Hilarius von Poitiers († 367) Eines Flusses Arme

Aus einer Auslegung zu Psalm 65 (64).

’Der Fluss Gottes ist mit Wasser gefüllt, du schaffst ihnen Speise; du ordnest alles.’ (1) Über diesen Fluss gibt es keine Zweifel; denn der Prophet sagt: „Die Wasser eines Stromes erquicken die Gottesstadt.“ (2) Und der Herr selbst sagt in den Evangelien: „Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben; vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm zur sprudelnden Quelle werden, deren Wasser ewiges Leben schenkt,“ (3) und wiederum: „Wer an mich glaubt, von dem sagt die Schrift: Aus seinem Inneren werden Ströme von lebendigem Wasser fließen. Damit meinte er den Geist, den alle empfangen sollten, die an ihn glauben.“ (4) Dieser Fluss Gottes ist also mit Wasser gefüllt. Wir werden getränkt mit den Gaben des Heiligen Geistes und der Fluss Gottes aus der Quelle des Lebens, von Wasser gefüllt, strömt in uns ein. Auch die Speise ist für uns bereit.
Welches ist diese Speise? Jene, die uns darauf vorbereitet, Anteil an Gott zu haben, (5) um uns durch den Genuss des heiligen Leibes dann in die Gemeinschaft des heiligen Leibes zu versetzen. Das meint der vorliegende Psalm, wenn er sagt: ’Du schaffst ihnen Speise, so ordnest du alles.’ (6) Denn durch diese Speise werden wir für die Gegenwart gerettet und für die Zukunft bereitet. Durch das Sakrament der Taufe wird uns, den Wiedergeborenen, größte Freude zuteil. Denn wir erfahren in unserem Gewissen die Anfangswirkungen des Heiligen Geistes: Über uns kommt Verständnis für das Geheimnis, Einsicht in die Weissagung, Weisheit in der Rede, feste Hoffnung, Gabe der Heilung und Herrschaft über die bösen Mächte, die uns unterworfen werden.

1 Vgl. Ps 65,10 (Vet. Lat.).

2 Ps 46,5.

3 Joh 4,14.

4 Joh 7,38.39.

5 Vgl. 2 Petr 1,4.

6 Vgl. Ps 65,10 (Vet. Lat.).

Es ist dies ein herrliche, metaphorische Predigt zwecks Perfektionierung des Symbols der positiven Offenbarung in JESUS CHRISTUS und eine pertinente, unseren Willen betreffende und bestimmende Weiterführung und Auslegung durch den HEILIGEN GEIST. Die ekklesiologische Vermittlung lässt jeden Gläubigen teilhaben an einer vermittelten Teilhabe an der Erlösung, ist Wiedergeburt, „Wasser“, „Speise“, lebendiger Glaubensbezug im Heiligen Geiste, schafft eine unmittelbare Gegenwart, herausgehobene, existentielle Glaubenspräsenz, Gedächtnis.
Die Ekklesiologie ist interpersonale Einigung auf die Manifestation der vollkommenen Freiheitstat JESU, ist schöpferische Suche nach geeigneten Mitteln des Gedächtnisses, Installation von rechtlichen Rahmenbedingungen, Liturgie usw. stets reformmöglich. Stets verbesserungswürdig sollen Bilder der vollkommenen Freiheitstat Jesu inkarniert werden in den Herzen der Gläubigen.
Die immerwährende Perfektibilität des Symbols ist ein Wechselspiel von Glauben und Verstand. Es soll ja auf bestmögliche, interpersonale und kommunikative Art und Weise das beständige Sein der positiven Offenbarung und der Vernunftoffenbarung vermittelt werden. Der eine genetische Geltungsgrund der Offenbarung treibt den Verstand, eine Regel zu suchen, was dem ganzen Sinngehalt der einen Offenbarung qualitativ am besten entspricht. Der Verstand legt in der Bewegung der begrifflichen Suche erst fest, was an Inhalt mit der vollkommenen Freiheitstat JESU gemeint sein kann. Die Grenze des verstandesmäßigen Erfassens der einen (apriorischen wie positiven) Offenbarung ist durch die Evidenz der Einsicht festgelegt und nicht von außen kommende Grenze und Inhalt. So werden leider oft Geltungsansprüche in der katholischen Kirche – und wahrscheinlich woanders ähnlich – durch ein „außen“ abgeschmettert: Es gibt keine historischen Tatsachen und Beweise von „außen“ für diese oder jene Entscheidung oder Glaubensinhalt.

Glaube und Verstand sind die beiden Prinzipien der ekklesiologischen Vermittlung, und beide sind in ihrer Vermittlung nochmals angewiesen auf die Wirkkraft des Heiligen Geistes. Die Ausgerichtetheit auf die eine Offenbarung ist bereits aufscheinende, geistgewirkte Richtung, nicht selbst erzeugte Richtung. Der lebendige Glaube und die verstandesmäßige Fixierung der einen Offenbarung gewähren dann einen wahrhaften Fortgang, wenn das ursprüngliche Bild der Offenbarung (das Ur-Bild) selbst als Wirklichkeit immer besser durchdrungen und zur Anschauung kommen kann. Der lebendige Glaube und der verstandesmäßige Bewusstseinsbezug sind die transzendentalen Wissbarkeitsbedingungen der Wirklichkeit JESU. Der Akt des Glaubens ist primär ein nachbildender Glaubens-Akt, ist persönliche Nachfolge. Der Akt des Verstandes ist gleich notwendig ein das Ursprüngliche verstehendes (nicht erschaffendes) Prinzip. Weder blinder Fideismus noch Verstandesdogmatismus in Glaubensdingen wäre richtig, sondern beides zusammen in der Inspiration des Heiligen Geistes wäre die Richtung der lebendigen Durchdringung der Wirklichkeit Christi.

© Franz Strasser, 3. 1. 2026


Literatur zum Vergleich u. a.: Marco Ivaldo,
Politik, Geschichte und Religion in der Staatslehre von 1813. In: Fichte-Studien, Bd. 11. Materiale Disziplinen der Wissenschaftslehre. Zur Theorie der Gefühle, 1997, S. 209-227.

 

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser