noch durch den Historiker eine Theorie seines Ursprunges geben: das factische Daseyn in der Zeit erscheint als anders seynkönnend, und darum zufällig; aber dieser Schein entspringt aus der Unbegriffenheit: und der Philosoph kann zwar wohl im Allgemeinen sagen, dass das Eine Unbegriffene, sowie das unendliche Begreifen an demselben, so ist, wie es ist, eben, weil es in die Unendlichkeit fortbegriffen werden soll; er kann es aber keinesweges aus diesem unendlichen Begreifen genetisch ableiten und bestimmen, weil er sodann die Unendlichkeit erfasst haben müsste, was durchaus unmöglich ist. Hier sonach ist seine Grenze, und er wird, falls er in diesem Gebiete etwas zu wissen begehrt, an die Empirie gewiesen.“ (9. Vorlesung; SW Bd. 7, ebd. S 130ff)
2) R. Lauth hat die „Konstitution der Zeit im Bewusstsein“ 1981 und in Vorlesungen ausführlich dargestellt. (Ich war damals zufällig in München.) 10
In einem Artikel fasst er das 1964 so zusammen:
„Auszugehen ist vom Standpunkte des Systems der Transzendentalphilosophie, dem transzendentalen Standpunkt der Einheit des Bewusst-Seins. Auch Geschichte kann nur in und aus dieser Einheit begriffen werden. Begriff und Sache sind hier, wie überall, untrennbar.“ 11
Aus dem Reflex des Sich-Wissens und dem gleichzeitigen Reflektieren in und aus der Unendlichkeit kann es nur eine Grundbestimmung und die darin enthaltenen Weiterbestimmungen des Denkens geben, bei bleibenden, unableitbaren Einzelerscheinungen.
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Jetzt zum Text der GdgZ – 1. Vorlesung:
„Wir heben hiermit an eine Reihe von Betrachtungen welche jedoch im Grunde nur einen einzigen, durch sich selbst eine organische Einheit ausmachenden Gedanken ausdrücken.“ (SW Bd. VII, ebd. S 3)
Da es der reflexiven Vernunftnatur auferlegt ist, nur diskursiv etwas zu bestimmen und abzuleiten, fühlt sich Fichte genötigt, stets objektivierend mittels produzierender Einbildungskraft vorzugehen. 12
Dieses Objektivieren kann aber jetzt nicht rein begrifflich-metaphysisch geschehen, sondern ist gebunden an konkrete Hemmung oder Aufruf – und führt so stets die Anschauung mit sich und eine Vorstellung des Werdens und der Entwicklung.
Hauptsächlich, wie öfter dann erklärt, geht es ihm um eine Charakteristik seines gegenwärtigen Zeitalters: Aber nicht wie ein bildhaft denkender Dichter oder akribischer Historiker will er seine Zeit beschreiben und diese und jene Fakten aufzählen, sondern zugleich in und aus einem apriorischen Vernunftgesetz heraus will er Zeit und Geschichte denken und besser verstehen.
Die folgende Einteilung in Zeitepochen muss deshalb (m. E.) nicht historisch-chronologisch gelesen werden, als ob es tatsächlich diese geschichtlichen Entwicklungen mit Notwendigkeit geben müsse und in dieser Reihenfolge, vielmehr sind es Hypothesen zwecks besserer Vorstellbarkeit eines geschichtlichen Verlaufes. Die „Epochen“ können sich überkreuzen, sind ineinander verwoben, und können nebeneinander als teil-präsent im Denken und Bewusstsein angesiedelt werden.13
„Könnte ich diesen Einen Gedanken in derselben Klarheit, mit der er mir beiwohnen musste, (….), so würde von dem ersten Schritte an das vollkommenste Licht sich verbreiten über den ganzen Weg, den wir miteinander zu machen haben. Aber ich bin genöthigt, (….)“ (1. Vorlesung, ebd. S 3.4)
Es ist mir auffallend, das will ich betonen, dass Fichte trotz kritischer Schilderung seiner gegenwärtigen Zeit, die Hörer selbst nicht ad personam beleidigen oder entmutigen will, wenn er vom Zeitalter der „vollendeten Sündhaftigkeit“ spricht, sondern überaus empathisch, paränetisch-performativ, spricht er sein Publikum an und fordert sie auf, die eigenen Schlüsse zu ziehen. (Nebenbei gesagt, Kant sah in der Schrift „RGV“ sein Zeitalter als sehr aufgeklärt und fortschrittlich an – im Jahr 1794).
Nur zum Zeitvertreib und zur Unterhaltung möchte er aber nicht reden. Es soll durchaus Neues verkündet werden: „Da dieses sich also verhält, so muss ich, zumal weil hier nicht alte bekannte Sachen nur wiederholt, sondern neue Ansichten der Dinge gegeben werden sollen. (…)“ (ebd. S. 4)
Am Ende der 1. Vorlesung wird nochmals unaufdringlich und einladend jeder/jede Hörer/in angesprochen, das apriorische „Diskursivitätsgesetz“ (F. Bader) auf sein/ihr eigenes Leben zu beziehen: „ Das gegenwärtige Zeitalter im Ganzen meine ich; denn da oben bemerkt worden, dass gar füglich ihrem geistigen Princip nach verschiedene Zeitalter in eine und derselben chronologischen Zeit in mehreren Individuen sich durchkreuzen und nebeneinander fortfliessen können: so lässt sich erwarten, dass dasselbe auch in unserem Zeitalter der Fall seyn möge, dass daher unsere, das apriorische Princip auf die Gegenwart anwendende Welt- und Menschenbeobachtung nicht gerade alle dermalen lebende Individuen, sondern nur diejenigen betreffen möge, die da wirklich Producte ihrer Zeit sind, und in denen diese Zeit sich am klarsten ausspricht. Es kann einer hinter seinem Zeitalter zurück seyn, (….)“ (Ebd. S. 13)
3) Wie begründet jetzt Fichte seinen apriorischen Geltungsanspruch einer Zeit- und Geschichtsanalyse, mithin einen Begriff von Geschichte? Der Geltungsanspruch liegt in der selbst zeitlosen, apriorischen Vernunftidee, die in den Wln (plural) oftmals schon herausgearbeitet worden ist, besonders in den Wln der letzten Jahre 1804/1805. Diese Vernunftidee ist einerseits eine geschlossene Einheit des Sich-Wissens, andererseits entlässt sie in sich die Weiterbestimmungen ihrer eigenen Grundbestimmung in einem systematischen Ganzen, wodurch Apriorisches wie Aposteriorisches synthetisch vereint werden sollen.
