Gemäß transzendentallogischem Erkenntnisanspruch müssen alle Wissensbedingungen der Erfahrung aufgesucht werden. Im Unterschied zu KANT betreffen die gnoseologischen Wissensbedingungen der Erfahrung aber nicht nur die sinnlich äußeren Anschauungsbedingungen, vielmehr bedingen die transzendentalen Begriffe a priori genauso die sittlich-praktischen, interpersonal-kulturellen, religiösen und geschichtlichen Anschauungs- und Verstehensmuster, so FICHTE.
Die basale Empfindung (bei Fichte Gefühl) in der sinnlichen Erfahrung – wozu ich auch die interpersonal erfahrbare Aufforderung zähle – und das gehemmte Streben, sind der existentielle Sitz der Kategorien und der Anschauungsformen. Selbst das Nicht-Denken eines Verneinten durch Negation, verdankt sich einem eigenen Setzungsakt und einer gedachten seienden Nicht-Realität.(Siehe schon „Sophistes“ bei PLATON) „Wir stehen unter dem Gesetz der Existenz, wenn wir irgend etwas unterscheidend auffassen.“ 1
Das Beziehen wie das Unterscheiden nehmen ihre elementare Kraft vom Schweben der Einbildungskraft, das als primäre Erkenntniskraft durch Unterscheiden und Beziehen eine Empfindung und Anschauung objektiviert. Nur innerhalb des Ichs (der Ichheit) wird unterschieden und bezogen. Selbst das Nicht-Ich, das ich vom Ich unterscheide, ist nur in diesem Gegensatz über ein Ich (oder im Vergleich mit dem Ich) mit dem Ich vereinbar zu denken.
Im Unterschied zu KANT werden bei FICHTE die Kategorien nicht in ihrer Realisierung in der Anschauung stehen gelassen oder bloß faktisch aufgenommen, sondern ebenfalls aus dem Denken abgeleitet. „Evolution“ dem Begriffe nach zu denken als eine kontinuierliche, nachhaltige Entwicklungslinie, als eine Linie von identischen und differenten Elementen (in der sinnlichen Natur oder in der menschlichen Geschichte), verlangt deshalb a) eine Ableitung und Begründung aus dem Denken überhaupt und b) in concreto bereits die reflexiven Bestimmungen der Kategorie der Substantialität (inklusiv der Akzidentialität) d. h. eines Dauernden, worauf ja erst ein Werden bezogen werden kann, als auch die Kategorie des geistiges Kausieren in einer zeitlicher Apposition, und die vereinte Wechselwirkung in einer Synthesis der distributiv wirkenden Zwecke.
Ein Beispiel im biologischen Bereich: Eine lebendige Substanz ändert sich im Laufe der Geschichte dahingehend, dass z. B. eine Tierart jetzt so aussieht im Vergleich zu ihrer Vorgängersubstanz vor Tausenden von Jahren. Woher haben wir kategorial den Begriff der Substanz, und den Begriff der Dauer, und der Veränderung? Die basalen Ursprünge der Kategorien liegen im Unterscheidungs- und Beziehungsgrund des Ichs, im existentiellen Schweben der Einbildungskraft und ihrem implikativen Grund-Folge-Denken und appositionellen Kausieren (Ursache-Wirkungs-Denken). Nur im übertragenen Sinn sprechen wir von einer äußeren, evolutiven Entwicklung auf der Objektseite der Anschauung.
