Aus dem Buch gegen die Irrlehren.
„Gott ist der Ruhm des Menschen, der Mensch aber ist das Gefäß der Schöpferkraft Gottes, all seiner Weisheit und Kraft.“
Das ist keine anthropozentrische Überheblichkeit, wo doch der Mensch heute sich eh schon weit überschätzt, den Globus ausbeutet und zerstört, sondern Ausdruck einer gewährten Kommunion und Kommunikation und Partizipation. Die von Irenäus eingebrachte Rettung durch den Erlöser J. Chr. ist ja total eröffnet auf ein Lob Gottes hin, ist Hymnus und Lied aus einem todverfallenen, zerstörerischen Dasein heraus, ist Danksagung, Gehorsam, innige Gemeinschaft, neu gefundenes Vertrauen, also alles andere als naturalistische Selbstüberschätzung.
Irenäus‘ Predigt atmet das Johannes-Evangelium, in der Jesus von der innigen Gemeinschaft spricht, von der Überwindung der Angst, vom Einssein mit Gott, von der Freundschaft, „Friede sei mit euch“ …….hier und präsentisch heute.
Es ist durch die positive Offenbarung ein neuer teleologischer Zweck geweckt, mit Gott und untereinander wieder eins zu werden. Die Hingabe Jesu am Kreuz, seine totale Freiheitstat, lässt zu Bedingungen der Freiheit im Vernunftwesen wieder Vertrauen wachsen, weckt den Glaubens-Akt, lässt im Schweben der Einbildungskraft die Individualität jeder menschlichen Natur an der Totalität der Güte Gottes teilhaben – frei, willentlich, im Glauben, nicht gewaltsam oder kausal-mechanistisch.
„Wie der Arzt sich an den Kranken als Arzt erweist, so offenbart sich Gott an den Menschen. Deswegen schreibt Paulus: „Gott hat alle in den Ungehorsam eingeschlossen, um sich aller zu erbarmen“ (1). Er sagt das vom Menschen, der Gott nicht gehorchte und deshalb die Unsterblichkeit verlor, dem dann aber durch den Sohn Gottes die Barmherzigkeit und die Gnade der Gotteskindschaft zuteil wurde.“
Durch das Ur-Bild der Beziehung zu Jesus erkennt der verlorene und gerade deshalb sich in Selbstüberschätzung täuschende Mensch wieder seine ursprüngliche Gotteskindschaft und Abbildlichkeit – wie nach Gen 1, 26 vorgesehen.
Es folgt ein Lied, ein Hymnus, direkt auf Jesus bezogen, aus dem Herzen kommend, und doch ist das bei Irenäus nicht bloßes Gefühl, sondern ebenso verstandesmäßige Ordnung, „Heilsordnung“. Er vermag ja gegen die „Gnosis“ die heiligen Schriften und generell die Welt-Geschichte in einer „traditio“ und einem „ordo“ zu denken und in eine mediale Generationenreihe zu verwandeln, verbunden allein durch Freiheit. Es treffen sich im Glaubensakt das Herz, das Gemüt, die Schöpferkraft der Liebe und die Verstandeskraft der Weisheit – und das geschichtlich wesentlich vermittelt.
„Dieser neue Mensch hat ohne Prahlerei und Überheblichkeit die wahre Herrlichkeit der Schöpfung und des Schöpfers anerkannt, des Allherrschers, der allem das Dasein verleiht. Darum bleibt er in der Liebe, im Gehorsam und in der Danksagung. Er wird erhöht und empfängt größere Herrlichkeit, bis er schließlich dem ähnlich wird, der für ihn gestorben ist. „Er wurde in der Gestalt des Fleisches gesandt, das unter der Macht der Sünde steht“ (2), gleichsam als wollte er die Sünde verurteilen und sie wie eine Verurteilte aus dem Fleisch verbannen; als wollte er den Menschen aufrufen, ihm ähnlich zu werden, bestimmte er ihn zum Nachahmer des Vaters (3), gab ihm die vom Vater gesetzte Ordnung der Gottschau (4) und verlieh ihm die Gnade, den Vater zu erkennen: Das Wort Gottes wohnt im Menschen und ist Menschensohn geworden, damit der Mensch fortan Gott aufnehme und nach dem gnädigen Willen des Vaters Gott fortan im Menschen wohne.“
Durch die Religionskritik sind wir vielleicht so verdorben, dass wir hinter jedem Gottesbegriff eine psychologische Projektion (Freud) oder eine Selbstbewusstseins-Projektion (Feuerbach) vermuten. Wir verdächtigen jeden Gedanken an die Transzendenz. Hier bei Irenäus sind Transzendenz und Immanenz vereint, wie eines ohne das andere nicht sein kann. Der immanente Vollzug des Wissens verlangt das bestehende Sein der Transzendenz, und die Transzendenz zeigt sich im schöpferischen, sittlichen und teleologischen Tun des Wissens.