Die Vernunfteinheit ist dabei konstituiert in und aus einer Genese aus der Erscheinung des Absoluten, wobei das Wie der Genese natürlich uneinsichtig bleiben muss, sonst liefe das auf eine platte Emanationstheorie hinaus, bzw. wäre ein freies, transzendierendes Hinausgehen und Sich-Wissen nicht mehr möglich. Das Dass der Reflexion des Sich-Wissens kann aber eingeholt werden in und aus der Erscheinung des Absoluten.
Die bildhafte Darstellung der apriorischen, unbedingten Geltungsform der Vernunft und die Vision einer erkenntniskritischen Realisierung von Natur, Recht, Moralität und Religion führt mit sich einen apriorischen Begriff der Geschichte und des teleologischen Sinns.
In der 1. Vorlesung wird diese Erkenntnisform der Geschichte (Geschichtsevidenz) klar ausgesprochen und formuliert: „ (….) und lege damit den Grundstein des aufzuführenden Gebäudes – ich sage: der Zweck des Erdenlebens der Menschheit ist der, dass sie in demselben alle ihre Verhältnisse mit Freiheit nach der Vernunft einrichte.“ (ebd. S 7, gesperrt von Fichte). Dieses apriorische Prinzip wird in den folgenden Vorlesungen stets neu angewandt und realisiert.
4) Ein Aspekt im Hintergrund zu aller apriorischen Deduktion soll dabei nicht vergessen werden – was eine wesentliche Relevanz des Zeit- und Geschichtsdenkens ausmacht: K. Hammacher nennt es die „neuentdeckte Einsicht in die Funktion des „Faktums“ als wesentlich Unableitbares. Sie bewahrt Fichte vor der Vergewaltigung des Wirklichen.“ 14 (Siehe dann unten in weiteren Vorlesungen der GdgZ – der Begriff des „Unbegriffenen“)
Die Denkverhältnisse des Bedingten und Zeitlichen sind untereinander in einer apriorischen Gesetzlichkeit nacheinander notwendig gesetzter (nicht necessitierter) Akte verbunden (vgl. GdgZ, S 131), wenn sie für sich auch wieder unableitbar sind. Das ergibt einerseits einen dauernden Gegenwartspunkt, andererseits aber auch eine einmalige Linie der Entwicklung und des Werdens. So ist der Geschichte „die zu aller Zeit unbegriffene Entwicklung des Wissens am Unbegriffenen.“ (9. Vorlesung, ebd. S 131). 15
Die Einzelakte sind in toto gesehen die Aufgliederungen eines einzigen, zeitlosen Freiheitsaktes durch die Zeit und Geschichte hindurch.
Nochmals aus der 9. Vorlesung: „Also: das zeitlose Seyn und Daseyn ist auf keine Weise zufällig; und es lässt sich weder durch den Philosophen, noch durch den Historiker eine Theorie seines Ursprunges geben: das factische Daseyn in der Zeit erscheint als anders seynkönnend, und darum zufällig; aber dieser Schein entspringt aus der Unbegriffenheit: und der Philosoph kann zwar wohl im Allgemeinen sagen, dass das Eine Unbegriffene, sowie das unendliche Begreifen an demselben, so ist, wie es ist, eben, weil es in die Unendlichkeit fortbegriffen werden soll; er kann es aber keinesweges aus diesem unendlichen Begreifen genetisch ableiten und bestimmen, weil er sodann die Unendlichkeit erfasst haben müsste, was durchaus unmöglich ist. Hier sonach ist seine Grenze, und er wird, falls er in diesem Gebiete etwas zu wissen begehrt, an die Empirie gewiesen.“ (ebd. S. 131) 16
Die Vernunftverhältnisse sittlicher Freiheit sind immer durch das Unbedingte der Vernunft, d. h. mittels der Freiheit und der Vernunft, nicht durch Gewalt oder emanzipatorischen Aufruf oder fideistischen, apokalyptischen Gottesglauben gesetzt und begriffen. 17
5) Aus der apriorischen Vernunfteinheit und einem absoluten Geltungsgrund geht Fichte im Text der GdgZ jetzt über zu einem gegliederten Verlauf des Zeit- und Geschichtsverlaufes, weil er a) zu einem Verstehen und Begreifen, wie gesagt, seines gegenwärtigen Zeitalters kommen will, aber auch b) generell zu einem Verstehen von Zeitlichkeit und Geschichtlichkeit. (Die für ihn typische Fünf-Zahl der Gliederung ist auffallend, sei es für die Hauptdisziplinen der WL überhaupt, als auch für hier folgenden fünf Epochen.)
Fichtes aktuelle, gegenwärtige Zeit wird nicht gelobt oder verherrlicht, im Gegenteil, sehr selbstkritisch beschrieben: „(…) 3) Die Epoche der Befreiung, unmittelbar von der gebietenden Autorität, mittelbar von der Botmässigkeit des Vernunftinstincts und der Vernunft überhaupt in jeglicher Gestalt: das Zeitalter der absoluten Gleichgültigkeit gegen alle Wahrheit, und der völligen Ungebundenheit ohne einigen Leitfaden: der Stand der vollendeten Sündhaftigkeit.“ (ebd. S 11.12 gesperrt von ihm). als
Der philosophische Überblick und sozusagen seine Diagnose möge helfen und geradezu psychologisch trösten, das ursprüngliche Vernunftziel und die Rekursion auf den absoluten Geltungsgrund wieder zu finden?
6) Die fünf Stadien, die notwendig aufeinander folgen, heißen: Vernunftinstinkt, Autoritätsglauben, Gleichgültigkeit, Wissenschaft und Vernunftkunst.
Die Frage taucht auf: Ein Scheitern ist nicht möglich? 18
Sehr klar und deutlich die folgende Unterscheidung zwischen apriorischem Denken und zeitlicher Erfahrung: „Zuvörderst: hat der Philosoph die in der Erfahrung möglichen Phänomene aus der Einheit seines vorausgesetzten Begriffs abzuleiten, so ist klar, dass er zu seinem Geschäfte durchaus keiner Erfahrung bedürfe, und dass er bloss als Philosoph, und innerhalb seiner Grenzen streng sich haltend, ohne Rücksicht auf irgend eine Erfahrung und schlechthin a priori, wie sie dies mit dem Kunstausdrucke benennen, sein Geschäft treibe, und, in Beziehung auf unseren Gegenstand, die gesammte Zeit und alle möglichen Epochen derselben a priori müsse beschreiben können. Ganz eine andere Frage aber ist es, ob nun insbesondere die Gegenwart durch diejenigen Phänomene, (….)“ (Hervorhebung von mir, ebd. S 5)
Wiederum folgt daraus nicht ein moralisierendes Predigen oder gar idealistisch-gewaltsames Polemisieren: Jedes Vernunftwesen soll vielmehr selbst die aktualisierende und appositionelle Anwendung des apriorischen Denkens durchführen!
Auffallend: a) Der apriorische Aufruf eines göttlichen Gesetzes geht vom Begriff des Ganzen her gesehen zuerst an die „Menschheit“.
b) Er wird wird dort allgemeine Vernunftziele wie Rechtsverhältnisse, Staatsverhältnisse, Erziehungsziele zeitigen.
c) Die Verwirklichung richtet sich aber ebenso individuell und mit bestimmter Aufgabe an jeden einzelnen: „Hierüber hat ein jeder bei sich selber die Erfahrungen seines Lebens zu befragen, und sie mit der Geschichte der Vergangenheit, sowie mit seinen Ahnungen von der Zukunft zu vergleichen: indem an dieser Stelle das Geschäft des Philosophen zu Ende ist, und das des Welt- und Menschenbeobachters seinen Anfang nimmt„ (ebd. S 5)
Die abzuleitenden fünf „Epochen“ können sich im präsentischen Bewusstsein überschneiden und einander „durchkreuzen“ (ebd. S 13), „(….) Diese Epochen aber und Grundbegriffe der verschiedenen Zeitalter können nur neben- und durcheinander, vermittelst ihres Zusammenhanges zu der gesammten Zeit, gründlich verstanden werden. Es ist daher klar, dass der Philosoph, um auch nur ein einziges Zeitalter, und, falls er will, das seinige, richtig zu charakterisiren, die gesammte Zeit und alle ihre möglichen Epochen schlechthin a priori verstanden und innigst durchdrungen haben müsse.“ (ebd. S 6)
7) Die Idee der Realisierung von Freiheit ist ethisch-teleologisch, apriorisch in der Vernunft begründet und gerechtfertigt.
Diese Idee kann in einen Begriff zusammengefasst werden – der dann in die Literatur oft zitiert wird – es ist der Begriff vom „Weltplan“.
Fichte hebt ihn gesperrt hervor: „Dieses Verstehen der gesammten Zeit setzt, so wie alles philosophische Verstehen, wiederum einen Einheitsbegriff dieser Zeit voraus, einen Begriff einer vorher bestimmten, obschon allmählig sich entwickelnden Erfüllung dieser Zeit, in welcher jedes folgende Glied bedingt sey durch sein vorhergehendes; oder, um dies kürzer und auf die gewöhnliche Weise auszudrücken: es setzt voraus einen Weltplan, der in seiner Einheit sich klärlich begreifen, und aus welchem die Hauptepochen des menschlichen Erdenlebens sich vollständig ableiten, und in ihrem Ursprunge sowie in ihrem Zusammenhange untereinander sich deutlich einsehen lassen.“ (ebd. S 6)
Dieser Begriff scheint panlogistisch zu sein? Wenn in der ewigen göttlichen Ordnung schon alles festgelegt ist, wie kann noch eine unableitbare oder eine persönliche Freiheit möglich sein?
Dazu wieder K. Hammacher: „ Die Festlegung durch den „Weltplan“ und seine Stufen ist nicht zwingend in der Weise, dass sie die Zukunft und ihren Inhalt vorschriebe. Wie sich die verschiedenen Etappen des Geschichtsprozesses verwirklichen, hängt ab von den spezifischen Wegen, die die Individuen finden, um ihren Ideen Ausdruck in der Sinnenwelt zu verleihen. Es hängt damit letztlich ab von der notwendigen Unbegreifbarkeit der besonderen Umstände, in denen der Mensch steht, und der Freiheit seiner Entscheidung. Von hier aus gesehen verliert die Prognose der Geschichte durch das Fichtesche Geschichtsschema viel von ihrem bloß spekulativen Charakter.“ (ebd. S. 188)
I. Radrizzani drückt es so aus: „Die These lautet: Wenn es auch unmöglich ist, den wirklichen Lauf der Geschichte a priori abzuleiten, und wenn man die Freiheit als die höchste Bedingung des Selbstbewusstseins nicht aufheben will, so ist es wenigstens möglich, den Lauf a priori zu entwerfen, welchen sie befolgen müsste, um den Vernunftzweck zu erreichen. Dies setzt voraus, dass, unabhängig von den stets unvorhersehbaren Handlungen der Menschen, die Geschichte als Rahmen der Dialektik der Freiheit eine Grundstruktur besitzt, welche an die Struktur der Vernunft-selbst gebunden und also a priori ableitbar ist.“19
8) Zurück zum Text: Was ist material die Einheit der apriorischen Vernunftreflexion, aus der alle Zeitlichkeit und Geschichtlichkeit hervorgeht und bestimmt werden kann? Es ist ein materiales Sittengesetz, ein religiöser und ethisch-sittlicher Gehalt, die platonische Idee des Guten und des Totalitätsallgemeinen, hervorgehend aus dem Aufruf-Antwort-Schema der Vernunftgesetzlichkeit.