Wir finden z. B. ein Fossil eines versteinerten Fisches. Durch Entäußerung, Übertragung und Entfremdung vom Ich auf das Nicht-Ich sehen wir in diesem Fossil eine Jahrmillionen Jahre alte Spezies, die als Vorgängerspezies eines heutigen Fisches gedeutet wird. Es wird eine Beziehung hergestellt zwischen dem Fossil und dem lebenden Tier heute. Beziehen ist ein Akt des Ichs, ein Denkakt, der auf der subjektiv-objektiven Ebene der ichlich-sinnlichen Natur mit der sinnlichen Rezeptivität des Ichs beginnt. Durch Anschauungsformen, Verstand, Reflexionsideen und Vernunft wird zugleich auf die objektiven Ebene der sinnlichen und dann geistigen Natur (des Nicht-Ichs) die Vorstellung der Zeit und des Gewordenseins übertragen, bis der Vorstellungstrieb zur Befriedigung der hinreichenden Bestimmung des Objektes gelangt ist. Der Vorstellungstrieb wird theoretisch damit befriedigt. Die bestimmte, apriorisch gelenkte Vorstellung ist z. B. mit der Erklärung der heutigen Spezies eines Fisches aus dem Fossil eines Jahrtausendjahre älteren Fisches dann zufrieden. Woher aber dieser archäologische und paläontologische Eros, wenn ich so sagen will? Woher der überblickende Zeit-Zusammenhang eines evolutionären Gewordensein? Wenn ich eine ausgestorbene Tierspezies in einem evolutiven Prozess zu einer verwandten, gegenwärtigen Tierspezies in Beziehung setzen kann, so will ich sagen, dass die spätere Tierart in der früheren Tierart implizit als möglich angelegt war. Ich stelle einen Vergleich her, eine „Homologie“. 2
Der Vorstellungstrieb wird dahingehend befriedigt, dass durch ein gedanklich entworfenen Postulat ein Zusammenhangs das jetzigen gegenwärtigen Tieres mit dem ausgestorbenen Tier hergestellt wird – und dies so: die zeitlich frühere Spezies ist Ursache der zeitlich späteren Spezies. Aber kann tatsächlich und notwendig aus der zeitlich früheren Spezies die spätere Spezies erklärt werden? Die Dunkelheit des zeitlichen Nacheinanders und der Veränderungen einer hinterstellten Substanz wird durch Mutation und Selektion aufgefüllt und in eine „evolutionäre“ Entwicklungslinie umgedeutet. Aus dem post hoc eines Aufeinanders (das gefundene Fossil und das jetzige Tier) wird eine raum-zeitliche und genealogische Linie des Nacheinanders und des Auseinanders zwecks theoretisch befriedigender Vorstellung und evtl. sogar zwecks praktischer Neubestimmung und Selbstbestimmung. Ein Warum-Willen des theoretischen Nacheinanders kann aber nicht empirisch festgestellt werden, selbst ein praktisches Streben führt nicht automatisch zur Erkenntnis eines zweckmäßigen Ziels (zu einer realistischen oder idealistischen Erkenntnis eines Zweckes, weil ich nicht den Endzustand oder das Endprodukt jedesmal erkenne). Erst durch Denken wird ein praktisches Streben geordnet und zur Reflexion einer Selbsttätigkeit und Selbstbestimmung und Teleologie geführt: Was dient oder steigert das Streben, was ist ihr hinderlich? Durch lebendige Erinnerung wird eine objektive Zeitdimension der Zukunft erzeugt.3
Die Bestimmung einer gegenwärtigen Tierspezies aus einer evolutionären Entwicklung zu erklären, das scheint uns theoretisch besser, ja vielleicht sogar praktisch besser, als sonstige Ursachen anzunehmen, obwohl weder theoretisch noch praktisch eine unmittelbare Erkenntnis zu erreichen ist. Die Erklärung einer neuen Tierspezies z. B. aus dem Schöpfungsakt Gottes scheint uns weniger einleuchtend, als eine Erklärung aus der Hypothese einer evolutionären Selbst-Entstehung.
Wie sind „Homologien“ (=Ähnlichkeiten) denkbar?
Sie sind a) nur in einer grundsätzlichen Beziehung des Denkens zum Objekt feststellbar und ableitbar, und müssen
b) in den Anschauungsformen und Denkformen auf die Objekte in plurali und untereinander übertragen werden.
Es bleibt notwendig immer ein Rückbezug auf das existentielle Dauern wie zeitliche Werden im Ich und notwendig ein kategoriales Beziehen, sonst könnte eine andere Dauer, z. B. Millionen von Jahre, und eine Wandel, nicht gedacht und bezogen und unterschieden werden. Es sind immer Übertragungen ichlicher Momente. Es ändert sich nichts in der sinnlichen Natur selbst, als sei die sinnliche Natur oder das organische Leben (die Materie, die Gene) vitalistisch oder temporal begnadet, dass sie von selbst zu einer neuen genetischen und biologischen Formation oder zu einer neuen Tier- oder Pflanzenspezies übergehen könnten.
Dazu eine Stelle aus der SITTENLEHRE Fichtes von 1798, worin es um die diskursiv-begriffliche Bestimmtheit der anschauungsmäßig gegebenen, sinnlichen Natur geht:
„Der Natur überhaupt, als solcher, ist eine Kraft der Trägheit (vis inertiae) zuzuschreiben. Es geht dies aus dem Begriffe der Wirksamkeit eines freien Wesens hervor, die nothwendig in die Zeit fallen muss, wenn sie wahrnehmbar seyn soll; und dies nicht könnte, wenn sie nicht gesetzt würde, als durch die Objecte aufgehalten. Zwar scheint der Begriff einer Kraft der Trägheit widersprechend, aber er ist nichtsdestoweniger reell; es kommt nur darauf an, dass wir ihn richtig fassen. — Die Natur als solche, als Nicht-Ich und Object überhaupt, hat nur Ruhe, nur Seyn: sie ist, was sie ist, und insofern ist ihr gar keine thätige Kraft zuzuschreiben.“ (SW IV, 199, Hervorhebung von mir)
Kleine polemische Nebenbemerkung meinerseits: In Österreich erfreut sich seit den Tagen von KONRAD LORENZ die Verhaltensforschung großer Beliebtheit. Ich schrieb kürzlich einmal einen Leserbrief zu drei Artikel in der Furche: Worum es genau ging, siehe dort Furche Nr. 44. v. 29. 10. 2015, „Menschen denken, Tiere auch“, zu „Rabenpolitik und Wolfsgeschichten“ und zu dem intelligenten Papagei.
