Schöpfungserzählung 1. Teil – oder die Metaphysik des Absoluten.
1) בראשית ברא אלהים את השמים ואת הארץ

bereschit bara elohim et haschamaijim weet haarez
2) ᾿Εν ἀρχῇ ἐποίησεν ὁ θεὸς τὸν οὐρανὸν καὶ τὴν γῆν.
3) In principio creavit Deus caelum et terram
Im Anfang schuf …….
1) Wollte man die Schöpfungserzählung Gen 1 literarkritisch beschreiben, so stößt man bald auf verschiedenste Klassifizierungen und Meinungen: Ein spezifischer Schöpfungsmythos im Vergleich zu anderen Mythen des Vorderen Orients, ein liturgisches Lied, eine ätiologische Erklärung des Sabbats, eine Katechese u. a. m. Historisch rede ich nach, wenn man den Exegeten glauben will, dass in krisenhaften Situation, vielleicht im babylonischen Exil (Beginn 597 oder 586 v. Chr.) oder nach der Rückkehr nach Jerusalem (ab 536 v. Chr.), der Glaube an den befreienden Gott aus Ägypten und an den Bund Gottes am Sinai neu reflektiert und gefestigt werden musste, und zwar in erkenntniskritischer, vernunfttheoretischer Weise, d. h. in einer Weise, die von allen für alle zu jeder Zeit geteilt werden könne, sei es vom jüdischen Volk, wie von der ganzen Menschheit. Diese Universalisierung eines Glaubens innerhalb eines Volkes für alle Welt – das ist allein schon bemerkenswert.
Mir geht es hier um diesen vernunfttheoretischen Aspekt des Verstehens von Gen 1, d. h. dass zu Bedingungen der Freiheit und rein mit reflexiven Begriffen von allen für alle zu jeder Zeit diese Einsicht in eine Schöpfungsordnung möglich sein muss, ohne durch komparative Lektüre etwas begründen zu müssen. Die Historie kann nichts begründen.
Die historische Bedingung des Exils mag äußerer Anlass des Liedes Gen 1 gewesen sein, die innere Schau und Erkenntnis des Liedes muss aber zeitüberhoben wahr sein. (Ähnlich lesen sich Stellen in Jesaja z. B. Jes 40, 20; 41, 20; 43,1. 5.7.10; 45, 12 u. a.)
Vertrieben aus Jerusalem, fern auf fremder Erde, in Babylon, ohne Tempelkult, ohne Priesterschaft, ohne Königtum, oder zurückkehrt nach Jerusalem, mit neuem Aufruf zum Tempelbau, mit Anrede zuerst an die Gemeinde, dann an den einzelnen das mögen alles Anlässe gewesen sein zu dieser, wie ich sagen will, zeitüberhobenen Vision, hinter die praktisch nicht mehr zurückgegangen werden kann. Alles Denken von Natur, vom Abbild „Mensch“, vom Gemeinwesen, von Zeit und Geschichte, liegt in diesem zentralen Begriff „Schöpfung“ verborgen – und muss sich deshalb an diesem apriorischen Maßstab messen lassen.
Eine historisch-kritische Leseart schürft zwar manche schöne Vergleiche aus anderen Schöpfungserzählungen des Vorderen Orients frei, doch erst eine erkenntniskritische und transzendentale Leseart, die von der Einheit der Wahrheit ausgeht, ist die Grundlage aller komparativen Kritik und zeitlicher (nicht philosophischer) Hermeneutik. Dieser erkenntniskritischen Leseart möchte ich hier nachgehen, wobei mir manche Prinzipienerkenntnis noch gar nicht deutlich bewusst ist, vorallem die transzendentale Ableitung einer Einheit der Zeit, symbolisch ausgedrückt in einem 7-Tage-Schema.
2) Der Schöpfungsglaube wird von der Theologie zwar immer beschworen, aber in vernunfttheoretischer Weise tut man sich relativ schwer damit, diesen Glaubens-Akt zu fassen. Eine ontologische Relationalität und Abhängigkeit der Schöpfung vom Schöpfer des Himmels und der Erde zu behaupten, d. h. von einem Gottesbegriff, das führt leicht zu Widersprüchen, weil a) Gott damit selbst begrifflich relationiert und zu einer bloßen gedachten Realität herabgezogen würde – siehe z. B. schon bei Thomas v. Aquin, Summa theologiae 1 q 13 a 7 c: „…aber in Gott gibt es nicht irgendeine reale Relation von ihm zu den Geschöpfen“ – oder b) der Sinn des Geschaffenseins wird zu einer ständigen Determination und Vorherbestimmung – siehe z. B. bei Calvin.