Der Philosoph räsoniert und deduziert apriorisch. Sein im Geiste gefälltes Urteil bleibt anfangs hypothetisch und problematisch, bis das Urteil in der Realisierung zu einem assertorischen oder apodiktischen oder kategorischen Urteile übergeführt werden kann. Im interpersonalen Handeln und Agieren und Re-Agieren wird auf eine Anerkennung ausgegangen, die, wenn sie gefällt ist, einem kategorischen Urteil gleichkommt. Die gesetzte und gefällte Entscheidung im interpersonalen Bereich ist dann gewisse Entscheidung und anschauliche – durch die ursprünglich produzierende und reflektierende Einbildungskraft – und zeitlich gebundene Entscheidungskraft. Ein erstes Vernünftigsein und Vernünftigwerden ist eingeleitet, eine Zeit- und Geschichtlichkeit, die aber dann wieder abgebrochen und umgedeutet werden kann.
Eine Entscheidung ist zuerst notwendig möglich in der modalen Grundbestimmung Aufruf/Antwort und im Grundwesen der Vernunft, wird aber in einem zweiten Schritt disjunktiv notwendig, sobald zu dieser oder jener notwendigen fakultativen und wirklichen Bestimmung übergegangen wird. Die Zeit und Zeitreihe bedingt das Bewusstsein, nötigt es aber nicht zu einer kausalen Reihe des Fortgehens.
Im apriorischen Denken wird a) von einem „gesammten Leben“ ausgegangen, aber im konkreten und punktuellen Gegenwartserleben wird b) die das Bewusstsein bedingende Zeitreihe und die Geschichte stets neu vom „Unbegriffenen“ der Hemmungen (triebhaft) und den unableitbaren Freiheitsentscheidungen bestimmt und aufgebaut.
„Erdenleben der Menschheit gilt uns hier für das gesammte Eine Leben, und die irdische Zeit für die gesammte Zeit; dies ist die Grenze, in welche die beabsichtigte Popularität unseres Vortrages uns einschränkt; indem von dem Ueberirdischen und Ewigen sich nicht gründlich reden lässt, und zugleich populär. (…)“ (Hervorhebung von mir, ebd. S 7)
9) Der transzendental-reflexive Standpunkt des Sich-Wissens und der apriorischen Vernunfteinheit ist material in einem Urbild des Sittengesetzes und in dessen unbedingter Forderung eines apriorischen Solls vorgebildet, das alle Lebensverhältnisse nach der Vernunft mit Freiheit eingerichtet werden sollen. Das Sittengesetz hat sich dabei selbst zum Gegenstand – ein schon öfter ausgesprochener Satz in den Wln –, so hier: Die Menschheit hat sich in ihrer Sittlichkeit und Zweckhaftigkeit selbst zum Gegenstand.
Das apriorische Soll ist an die Gattung „Menschheit“ gerichtet, aber in weiterer Folge entsteht daraus eine bestimmte, individuelle Aufgabe und das Denken von Individualität.
Aus der apriorischen Vernunftidee wird der „Grundstein des aufzuführenden Gebäudes“ gelegt, wie schon zitiert: „ – ich sage: der Zweck des Erdenlebens der Menschheit ist der, dass sie in demselben alle ihre Verhältnisse mit Freiheit nach der Vernunft einrichte.“ (ebd. S 7)
Das einzelne individuelle Subjekt existiert nur innerhalb einer universalen Gattung und ist durch das Aufruf-Antwort-Schema in seiner Bejahung und in seiner Aufgabe bedingt, aber nicht determiniert.
Anders gesagt: Das Individuum bleibt in situ und in concreto ein stets interpersonal bedingter Ausgangspunkt. Durch die Gemeinschaftsbezogenheit in einer sittlichen Welt ist ein Individuum als solches erst möglich denkbar. 20
In den späteren „Reden an die deutsche Nation“ von 1808 taucht zusätzlich die Frage auf, inwiefern man von einem völkischen Subjekt und einer mitgeführten Sprache als Ausgangspunkt aller Individualität sprechen kann, ja muss. Es wird die Frage akut, Nationalismus versus Kosmopolitismus. (Das wäre aber jetzt ein anderes Thema, könnte aber durchaus ohne nationalistische Vereinnahmung diskutiert werden!)
10) Der apriorische Ideenzusammenhang eines Geschichtsdenkens könnte gut mit dem mythologischen Bild von der Vertreibung aus dem Paradies und der erhofften Rückkehr danach beschrieben werden – oder mit dem Bild von der spiralenförmigen Entwicklung der Zeit mancher Platoniker der Antike.
„Der gesammte Weg aber, den zufolge dieser Aufzählung die Menschheit hienieden macht, ist nichts anderes, als ein Zurückgehen zu dem Puncte, auf welchem sie gleich anfangs stand, und beabsichtigt nichts, als die Rückkehr zu seinem Ursprunge. Nur soll die Menschheit diesen Weg auf ihren eigenen Füssen gehen; mit eigener Kraft soll sie sich wieder zu dem machen, was sie ohne alles ihr Zuthun gewesen; und darum musste sie aufhören es zu seyn.“ (Hervorhebung von mir, ebd. S 12)
„Kurz und auf die gewöhnliche Weise dieses ausgedrückt: der Vernunft wirkt als dunkler Instinct, wo sie nicht durch die Freiheit wirken kann. So wirkt sie in der ersten Hauptepoche des Erdenlebens der menschlichen Gattung;“ (Hervorhebungen von mir, ebd. S 9)21
Das apriorische Denken von Geschichte (Geschichtsphilosophie) ist somit dialektisch zwischen den Gegensätzen Sinn/Vernunft und den unableitbaren Freiheitsentscheidungen angesiedelt.