Es liegt solchen Geschichten schlicht und einfach ein Kategorienfehler zugrunde. Wir als Vernunftwesen übertragen unsere geistigen Fähigkeiten als evolutionäre Erklärungs- und Anfangsschritte ebensolcher Fähigkeiten auf die Tierwelt. Natürlich müssen wir dann Homologien (Ähnlichkeiten) des Verhaltens auf verschiedenen Ebenen finden!
Selbst bei sinnlichen Erscheinungformen sind aber die evolutionären Erklärungen so hypothetisch wie ihre Zufallserklärungen – siehe oben 1. Anfrage zum mexikanischen Kärpfling. A fortiori sind bei Verhaltensähnlichkeiten die Hypothesen der Erklärungen noch waghalsiger und unbegründeter als bei angeblich sinnlich-genetischen Datenmessungen.
Erstens werden schon notwendige biologische Gemeinsamkeiten unterstellt z. B. die bio-physische Natur und Kraft bei Tier und Mensch sind gleich; zweitens sollen Tier und Mensch sich durch diese bio-physische Einheit ähnlich verhalten? Natürlich, weil wir mit gleichen Begriffen von Instinkt und Trieb bei Mensch wie Tier operieren! Der Instinkt eines Wolfes steuert aber seinen Organismus anders als das Vernunfwesen seinen „Leib“ steuert.
Drittens ist alles nur metaphorische, übertriebene Rede: Wie kann aus ähnlichem Verhalten, z. B. Rudelbildung, auf eine nur verschiedene Entwicklungsstufe geschlossen werden? Wenn der Mensch sich wie ein Wolf verhalten kann, so ist das metaphorisch für den Dichter formuliert, das Verhalten von Mensch und Tier bleibt doch abgrundtief voneinander verschieden. Ich unterstelle der Wahrnehmung eines Selbstbewusstseins (eines Vernunftwesens) von vornherein eine absolut andere, intentionale Absicht als einem Tier. Wie kann ich unbedacht a) eine Abstraktion der spezifischen Wahrnehmung Mensch und der spezifischen Wahrnehmung Tier vornehmen – und b) beiderlei Wahrnehmung zu einer bio-physischen Einheit zusammenfassen, um sie späterhin aus dieser naturalen Basis heraus auch im Verhalten in concreto vergleichen zu können? Ich abstrahiere ein Verhalten – und interpretiere das c) als gleiches oder rudimentär ähnliches Verhalten bei Mensch und beim Tier, wie ich vorher schon die biophysische Verwandtschaft festgestellt habe. Als Grund dieses ähnlichen Verhaltens gebe ich aber nicht meine dichterische Freiheit an, sondern glaube, eine stoffliche und evolutionär, domestizierte Parallelität des Gewordenseins gefunden zu haben.
Das Pantoffeltierchen weiß eigentlich nicht, warum es einem Hindernis ausweicht, noch weiß der Wolf oder der Papagei, warum er so jagt oder warum die geduldige Lehrerin ihm das beibringen will. In besagten Fällen (Beispielen) eines evolutionistischen und ethologischen Denkens gestehen wir den Tieren plötzlich diese Art und Weise einer „Selbstbezüglichkeit“ und einer Verwandtschaft zum Vernunftwesen zu und umgekehrt schreiben wir dem Vernunftwesen eine Verwandtschaft dem Tierwesen zu. Natürlich, so sagen wir dann, bei den Tieren geschieht das spontan, instinkthaft, aber Parallelitäten zum Vernunftwesen „Mensch“ gestehen wir ihnen doch zu!? Die Ursache des Ausweichens (des Pantoffeltierchens), des Jagens eines Wolfes, das Nachsagen des Papageis, das ist für uns seltsam, wir suchen eine Erklärung – und unser theoretischer Vorstellungstrieb, vielleicht sogar unser praktisches Streben, ist zufrieden, wenn wir das „evolutionär“ erklären können. Dann sind wir auch entschuldbar, wenn das Vernunftwesen „Mensch“ sich manchmal wie ein „Wolf“ verhält! Woher diese angeblichen Konvergenzen wirklich kommen – das wäre jetzt noch begrifflich schärfer zu untersuchen! 4
Gerade weil wir als Vernunftwesen den Zweckbegriff haben, unterscheiden wir uns von den „Denkleistungen“ der Wölfe, der Papageien und sämtlicher Reiz-Reaktionsschemata in der Tierwelt (oder Pflanzenwelt). Wir beschreiben ihr Tun und Lassen als funktionsfähig, als angepasst, ja, viel besser an die Natur angepasst als wir Vernunftwesen von der bio-physischen Natur sind. Soweit wir uns als Naturwesen begreifen (ebenfalls dank der Vernunft), schreiben wir unserem Leib notwendig eine der Natur angepasste Konstitution und Triebhaftigkeit zu, sonst könnten wir biologisch und physisch nicht leben, verglichen mit den Tieren sind wird aber nicht so wetterfest und umwelttauglich usw……. Siehe manche Anthropologien wie bei A. Gehlen.
