Aus dem Buch „Gegen die Irrlehren des Noetus“.
Brüder, Gott ist der Eine. Wir kennen ihn nur aus der Heiligen Schrift, und nicht aus anderer Quelle.
Will Hippolyt hier den Standpunkt einer negativen Theologie einnehmen, dass Gott aus dem endlichen Sein und bloßes Denken nicht erkannt werden kann? Er ist das, was er nicht ist, aussagemäßig? Das könnte wohl hineininterpretiert werden. Oder will er eher einen geschichtsphilosophischen Ansatz einnehmen, dass zwar durch ein Vernunftprinzip – hier „Heilsplan“ –, aber erst durch konkrete, positive Offenbarung, wechselweise, das Sein Gottes erkannt werden kann?
Es geht m. E. hier beides zusammen: Negation der Erkenntnis Gottes im endlichen Sein, und doch Erkenntnis des endlichen Seins als Teil einer Genesis eines erzeugenden Seins im WORT. Durch das WORT wird der Sinn und das Ziel der geschaffenen Welt erkennbar, letztlich durch Inkarnation.
Das WORT, das „Fleisch geworden ist“ ist nicht Emanation Gottes in zeitlicher Weise, sondern positive Nicht-Emanation eines schon immerwährenden Heilsplans Gottes, um Mensch und Schöpfung zu retten.
Der Text des Hl. Hippolyt ist hier überaus tiefsinnig: Nicht-Erkenntnis Gottes und doch Erkenntnis Gottes durch einen positiven Akt mittelbar-negativer Bestimmung: Nicht durch Natur, sondern durch positiven Glauben an das WORT und an den Erlöser JESUS CHRISTUS eröffnet den Sinnhorizont und die „hermeneutische Erfahrung“ einer sinnvollen Schöpfung.
Die Vorstellung von „Schöpfung“ überhaupt ist durch den Begriff des „Heilsplans“ zu einer spezifisch verstandenen Genesis geworden. Zu Bedingungen des freien Glaubens-Aktes an die positive Offenbarung wird die Schöpfung selbst als unendliche Teilbarkeit von Spuren und Zeichen Gottes lesbar („res et signum“ – Bonaventura). Das Vernunftwesen „Mensch“ ist nicht zeitlich und prädisjunktiv determiniert – ein Calvin dürfte so gedacht haben? -, er ist aber auch nicht gänzlich unterbestimmt und zu beliebiger Willkür „bestimmt“, soweit man hier noch von Bestimmung reden kann, sondern steht unter dem Soll, zu Bedingungen der Freiheit ein rettendes, heilbringendes WORT zu hören und aufzunehmen. Das kann medial nur durch Interpersonalität und geschichtlicher Überlieferung geleistet werden. Die Anwendungsbedingung des Lesens und Hörens ist der Text der Hl. Schrift in der Form eines darin zu findenden Vernunftplans der Rettung und Erlösung.
Das in Jahrhunderten in der Hl. Schrift gebildete WORT Gottes in der Erfahrung der Menschen lässt einerseits die Vorstellung der absoluten Transzendenz Gottes wachsen, andererseits durch das WORT die dauernde Beziehung zu dieser Transzendenz und Projektion Gottes entstehen – siehe oben: „Wir kennen ihn nur aus der Heiligen Schrift, und nicht aus anderer Quelle.“
Alles, was also die heiligen Schriften verkündigen, das wollen wir wissen; alles, was sie lehren, wollen wir erkennen. Wie der Vater im Glauben erkannt sein will, so wollen wir glauben. Wie er will, dass der Sohn verherrlicht wird, so wollen wir ihn verherrlichen. Wie er den Heiligen Geist schenken will, so wollen wir ihn empfangen.
Interessant in dieser frühen Zeit, lange vor Nicäa, dass die Einheit der drei Personen und ihre Gleichwertigkeit betont wird.
Nicht nach eigenem Willen, nicht nach unserem eigenen Sinn und ohne dem Gewalt anzutun, was von Gott gegeben ist, sondern wie er es uns durch die heiligen Schriften lehren will, so wollen wir es verstehen.
Da Gott der Einzige war und es neben ihm nichts gab, was ewig ist wie er, wollte er die Welt erschaffen.
Dieser von Hippolyt beschriebene Glaube an die „heiligen Schriften“ ist nur möglich durch einen außerhalb der „heiligen Schriften“ selbst stehenden Standpunkt der Reflexion. Er muss ja wissen können, was der höchste und wichtigste Inhalt der „heiligen Schriften“ ist. Das sagt ihm ja nicht eine komparative Bibellektüre.
Er dachte die Welt. Indem er sie wollte und sie aussprach, hat er die Welt erschaffen. Sofort entstand sie ihm, geschaffen, wie er es wollte; und wie er es wollte, hat er sie vollendet.