In der Wlnm 1796 hat Fichte die genauere Ableitung von Zeit und Geschichte so ausgedrückt: „Das Handeln mehrerer Vernunftwesen ist eine einzige […] Kette“, aber da dieses keine Kette physischer Notwendigkeit ist[,] weil von Vernunftwesen die Rede ist [[und] wo Vernunftwesen handeln [,] da geschieht es mit Freyheit], geht die Kette immer in Sprüngen […]. Die Freiheit besteht darinn [,] daß aus allen möglichen nur ein Theil an die Kette angeschloßen werde.“ (WLnm, GA IV, 3, S. 513)
11) K. Hammacher stellt für das gesamte Werk Fichtes eine gewisse Entwicklung fest: Eine erste Periodisierung der Freiheitsverhältnisse findet sich a) in der Zeit des Atheismusstreites um 1799, dann b) im 3. Buch der „Bestimmung des Menschen“ 1800, schließlich hier c) in den GdgZ mit ihrer Fünffachheit im Begriff der „Epochen“ – und d) in den weiteren Entwicklungen der REDEN, der BdG-1811 und in der Staatslehre 1813. 22
Die fünf Zeitalter werden in den GdgZ so beschrieben: „1) Die Epoche der unbedingten Herrschaft der Vernunft durch den Instinct: der Stand der Unschuld des Menschengeschlechts. 2) Die Epoche, da der Vernunftinstinct in eine äusserlich zwingende Autorität verwandelt ist: das Zeitalter positiver Lehr- und Lebenssysteme, die nirgends zurückgehen bis auf die letzten Gründe, und deswegen nicht zu überzeugen vermögen, dagegen aber zu zwingen begehren, und blinden Glauben und unbedingten Gehorsam fordern: der Stand der anhebenden Sünde. 3) Die Epoche der Befreiung, unmittelbar von der gebietenden Autorität, mittelbar von der Botmässigkeit des Vernunftinstincts und der Vernunft überhaupt in jeglicher Gestalt: das Zeitalter der absoluten Gleichgültigkeit gegen alle Wahrheit, und der völligen Ungebundenheit ohne einigen Leitfaden: der Stand der vollendeten Sündhaftigkeit. 4) Die Epoche der Vernunftwissenschaft: das Zeitalter, wo die Wahrheit als das Höchste anerkannt, und am höchsten geliebt wird: der Stand der anhebende Rechtfertigung. 5) Die Epoche der Vernunftkunst: das Zeitalter, da die Menschheit mit sicherer und unfehlbarer Hand sich selber zum getroffenen Abdrucke der Vernunft aufbauet: der Stand der vollendeten Rechtfertigung und Heiligung.
– Der gesammte Weg aber, den zufolge dieser Aufzählung die Menschheit hienieden macht, ist nichts anderes, als ein Zurückgehen zu dem Puncte, auf welchem sie gleich anfangs stand,(…)“ (ebd. S 11-12)
„Es wird nun ausdrücklich betont, dass die Philosophie nicht darüber entscheiden könne und wolle, ob die von ihr abgeleiteten Epochen schon wirklich geworden seien. Sie werden also nicht historisch identifiziert. Aber trotzdem ist die Epoche als solche verbindlich für eine Zeit. Die Etappe der Verwirklichung des Menschheitszweckes bestimmt eine solche Epoche in allen ihren Lebensbereichen. Es ist gerade das Grundanliegen der Grundzüge des „gegenwärtigen Zeitalters“, ein genaues Bild von einer Epoche, hier des dritten, „des gegenwärtigen Zeitalters“ zu geben und alle ihre Merkmale aus ihrer Funktion in dem gesamten Verwirklichungsprozess verständlich zu machen.“ 23
12) Die Einheit wie Unterschiedenheit der fünf Epochen ist im einzelnen sehr differenziert: Fichte beginnt mit einem angeborenen „Vernunftinstinkt“ (einer Art angeborenem Vernunftsinn). Schließlich kommt es zum „Autoritätsglauben“ und zu den weiteren Entwicklungen.
„Eine Vernunft, welche im Instincte spricht, und die im Triebe, sich von ihm zu befreien gleichfalls thätig ist, mit sich selber in Streit und Zwiespalt gerathen? Offenbar nicht unmittelbar; es müsste daher abermals ein neues Mittelglied eintreten zwischen die Herrschaft des Vernunftinstincts und den Trieb, sich von ihm zu befreien. Dieses Mittelglied ergiebt sich also: die Resultate des Vernunftinstincts werden von den kräftigeren Individuen der Gattung, in denen eben darum dieser Instinct sich am lautesten und ausgedehntesten ausspricht, aus der so natürlichen, als voreilenden Begierde, die ganze Gattung zu sich zu erheben, oder vielmehr sich selber als Gattung aufzustellen, zu einer äusserlich gebietenden Autorität gemacht, und mit Zwangsmitteln aufrecht erhalten; und nun erwacht bei den übrigen die Vernunft zuvörderst in ihrer Form als Trieb der persönlichen Freiheit, welcher nie gegen den sanften Zwang des eigenen Instincts, den er liebt, wohl aber gegen das Aufdringen eines fremden Instincts, der in sein Recht eingreift, sich auflehnt; und zerbricht bei diesem Erwachen die Fessel, nicht des Vernunftinstincts an sich, sondern des zu einer äusseren Zwangsanstalt verarbeiteten Vernunftinstincts fremder Individuen. Und so ist die Verwandlung des individuellen Vernunftinstincts in eine zwingende Autorität das Mittelglied, welches zwischen die Herrschaft des Vernunftinstincts und die Befreiung von dieser Herrschaft in die Mitte tritt.“ (ebd. S 10)
Es kann Fichte dann nicht schnell genug gehen, dass er vom 2. Zeitalter gleich zum 4. und 5. Zeitalter kommt:
Und um endlich diese Aufzählung der nothwendigen Glieder und Epochen des Erdenlebens unserer Gattung zu vollenden: – durch die Befreiung vom Vernunftinstincte wird die Wissenschaft der Vernunft möglich, haben wir oben gesagt. Nach den Regeln dieser Wissenschaft sollen nun durch die freie That der Gattung alle ihre Verhältnisse eingerichtet werden. Aber es ist klar, dass zur Ausführung dieser Aufgabe die Kenntniss der Regel, welche allein doch nur durch die Wissenschaft gegeben werden kann, nicht hinreiche, sondern dass es dazu noch einer eigenen Wissenschaft des Handelns, die nur durch Uebung zur Fertigkeit sich bildet, mit Einem Worte, dass es dazu noch der Kunst bedürfe. (ebd. S. 10)
Der Weg dieses epochalen Aufstiegs kann ebenso gut durch den Mythos der Vertreibung aus dem Paradies beschrieben werden. Die mythologische Schilderung ist von der Idee und vom Denken her völlig gleichwertig zur philosophischen Ableitung. Es wird, was ich subtil und relevant finde, ebenso vermieden, die Stelle Gen 3 so auszulegen, als hätte es notwendig zum Sündenfall kommen müssen, damit das Vernunftwesen seine eigene Freiheit fände. (Es gibt hier krause Ableitungen anderer Philosophen.)