Von der Ablehnung eines Schöpfungsglaubens durch den Naturalismus, Evolutionismus, Materialismus, Atheismus möchte ich nicht reden. Das ist ein vorzeitiger Abbruch der Diskussion, weil die in Gen 1 enthaltenen apriorischen Begriffe von Zeit, Sinnentwürfen, Aufgabenstellungen, Glaubens-Akten, eröffneten Kommmunikationsakten u. a. m. nicht gesehen werden.
Eine zeitlich und räumlich vorgestellte, objektivistische Schöpfung verträgt sich freilich nicht mit dem unveränderlichen, ewigen, zeitlosen Sein Gottes, weil dann der Begriff Gottes verendlicht würde. Ebenso würde durch ein relationale Sicht Gott-Schöpfung die autonome Freiheit des Menschen infrage gestellt. Wie könnte also abhängige Kreatürlichkeit gedacht werden? Es kann kein endliches Seiendes neben dem absolut Seienden geben.
Der Begriff Gottes selbst müsste in sich eine Unterscheidung erlauben, die sowohl die Transzendenz Gottes nicht relativiert, als auch das eigenständige Geschaffensein von Freiheit denken lässt – in einer zeitlichen und geschichtlichen Weise des Seins und des Werdens. Wie kann eine solche subsistente Relation gedacht werden?
Der Text Gen 1 möge mich leiten, das Verhältnis eines zureichenden, göttlichen Grundes im Bewusstsein zu denken als eine Ursache, die ihren Grund außerhalb des Begründeten hat, welcher Grund aber Grund einer Folge ist, die im Aufgerufen- und Aufgefordertsein (in einem bleibenden Nexus) eingesehen werden kann. Die von Kant immer wieder vorgebrachte und argumentierte Freiheit in einem unbedingten Sollen muss möglich denkbar sein, wenn auch in der Wahrnehmung nicht beweisbar.
Die theologische Rede von der Schöpfung bleibt im Denken aber höchst relevant: Wenn Gott schafft, sei!, werde! so liegt darin eine transzendentale Idee, die unter zeitlichen Bedingungen eine Vorstellung nach einem Gesetz bleibt und in Ewigkeit nicht eingeholt werden kann, aber in existentieller und praktischer Hinsicht kann ein positiver, absolute Wille erkannt werden, der pertinent die Erscheinung eines übergehenden Willens erlaubt, andernfalls alle Erscheinung von Freiheit und vorgestelltem Willen eine bloße Illusion wäre.
Der Geltungsgrund eines absoluten Willens ist dabei nicht eine bloße abstrakt geforderte „regulative Idee“, die zu Bedingungen unseres Denkens eine unbedingte Bedingung ausdrückt, sondern konstitutive Idee, konstitutive Gnade einer sittlichen Antwortmöglichkeit und Evidenzform, sei es einer sittlichen Gemeinde, oder sei es einer individuelle Sittlichkeit und Evidenz.
Die Transzendentalphilosophie hat enormes Potential, den Begriff einer Sittlichkeit als Grund der Welt aufzustellen, weil sie den Rekurs auf eine Gottes- und Erscheinungslehre prinzipiell in sich konzipiert hat. Sie vermag das Bildsein und Sichverstehens des Wissens auf den Begriff zu bringen, weil sie gerade die hervortretende Erscheinung als Erscheinung zu begründen und zu rechtfertigen vermag. Sie kann deduktiv Erkenntnis der Erkenntnis leisten, weil sie reduktiv die Begründung und Rechtfertigung in genetischer Evidenz kennt. Philosophie und praktisches Leben mit allen darin liegenden Wissens- und Glaubens-Akten müssen nicht in ewiger Dichotomie auseinanderfallen, sondern können regelrecht in theoretischer wie praktischer, sittlicher Synthesis zusammenspielen.