Die Beziehung und Unterscheidung zur Transzendenz wie zur Immanenz ist immer zugleich, geschieht wechselseitig im Glaubens-Akt. Es wird nicht magisch etwas ausgetauscht, sondern die Beziehung und Unterscheidung ist dauerndes Gespräch, Geben und Nehmen, Hören und Tun. Diese Trans-Immanenz des Lebens ist einerseits durch Reflexionsideen sehr dynamisch zu denken und zu bilden, aber andererseits ist es berechtigt, von einer statischen, verstandlichen Ordnung, eben einer „Heilsordnung“ zu sprechen im Rahmen einer wissenschaftlich fundierten Erfassung der Welt und gegen die Phantasien der Gnosis gewendet. Eine praktische, rechtliche wie ekklesiologische Vermittlung des Denkens von Offenbarung ist bei Irenäus konstitutive Bedingung der Behauptung der positiven Offenbarung.
„Darum hat uns der Herr selbst als Zeichen des Heils den Immanuel gegeben, der von der Jungfrau geboren wurde. Denn der Herr war es, der die Menschen rettete, weil sie sich selbst nicht zu retten vermochten.“
Die „Rettung“ ist zu besingen, ist Danksagung, ist inneres Antworten, und zugleich die nüchterne Selbst-Erkenntnis von der Misere des Menschen, „weil er sich selbst nicht zu retten vermochte“. Diese condition humaine wird wiederum schriftbewandert autorisiert durch Paulus und Jesaja, ontologisch gelesen, nicht bloß psychologisch festgestellt. Die Erfahrung eines Jesaja oder Paulus ist objektive, faktische Selbsteinschätzung, zählt mehr als eine subjektive Deutung oder subjektive Dichtung.
Immer wieder belegt Irenäus sein reflexives Nachdenken über Gott und Mensch durch Schriftzitate – siehe Abschluss seiner Predigt. Die mediale Vermittlung der zeitlosen Offenbarung durch die Hl. Schrift, eher im mystagogisch-moralischen als im buchstäblichen Sinne verwendet, ist konstitutiver Bestandteil der partizipativ möglichen Teilhabe an Gottes Inkarnation, mehr als bloß hermeneutische Erfahrung, weil deduktiv im Denken und im Begriff Gottes gefunden.
„Deshalb predigt Paulus die Schwachheit des Menschen und weist darauf hin, dass das Heil nicht von uns, sondern von Gott kommt: „Ich weiß, dass in mir, das heißt in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt“ (7) und: „Ich unglücklicher Mensch! Wer wird mich aus diesem dem Tod verfallenen Leib erretten?“ (8) Dann allerdings verkündet er den Befreier: die Gnade unseres Herrn Jesus Christus (9). „Macht die erschlafften Hände wieder stark und die wankenden Knie wieder fest! Sagt den Verzagten: Habt Mut, fürchtet euch nicht! Seht, hier ist euer Gott! Die Rache Gottes wird kommen und seine Vergeltung; er selbst wird kommen und euch erretten“ (10): Denn nicht aus uns selbst, sondern nur durch die Hilfe Gottes sind wir gerettet.“
(c) Franz Strasser, 4. 6. 2026
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7 Röm 7,18.
8 Röm 7,24.
2 Vgl. Röm 8,3.
3 Vgl. Eph 5.1.
4 Vgl. Mt 5.8.
5 Vgl. Joh 1,12.14.
9 Vgl. Röm 7,25.
10 Jes 35,3-4.