Nochmals die freilassende, paränetische Anrede Fichtes an sein Publikum: Der apriorische Vernunftstandpunkt soll „aufstoßen“, ein Anlass des Nachdenkens sein:
„(…) so gewiss steht unser Zeitalter in einem der angegebenen Puncte. In welchem nun unter den fünfen, wird meine Sache seyn, nach meiner Weltkenntniss und Weltbeobachtung anzuzeigen, und die nothwendigen Phänomene des aufgestellten Princips zu entwickeln; und die Ihrige, sich zu erinnern, und um sich zu blicken, ob Ihnen nicht diese Phänomene ihr ganzes Leben hindurch innerlich Und äusserlich aufgestossen sind und noch aufstossen; und dieses ist das Geschäft unserer künftigen Vorträge.“ (ebd. S 13)
Der Zweck seiner bevorstehenden Vorlesungen, so Fichte, kann erst am Schlusse seines Vortrages klar werden. „(…) und ich muss Sie ersuchen, die vollkommene Klarheit erst am Schlusse, und nachdem die Uebersicht des Ganzen möglich geworden, zu erwarten.„ (ebd. S 4)
Zum ganzen Redestil – siehe die sehr einnehmende Schlusspassage der 1. Vorlesung (vgl. ebd. S 14.)
13) Meine subjektive erste Zusammenfassung: Das Denken in „Epochen“ und Zeitläuften lässt eine gewisse analytische Wahrnehmung und Basis von Zeit und Geschichtlichkeit und eine gewisse Bedingtheit des Denkens durch ein diskursives Vorgehen des Bestimmens erkennen. Ferner ist eine gewisse Individuation der Vernunft herauszuhören. Die Vernunft ist zwar auf die universale Menscheit im Sittengesetz ethisch-teleologisch ausgerichtet, aber ausgehend ist alles vom Individuum.
Das bereits in der WL 1801/02 abgeleitete schöpferische Tun und später in den BdG-1811 eingebrachte schöpferische Schauen von „Gesichten“ aus der apriorischen Vernunftwelt einer göttlichen Ordnung lassen den Historiker oft ein ungerechtes Urteil fällen über den Wert einer Erkenntnis, als sei sie vorher schon diskursiv bekannt und ein leichtes gewesen, sie zu finden und umzusetzen.24
Zur ganzen Entwicklung des Geschichtsdenkens – nochmals sehr zu empfehlen: R. Lauth zur „geistigen Natur“ und zum Eintritt des Übersinnlichen in die Erscheinung, ebd. S 360ff, zur Rolle der Willkürfreiheit (ebd. S 367-369), zur „Weltregierung“ und „moralischen Weltordnung“ (ebd. S 371-376), zum „Sinn der Geschichte“ (ebd. S. 376-377) und zur „absoluten Vernunft als Person“ (ebd. S 377 – 380)25
© Franz Strasser, 30. 1. 2025
1 Ich denke an die Schriften: „Zurückforderung der Denkfreiheit“ und „Beitrag zur Berichtigung der Urtheile des Publikums über die französische Revolution.“ Gesamtausgabe der Bayerischen Akademie der Wissenschaften (abk.=GA), Band 1: Werke 1791-1794
Hrsg. von Reinhard Lauth u. Hans Jacob unter Mitwirkung von Manfred Zahn und Richard Schottky. 1964
2 Das Werk „Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters“ (abgekürzt als GdgZ) ist historisch-kritisch und textkritisch dokumentiert in GA, Band 8: Werke 1801-1806. Hrsg. von Reinhard Lauth und Hans Gliwitzky unter Mitwirkung von Josef Beeler, Erich Fuchs, Ives Radrizzani und Peter K. Schneider. 1991.
Ich zitiere (mangels Bibliothek) nach den Sämtlichen Werken (=SW), Bd. VII, hrsg. v. Immanuel Hermann Fichte. Die längeren Zitate von Fichte sind von mir rot hervorgehoben.
3 R. Lauth, Der Begriff der Geschichte nach Fichte. Philosophisches Jahrbuch 72, 1964, S. 353-384. Diesen ausgezeichneten Artikel gibt es auch online zum Download: Siehe Internet, https://www.philosophisches-jahrbuch.de/wp-content/uploads/2019/03/PJ72_S353-384_Lauth_Der-Begriff-der-Geschichte-nach-Fichte.pdf
Ferner Literatur von R. Lauth zum Zeit- und Geschichtsbegriff in: „Vernünftige Durchdringung der Wirklichkeit. Fichte und sein Umkreis.“ Neuried 1994, darin der Artikel: Philosophie und Geschichtsbestimmung, S 421-445.
Ders., Die Konstitution der Zeit im Bewusstsein, Hamburg, 1981.
K. Hammacher, Fichtes Weg zur Geschichte. In: Transzendentale Theorie und Praxis. Zugänge zu Fichte. Fichte-Studien, Supplementa, Amsterdam-Atlanta, 1996, S 159-205.
Carla de Pascale, Freiheit und Notwendigkeit beim späten Fichte. In: Transzendentalphilosophie als System, hrsg. v. Albert Mues, Hamburg 1989, 453-470.
Michael Gerten, Christentum und Geschichte in Fichtes „Staatslehre“ von 1813. In: Sein-Erkennen-Handeln, FS für H. Beck, 1994, S. 789-801.
Claudio Cesa, Urfragen und Gestalten der Menschheitsgeschichte im Hinblick auf den späten Fichte. In: Fichte-Studien 28; 2006, S. 15-29.
Marco Ivaldo, Zur Geschichtserkenntnis nach der Transzendentalphilosophie. In: Realität und Gewissheit. Fichte-Studien Bd. 6., Amsterdam-Atlanta 1994, S. 303-319.
Ives Radrizzani, Einige Bemerkungen zu Fichtes Geschichtsphilosophie. In: Philosophie als Denkwerkzeug, Würzburg 1998, S. 91 -100.
Ders. Die Zeitfiguration in der Transzendentalphilosophie: In FS für Albert Mues, Vernunft und Leben aus transzendentaler Perspektive. Würzburg, 2018, S. – 157-170.
4 Ich las z. B. „Die Mentalität der ›erschöpften‹ Moderne im Lichte der Geschichtsphilosophie Fichtes“. Ein provokatorischer Zwischenruf, von Hartmut Pätzold. In: Transzendenz und Existenz. Idealistische Grundlagen und moderne Perspektiven des transzendentalen Gedankens. FS für Wolfgang Janke. Hrsg. v. M Baum u. K. Hammacher, 2001, S. 215–237.
H. Pätzold spricht verschiedene Theorien von heute an: Von den destruktiven Wirkungen historischer Extremerfahrungen, von verloren gegangenen Fortschrittsparadigmen, vom positivistischen Glauben an die erlösende Kraft des Nutzenkalküls, bespricht die Literatur von Fukuyama, spricht von der Überforderung des Subjekts in der postmodernen Risikogesellschaft, vom Ideologieverdacht der Psychoanalyse gegenüber geschichtsphilosophischen Systemdenken. Er weist schließlich auf Fichte hin: „Fichte unterscheidet im Gegensatz zu den bisher vorgetragenen Geschichtstheorien zwischen dem wirklichen Geschichtsablauf und der apriorischen Ableitung eines Stufenplans zur Verwirklichung des Systems der Freiheit, das heißt, er trennt klar zwischen den Ebenen des Seins und des vernunftgemäßen Sollens. Diese Differenzierung ist den Denkern der „erschöpften“ Moderne abhanden gekommen.“ (ebd. S 233)
5 R. Lauth, Der Begriff der Geschichte, download, a. a. O., S 353ff,
6 Siehe die längere Begründung in den „EIGNEN MEDITATIONEN ÜBER ELEMENTARPHILOSOPHIE“, GA II, 3, S. 80f. u. a. Stellen.
7 Fichte, Darstellung der WL. Aus dem Jahre 1801, SW II, S 103.
8 „Irgendwann in seinem Leben mußten Jesus sich diese Einsichten in sein Sein und seine Bestimmung aus einem „dunkel und unentwickelten Bild“ der Anschauung zur „Klarheit und Bestimmtheit“ des Begriffes erhoben haben (SW Bd. IV, 540), dies war der historische Moment, da das klare Bild von der wahren Bestimmung des Menschen in die Geschichte eintrat. Was Jesus unmittelbar durch sein Sein und seine Sendung begriff, begreift Fichte in seiner Wissenschaftslehre als notwendiges Gesetz. Die wissenschaftliche Form des Begreifens setzt nicht in ihrer Geltung, aber in ihrer Faktizität die Erscheinung des wahren Bildes voraus: „Das Menschengeschlecht soll mit eigener Freiheit, ausgehend von einem entgegengesetzten Zustande und diesen vernichtend, sich erbauen zu einem Reiche Gottes, zu einer Welt, in der Gott allein Princip sey aller Thätigkeit, und nichts ausser ihm, indem alle menschliche Freiheit aufgegangen ist, und hingegeben an ihn. […] Dies geschieht einzeln durch jedes Individuum, indem die unmittelbar sich bestimmende Kraft der Freiheit nur in individueller Form vorkommt. – Aber dazu bedarf es eines Bildes dieser Bestimmung des sich Ertödtens und des Hingebens. Dieses Bild könnte die Menschheit nur haben durch eine vorhergegan- gene Freiheit. […] Also die Freiheit setzt voraus das Bild, und das Bild setzt voraus die Freiheit. Dieser Cirkel löst sich nur so, dass das Bild einmal Sache, Realität sey, schlechthin ursprünglich und grundanfangend in einer Person sich verwirkliche. Dies nun bei Jesus“ (SW Bd. IV, 541). Zitiert nach M. Gerten, Literatur siehe Anm. 1., S 801.
9 Vgl. Ives Radrizzani, Einige Bemerkungen. Ebd. S. 92. „
10 R. Lauth, Die Konstitution der Zeit im Bewusstseine“, Hamburg 1981. Zur Konstitution von Zeit und Raum siehe auch: Die transzendentale Naturlehre Fichtes nach den Prinzipien der Wissenschaftslehre, Hamburg 1984.
11 R. Lauth, Der Begriff der Geschichte, siehe Anm. 2, S. 353.
12 Das Gesetz des diskursiven Denkens hat Fichte bereits in den EIGNEN MEDITATIONEN 1793 gut beschrieben: „Discursiv- Was ist denn eigentlich, die reine Einbildungskraft? Das Subjekt bestimmt sein eignes Seyn in einem Accidens seiner selbst. Nur ist die Frage was heißt bestimmen? – Das Subjekt ist thätig; es ist selbstständig: es hat also Kraft. – Das Subjekt ist (für sich) vermöge seines Seyns: es ist sich selbst Ursache, u. Wirkung seines Seyns: – Dies geschieht durch ein Thätig seyn, dieses Thätig seyn ist Ursache des Seyns, von welchen es doch auch Wirkung ist; dieses Handlung heißt (Darstellen) sich selbst als selbst im Daseyn setzen; u. Die Kraft: Darstellungskraft.“ (EIGNE MEDITATIONEN, GA II, 89 – 1793).
13 K. Hammacher charakterisiert die „Epochen“ wie folgt: „Es geht darum, die jeweils charakteristischen Züge einer solchen Zeit herauszuarbeiten aus der unübersehbaren Fülle des Geschehens. Denn wegen der vielen äußeren Einflüsse bestehen in einem Zeitalter viele Einstellungen und Lebensformen einer vergangenen Zeit fort, und hier und da deutet sich auch schon Zukünftiges, einer neuen Zeit Angehöriges an.“ Hammacher, a. a. O., ebd. S. 187.
14 K. Hammacher, a. a. O., ebd. S. 187.
15 Das „Unbegriffene“ bleibt konstitutiv. Denken und Sein gehen genetisch aus der Erscheinung hervor d. h. sie verlangen eine ihnen vorausliegenden Einheit, können aber nur in einem Disjunktionsmodus und im “hiatus” begriffen werden.
Der “hiatus” ist der Disjunktionsakt des Denkens.