Hippolyt nimmt pro forma das Verstandesbewusstsein Gottes ein – „Er dachte die Welt“. Nach diesen göttlichen Verstandesregeln kann freilich eine einsichtige Erklärung in das Werden der Welt gegeben werden, sie ist nicht zufällig oder sinnlos da, denn die Ewigkeit Gottes bedeutet – im Hinblick auf Genesis – bestehendes Sein ist, creatio continua, mit Sinn und Ziel, Weisheit und Macht.
Es ist bleibende Differenz (Transzendenz), aber auch Gesamtkontinuität einer Genesis, Genesis eines bestehenden Seins ausgesagt, sonst gäbe es auch keine heiligen Schriften. Es ist absolutes, unzugängliches Sein und bestehendes Sein in der Einheit eines inspirierenden Geistes und im ablaufenden Erdenleben der sittlichen Gemeinde und ihrer vielen heiligen Schriften. Die Perfektibilität des Verstehens der positiven Offenbarung bedarf der ekklesiologischen und pneumatologischen Anwendung und Vermittlung.
Es genügt uns, zu wissen, dass es neben Gott nichts gibt, das so ewig ist wie er. Nichts war außer ihm, er war der Einzige, er war das Ganze. Er war ja nicht ohne Geist, nicht ohne die Weisheit, nicht ohne die Macht, nicht ohne den Rat. Alles war in ihm, er war alles. Als er wollte und wie er wollte, zu der Zeit, die bei ihm festgesetzt war, offenbarte er sein Wort, durch das er alles erschaffen hat.
Da er dieses Wort in sich trug und es für die geschaffene Welt unsichtbar war, hat er es sichtbar gemacht, indem er es erstmals bei der Schöpfung nach außen ausgesprochen hat. Er zeugte das Licht aus dem Licht und gab der Schöpfung ihren Herrn: sein Wort, was zuerst nur für ihn sichtbar war, der Welt aber unsichtbar, das hat er sichtbar gemacht. So sollte die Welt ihn bei seinem Erscheinen sehen, so sollte sie heil werden.
Herrlicher Widerspruch und Auflösung des Widerspruchs: Gott kann an sich nicht zugleich Licht und geschaffenes Licht sein (ein Widerspruch), ein emanierender Gott, sondern im geschaffenen Licht liegt zugleich das Denken der Auflösung dieses Widerspruchs drinnen: Das absolute Sein, das endlichem Sein widersprechen würde, kann als bestehendes Sein gefasst werden, weil ein Glaubensakt möglich ist, der eine vollkommene Freiheitstat anzeigt: Das in den heiligen Schriften vermittelte Wort Gottes ist zugleich das WORT der Deutung des Sinns der ganzen Schöpfung, trotz Sündenfall, trotz des Bösen. Die Freiheitstat JESU ist so vollkommen, dass zu Bedingungen der Freiheit das gefallene Vernunftwesen „Mensch“ einen Sinn, ein Ziel in die heiligen Schriften hineinlegen kann. Ja, JESUS bestätigt, oder Gott bestätigt, was schon geschrieben steht.
JESUS verkörpert die Einheit und die Auflösung des Widerspruchs eines relationalen, emanierenden Gottes, weil er die erkannte Teleologie der Schöpfungsabsicht Gottes ist.
Die sonst unzugängliche, unsichtbare Quelle des Lebens, die sonst unerkennbare Transzendenz Gottes, die oben Hippolyt zurückwies – „allein durch die Schrift wollen wir Gott kennen“ – bleibt unsichtbar, ist aber als etymologische Quelle aller epistemischen Bedeutungsgebung ausgewiesen. Durch den Glaubensakt an JESUS kann dynamisch auf eine Schöpfungsabsicht zurückgegriffen werden, werden relationale Begriffe wie Schöpfung lesbar und verstehbar, werden die vielen Worte der heiligen Schriften zusammengefasst als gebündeltes WORT Gottes.
Dies aber ist das Wort, das in die Welt hinausging und sich als Knecht Gottes erwies. „Durch ihn ist alles geworden“, (1) er allein ist aus dem Vater.
Dieser gab das ganze Gesetz und die Propheten; er drängte die Propheten durch den Heiligen Geist zu reden. Vom Geisthauch des allmächtigen Vaters beseelt, verkündeten sie dessen Ratschluss und Willen.
Das Wort wurde sichtbar, wie es der Evangelist Johannes sagt. Dieser fasst alles zusammen, was die Propheten verkündigt haben, und zeigt, dass es das Wort ist, durch das alles geworden ist. Denn er spricht: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Im Anfang war es bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden, und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.“ (2) Und weiter sagt er: „Die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.“ (3)
1 vgl. Joh 1,3.
3 Joh 1,10-11.
2 Joh 1,1-4.
(c) Franz Strasser, 3. 1. 2026
Literatur u. a. zum Begriff der Genesis bei J. Widmann, Grundstruktur, 1977.