3) Meine Herangehensweise: Wie sind die Aussagen in Gen 1 im geistigen Handeln des Menschen selbst begründet (siehe dann die Teile 2 – 5), also auf ihre Bedingungen der Wissbarkeit hin analysierbar, ferner schematisierbar auf die entsprechende Realität hin, sodass sie zeitlos gültig und wahr sein können? Dies bedingt weiter, dass so ein berühmter Text nicht zufällige Zeiterscheinung sein kann, der auf seine überlieferte Autorität hin historisch und blind hingenommen werden muss, sondern eine einmal bekannt gewordene, apriorische Form einer zeitlos gültigen Aussage der Vernunft ist, die in ihrer geschichtlichen Erkenntnisqualität nicht mehr unter- oder überschritten, höchstens immer besser verstanden und interpretiert werden kann.
Durch Gen 1 hat der apriorische Begriff der Geschichte einen wesentlichen Fortschritt erfahren, nämlich alle Verhältnisse nach dem Begriff der Freiheit zu ordnen – innerhalb und gemäß der göttlichen Schöpfungsordnung, die in ihren Verstandesgesetzen erkannt werden will. Gegen die göttliche Schöpfungsordnung verstoßen ist jedesmal ein Widerspruch der Vernunft mit sich selbst, ist ein Rückschritt im Denken der Freiheit und der entsprechenden Lebensbedingungen. (Deshalb versagen alle materialistischen, evolutionistischen oder rationalistischen Theorien von Schöpfung und Welt. Derzeit benimmt sich das Vernunftwesen im Umgang mit der Schöpfung alles andere als wissenschaftlich korrekt und genau.)
Geschichte ist immanente Produktionsform der Vernunft, gerade deshalb auch Erscheinungsform aus einem trans-immanenten Prinzip der Offenbarung Gottes, das philosophisch abstrakt erkannt und geschichtlich und interpersonal konkret gelebt werden kann.
Um hier nicht in einen Pantheismus zu verfallen, wie es die Begriffsphilosophen gerne tun, indem sie eine begriffliche Relationalität zwischen Schöpfung und Geschöpf aufmachen, möchte ich vorweg es so zusammenfassen: Die Erscheinung Gottes in der Schöpfung zeigt sich nicht äußerlich, sondern in einem apriorischen Maßstab des Sollens. 1
Anders gesagt: Es wird in Gen 1 in einer Vernunftform und in einer Sprache gesprochen, die im Durchreflektieren des Gemeinten verstanden werden kann – im Sinne eines apriorischen Maßes des Sollens (in der Form des Wissens mit sittlichem Inhalt) und in der Form einer Aufforderung, sei es zwischen Vernunftwesen und Schöpfungswirklichkeit (göttlichem Sein), oder sei es als interpersonale Aufforderung in einem sittlich, von Gott her gewolltem Sein.
Intuitiv ist jedem/jeder klar, der/die Gen 1 liest: Es handelt sich nicht a) um eine wissenschaftstheoretische, positivistische Beobachtungssprache, als sei bei der „Erschaffung von Himmel und Erde“ etwas zu beobachten oder zu vermessen, auch nicht
b) um eine bloße Metaphernsprache, die in beliebig vieler Richtung ohne logisch-scharfen Verstandesbezug und ohne tieferen Vernunftsinn ausgelegt werden kann, c) sondern durchaus vernunftkritisch und nachvollziehbar soll eine apriorische Erscheinungsform des Absoluten beschrieben werden, die auf die Zwiesprache einer sittlichen Gemeinde wie des einzelnen mit Gott hinausläuft, auf eine Zwiesprache mit Achtung aller Regeln von Freiheit und Liebe.
d) Die Zwiesprache wird „gefeiert“ schlussendlich im Symbol des „Sabbats“. Was das Symbol „Sabbat“ im sittlichen Begriff bedeutet – siehe dann z. B. 5. Teil „Die Kraft der Erinnerung“. (Aber alles von mir noch ziemlich rudimentär; das ist mir völlig klar!)
e) Was an einzelnen Aussagen in Gen 1 enthalten ist, das kann ich nicht annähernd darstellen. Die teleologisch geordnete, sinnliche Natur, das Selbstverständnis des ganzen Menschengeschlechts, das gleichberechtigte Zusammenleben von Mann und Frau, der rechte Umgang mit der Schöpfung („herrschen“ im Sinne von bewahren nach einer göttlichen Ordnung) u. a. m. das offenbart ein Fülle transzendentalkritischer und reflexiver Ideen, die ausgelegt werden können.
4) Wenn z. B. schon in der empirischen Empfindungs- und Gefühlswelt darauf gerechnet wird, dass wir spontan und unmittelbar auf Hemmungen reagieren und eine sinnliche Innen- und Außenwelt mit den spezifischen Werkzeugen der Sprache beschreiben, wie viel mehr wird uns a fortiori im Sprechakt eines Textes von Gen 1 und seiner ganzen Aussageabsicht angemutet, das darin liegende gemeinschaftliche wie individuelle, personale Sollen als Einheit von Zeichensetzung und Bezeichnung, als Zwiegespräch zwischen Gott und Mensch über die Vermittlungsform der Schöpfungswirklichkeit, reflexiv nachzuvollziehen und zu verstehen? Was erfließt alles aus diesem performativen Sprechakt von Gen 1, dass es zu diesem absolut staunenswerten Gespräch zwischen Gott und Vernunftwesen „Mensch“ kommen kann – durch die Welt als Schöpfungswirklichkeit! Zu Bedingungen der Erscheinung Gottes und zu Bedingungen der Freiheit ist „Schöpfung“ denkbar, schlussendlich abschließbar durch eine positive Offenbarung.
Die Kirchenväter in ihren Kommentaren zu Gen 1 haben höchst glanzvolle Kommentare geschaffen – ich verweise z. B. auf Basilius von Cäsarea und seinen Hexaemeron-Kommentar u. v. a. – das wäre alles nicht möglich gewesen, kämen in Gen 1 nicht diese vielen, transzendentalkritischen, reflexiven Ideen vor, die damals die Kirchenväter inspirierten – und uns bis heute ansprechen, trotz fortgeschrittener empirischer Wissenschaft.2
Oder anders ausgesagt: Die Bedingungen der Erscheinbarkeit Gottes sind abgestimmt und rückbezüglich zum Erkenntnis- und Wissensakt des „Abbildes“ (Gen 1, 26) formuliert – oder umgekehrt gesagt: Weil die sinnliche Natur, die Erschaffung des Menschen als Mann und Frau, der Lauf der Gestirne, das Wachstum auf Erden, Flora und Fauna, eine staunenswerte Teleologie aufweisen, kann diese Zweckhaftigkeit als Erscheinung Gottes, als übersinnliche Aufforderung an das Vernunftwesen verstanden werden, als gnadenhafte Möglichkeit der Selbstbestimmung und Selbstständigkeit des Vernunftwesens „Mensch“.
5) Das Verhältnis eines Denkens von Schöpfer/Schöpfung offenbart m. E. einen Setzungsgrund, der
a) weder aus dem Bewusstsein alleine erklärt werden kann, so als könnte das Bewusstsein aus eigener Position das Absolute denken und setzen. Das ist oberflächlich und dumm – siehe z. B. bei Schelling, Hegel, Feuerbach u. Co. Sie sind nur zu einem immanent vorgestellten absolutum aufgestiegen bzw. zur expliziten Leugnung desselben.
b) Noch offenbart das Verhältnis Absolutes/Geschaffenes ein bloß begrifflich erschlossenes absolutum, einen ad infinitum fortschreitenden Erkenntnisgrund einer realen Ursache oder einer realen Emanation Gottes, wie es in asiatischen Religionen zu finden ist (oder ebenfalls bei Schelling oder in antiken emanatistischen Erklärungen).
c) Das Denken des Absoluten, außerhalb dessen Erscheinung notwendig kein anderes Sein sein kann, muss sowohl das Bezogensein auf das absolute Sein, als auch das Unterschiedensein zum Absoluten dauerhaft zum Ausdruck bringen. Die Schöpfungserzählung Gen 1 ist dafür ein besonders schönes Beispiel – neben anderen Texten der Hl. Schrift.
6) Ich möchte deshalb diesen ersten Teil „Metaphysik des Absoluten“ nennen. Metaphysik definiert Kant einmal als Bestimmung des Seienden allein durch Begriffe. (Vgl. etwa Kants Stellungnahme zur Philosophie von Chr. Wolff z. B. KrV B XXXVI f oder KrV B 303). 3
Bei Fichte liest sich das allerdings so: Es kann nicht nur um begriffliche Erkenntnis des Seienden gehen, das käme zu keiner begründeten Analyse, geschweige zu einer synthetischen Anschauung und Deduktion. Es kann nur um beides gehen: Die Erkenntnis des Begriffes (metaphysisch), der als Bild- und Verstandeslehre zu einer Erscheinungslehre des Absoluten führt zu Bedingungen der Freiheit und Sich-Bildens. Gen 1 vereint beides: Metaphysische Gotteslehre und transzendentale Bildlehre des Selbstbewusstseins, dauerndes Bezogensein, als auch dauerndes Unterschiedensein im Erkennen in bestimmter Differenz.