Die Ermöglichung der Disjunktion (des Disjunktionsaktes) beschreibt K. Hammacher wie folgt: “Durch die Disjunktion ist Bedingtheit gesetzt, nämlich die Bedingheit der beiden absoluten Disjunktionsglieder und allem aus ihrer Wechselwirkung miteinander Entstandenen. Warum aber kommt es zu einem Bedingten? Weil es gerade das Bedingte ist, die Unaufhebbarkeit der Spaltung, wodurch der Charakter der Selbständigkeit des Wissens hervorkommen kann. Nur so kann es als Leben erscheinen, als absolutes Anfangen von stets Neuem. Es erfasste sich in diesem Lebenscharakter gerade im Vollziehen über den „hiatus“ hin- weg. Dabei kann es nicht mehr angeschaut werden, denn Anschauen geht auf ein Sein, und hier handelt es sich gerade um Ursprungsein, Leben. Dieses Sicherfassen versteht Fichte als „Prinzipiieren“ oder „Intelligieren“. Dieses „Intelligieren“ erreicht allein das innerste Wesen dessen, was »außer dem Absoluten“ ist, seine Erscheinung, sein Bild. Es „ist“ das absolute Wissen. Damit ist ein Sein erreicht, das wesensmäßig in sich lebendiges Sein ist, und das, weil es tatsächlich unter die Bedingung mit der Disjunktion gestellt ist, sich nur als ein »Vorbildsein« enthüllen kann. In ihm liegt also eine Struktur des Sollens, nur in der Weise ist es über die Entwicklung erhaben, dass es diese selber verursacht, dass die Entwicklung auf es hin angelegt ist. Da es aber selber als Äußerung des Absoluten bedingt ist, kann es sich tatsächlich nur in einer lebendigen Entwicklung darstellen. So entfaltet sich von dieser „Erscheinung“ des »Absoluten“ her, dieser „göttlichen Idee“, eine Kette von Bedingungen, unter die ihre Verwirklichung gesetzt ist, und die sich wegen ihrer Bezogenheit auf dieses Ziel als Teleologie bezeichnen läßt.“ (K. Hammacher, Fichtes Weg zur Geschichte, a. a. O. Anm.1, ebd. S. 170.)
16 Zu dieser Gesamtdarstellung siehe Literatur R. Lauth, Der Begriff der Geschichte, ebd. S. 357ff.
17 Es sind wohltuende Aussagen gegenüber der „erschöpften Moderne“, wie H. Pätzold andere Geschichtstheorien vom säkularen Standpunkt her beschreibt. Hartmut Pätzold, siehe oben, Anm. 3., Artikel in „Transzendenz und Existenz“.
18 Gegen ein mögliches Scheitern hat der christliche Glaube bekanntlich die große Antwort bereit: Das Vernunftziel einer Erreichung vollster Freiheit könnte, selbst bei Ablehnung der apriorischen Vernunftidee, durch die positive Offenbarung JESU CHRISTI aufgefangen werden, der alle Verfehlung und Sünde und Widersinnigkeit gesühnt hat. Gott selbst tritt dann bei Verfehlung des Menschen als Vermittler ein.
19 I. Radrizzani, Einige Bemerkungen zur Fichtes Geschichtsphilosophie. Ebd. S. 99.
20 Es wird dann später in der BdG-1811 die Aufgabe eines Gelehrten oder einer tugendhaften Seele sein, also eines einzelnen, die „Gesichte“ der apriorischen Vernunftidee, die allesamt einen Gemeinschaftsbezug haben, zu erschauen und in die zeitliche Realisierung einzuführen. Vgl, K. Hammacher, Fichtes Weg zur Geschichte, ebd. S 174 – 179.
21 Im Schlussatz der 1. Vorlesung fordert Fichte nochmals auf, mit Bewusstsein die freie Gestaltung der Zeit- und Geschichtsbetrachtung anzugehen. Die apriorische Denkbestimmung für sich würde noch nichts ändern, wird hingegen mit Freiheit eine vernünftige Sichtbarkeit erzeugt, nach einem diskursiven Gesetz der Entscheidung, so führt das zu einer verstandlichen Wirksamkeit und Kausalität. „Niemand ist entfernter, als der Philosoph, von dem Wahne, dass durch seine Bestrebungen das Zeitalter sehr merklich fortrücken werde. Jeder, dem es Gott verlieh, soll freilich alle seine Kräfte für diesen Zweck anstrengen, sey es auch nur um sein selbst willen, und damit er im Zeitenflusse denjenigen Platz behaupte, der ihm angewiesen ist. Uebrigens geht die Zeit ihren festen, ihr von Ewigkeit her bestimmten Tritt, und es lässt in ihr durch einzelne Kraft sich nichts übereilen, oder erzwingen.“ (ebd. S 15)
22 K. Hammacher, ebd. S 185 – 193.
23 K. Hammacher, Fichtes Weg zur Geschichte, ebd., S 187.
24 Zwischen den GdgZ lägen natürlich noch die „Anweisungen“ und die „Reden“. Schließlich heißt es in der „Staatslehre“ von 1813, SW IV, 443f: „Die Bildung der Folgezeit, sobald sie zur Fällung eines Endurtheils über eine in der Gegenwart genommene Maaßregel gekommen seyn wird, wird dieselbe niemals für die bestmögliche erkennen, sondern eine noch bessere finden. Dies darum: durch jene Maaßregel wird selbst eine neue Bildung gewonnen. Diese tritt mit hinein in die spätere Beurtheilung und wird als vorhanden vorausgesetzt, da sie doch dadurch erst und seitdem erst entstanden, ist, und auch, wenn man die gegenwärtige Bemerkung gemacht hätte, nicht so genau bekannt ist, daß sie abgezogen werden könnte. So hat die Nachwelt allemal ein reiferes Urtheil als die Vorwelt, weil das durch die Unvollkommenheit der letzteren Gelernte mit in die Beurtheilung tritt, und sie wird der Vorwelt, wenn sie sich, so wie sie ist, an ihre Stelle setzt, allemal Unrecht thun.“
25 Vgl. R. Lauth, Der Begriff der Geschichte, a. a. O., Anm. 2.