Diese Anthropologien müssen aber transzendental-kritisch aufgelöst werden: Im und durch den Trieb erklärt sich und erfährt sich der Mensch gebunden an die sinnliche Natur, gebunden an die Elemente, an Brot und Wasser, mangelhaft bis stark….. das ist alles noch deskriptiv. Transzendental gedacht führt der Trieb zu einem praktischen Interesse und zu einem intentionalen Streben, was fördert und erhöht die Selbstbestimmung der Freiheit, was verhindert sie. Wie weit würde ich das Selbstbestimmungsinteresse eines Tieres gehen lassen?
Pflanze, Mensch und Tier teilen sich denselben Selbsterhaltungstrieb. Das kann wohl gesagt werden. Doch was bedeutet und will schließlich ein Selbsterhaltungstrieb bei Pflanze, Tier und Mensch? Unser Leib, unser Nervensystem etc., sie sind eingebunden in einen anorganischen und konstitutiv-organischen und regulativen! Zweckzusammenhang, den wir nicht beliebig verändern können, sonst würden wir sterben und hätten kein antizipierendes, zukünftiges Denken. Doch zu welchem Zweck? Die Erkenntnis eines naturalen Zweckzusammenhangs unserer leiblich-sinnlichen Natur liegt weder in der sinnlichen Natur selbst noch in der Mimesis der Nachahmung ähnlichen Verhaltens, sondern in einer sittlich-praktischen Wert- und Zweckordnung, die wir erkennen können. Der Triebbegriff ist notwendige Vorstufe zur Erreichung dieser Freiheit.
In der Verhaltensforschung, so scheint mir, geschehen permanent schwere Kategorienfehler: Welche begriffliche Möglichkeit (Zweckhaftigkeit) sollte aus einem experimentellen Postulat entspringen, wenn gesagt wird, dass Papageien eine Vorform der Sprache hätten, oder dass die Hunde dieses und jenes Verhalten der Wölfe verlernt, dafür aber Dressuren der Menschen übernommen haben? Dass also alles irgendwie anerzogen und angelernt und nachgeahmt werden kann? Wenn ich eine realistische Projektion der Sprache in den Papagei hineinlege, erkenne ich die Analogien. Aber ist nicht die Ausgangsbasis und Definition des Postulates schon verkehrt? Was soll aus den Analogien abgeleitet werden? Die gleiche Wortfolge? Dass alles in langen Zeiträumen genetisch und biologisch und ethologisch erklärbar ist, dass Sprache und Verhalten konditionierte Dinge sind, Tier und Mensch in vielen Dingen sich ähnlich verhalten usw.? Dass die Grußformen des Menschen eine erste Stufe der Domestizierung sind usw?
Es sind für mich von vornherein falsche Sinnbestimmungen von Sprache, von Verhalten, von Grußformen, von bio-physischen, naturalen Einheiten. Wenn ich den Sinn von vornherein natural bestimme, werde ich ihn andersherum im Verhalten der Tiere und in der sinnlichen Natur ablesen können, ja klar. Es wird herausgelesen, was vorher an (intellektuellen) Verstandesmustern in das ganze Interpretament der naturalen Zusammenhänge und des naturalen Verhaltens hineingelegt worden ist.
© Franz Strasser, 16. 12. 2015
1KLAUS HAMMACHER, Kategorien der Existenz in Fichtes Eigne Meditationen über Elementarphilosophie. In: Kategorien der Existenz. Festschrift für W. Janke, hrsg. v. Klaus Held, u. Jochen Hennigfeld, Würzburg 1993, S 96.
2Siehe dazu: Adalbert Mayer, Ähnlichkeit als Prinzip der Biologie und des Bewusstseins, in: Philosophie als Denkwerkzeug, Würzburg 1998
3Vgl. dazu K. Hammacher, Kategorien der Existenz, ebd. S. 105.
4Warum Konvergenzen so auffallend sind – siehe download.23.10.13 Molekulare Konvergenzen in unerwartetem Ausmaß