Darum geht es: Einerseits will ich die begriffliche Unterscheidung des Absoluten, „Metaphysik“ im herkömmlichen Sinne, hervorheben, der Grund ist außerhalb des Begründeten, da aber nichts außerhalb des Absoluten sein kann, geht es ebenso um eine anschauliche Wirklichkeit der Erscheinung des Absoluten (des Grundes) im sittlichen Begriff und in seiner Inkarnation. Der Grund ist im Nexus des Wollens und Denkens als Grund einer Folge im Glauben zu erkennen.
(c) Franz Strasser, 15. 10. 2024
——————
1Die Bibelexegese hat in den letzten 2 Jhd. viele textkritische Methoden entwickelt, dazu verschiedene literarische, soziologische, psychoanalytische, humanwissenschaftliche Methoden beigezogen. Einen guten Überblick bietet dein Dokument aus Rom aus dem Jahre 1993. Zitat aus: Bibel und Kirche, 4. Quartal, 1994 speziell zur historisch-kritischen Methode: „Im derzeitigen Stand ihrer Entwicklung durch läuft die historisch-kritische Methode folgende Etappen: Die Textkritik, die seit langer Zeit geübt wird, er öffnet die Reihe der wissenschaftlichen Forschungsvorgänge. Indem sie sich auf das Zeugnis der ältesten und besten Manuskripte stützt, wie auch auf die Papyri, die alten Übersetzungen und die Patristik, versucht sie, nach bestimmten Regeln, einen biblischen Text zu erstellen, der dem Originaltext so nahe wie möglich kommt. Danach wird der Text einer linguistischen (morphologischen und syntaktischen) und semantischen Analyse unterzogen, die die Erkenntnisse der historisch-philologischen Forschung benützt. Die Literarkritik bemüht sich dann, Anfang und Ende der großen und kleinen Texteinheiten zu bestimmen und die innere Kohärenz des Textes zu prüfen. Die Existenz von Dubletten, unvereinbaren Gegensätzen und anderen Indizien lassen den zusammengesetzten Charakter gewisser Texte erkennen; man unterteilt sie in kleine Einheiten, um deren mögliche Zugehörigkeit zu verschiedenen Quellen zu ermitteln. Die Gattungskritik versucht, die literarischen Gattungen, ihr Ursprungsmilieu, ihre spezifischen Merkmale und ihre Entwicklung zu bestimmen. Die Traditionskritik situiert die Texte in den Überlieferungsströmen, deren Entwicklung im Laufe der Geschichte sie zu präzisieren versucht. Die Redaktionskritik schließlich untersucht die Veränderungen, die die Texte erfahren haben, bevor sie zu ihrer endgültigen Form gelangten; sie analysiert diese Endgestalt, indem sie die Texte unter dem Gesichtspunkt ihrer jeweiligen Orientierungen von einander unterscheidet. Während man in den früheren Schritten versucht hat, den Text in seinem Wer den in einer diachronen Perspektive zu erklären, so schließt dieser letzte Schritt mit einer synchronen Untersuchung: man erläutert nun den Text als solchen, dank der gegenseitigen Beziehungen der verschiedenen Elemente untereinander und betrachtet ihn unter dem Gesichtspunkt einer Botschaft, die der Verfasser seinen Zeitgenossen vermitteln will. So kann auch die pragmatische Funktion des Textes berücksichtigt werden. Wenn die untersuchten Texte einer historischen literarischen Gattung angehören oder in Verbindung mit geschichtlichen Ereignissen stehen, so ergänzt die historische Kritik die Literarkritik, um die geschichtliche Bedeutung des Textes im modernen Sinn des Ausdrucks festzustellen. Auf diese Weise werden die verschiedenen Stufen der konkreten Entwicklung der biblischen Offenbarung ans Licht gebracht.“ (S 186) Die transzendentale Frage ist dann: Wie kommt man von der diachronen zur synchronen Betrachtung? Wie ist die zeitliche Vorstellung überhaupt möglich?
2Zu den Sprechakten vgl. dazu Peter Baumanns, Von der Theorie der Sprechakte zu Fichtes WL. In: Der transzendentale Gedanke, Hamburg 1981, S 184f
3Vgl. dazu Johannes Brachtendorf, Der erscheinende Gott, Fichtes-Studien Bd. 20 (2003), S 240-251.