Ignatius von Antiochien († nach 107) Aus dem Brief an die Philadelphier.

(Ein weiteres Beispiel „genetischer“ Lektüre; rot, mein subjektiver Kommentar, fett, was mir besonders reflexiv erscheint.)

Ignatius von Antiochien († nach 107) Aus dem Brief an die Philadelphier.

(griechisch: https://bkv.unifr.ch/de/works/cpg-1025/versions/the-letters-loeb/divisions/66

Ignatius, der auch Theophorus heißt, an die Kirche des Vaters und des Herrn Jesus Christus zu Philadelphia in Asia, die in Gottes Erbarmen Eintracht und Festigkeit gefunden hat. (sc. Die Eintracht und Festigkeit untereinander, die Kontinuität der Botschaft und die Warnung vor Irrlehren und Spaltungen  – das ist dem Heiligen in allen „Sieben Briefen“ das Wichtiges. Das sieht der Autor (vielleicht erst 165/175 n. Chr.?) repräsentativ durch einen Bischof und Presbyter und Diakone am besten gewährleistet. Repräsentation ist mehr als gnostisches Wissen. Sie ist ihm lebendige Erinnerung und lebendiges Zeichen der göttlichen Wahrheit.)

Ohne zu wanken, frohlockt sie im Leiden unseres Herrn und ist dank der Auferstehung reichen Erbarmens gewiss. (sc. Die Weisheit Jesu Christi, sei es direkt von ihm in den Evangelien ausgesprochen z. B. Mt 16, oder die Weisheit, von der Paulus schreibt – 1 Kor 1 schenkt Gewissheit.) Ich grüße sie um des Blutes Christi willen. (sc. Das „Blut Christi“ ist  Chiffre für die geschenkte Erlösung und Rettung) Sie ist eine ewige und bleibende Freude, besonders wenn die Gläubigen eins sind mit dem Bischof, seinen Presbytern und Diakonen, wie sie Jesus Christus gewollt und nach seinem Ratschluss durch seinen heiligen Geist gestärkt hat. (sc. Das genetische Wissen um die Erlösung und Rettung gewährt Einsicht in einen Geltungsgrund des Willens Jesu und in den Ratschluss Gottes – und der Hl. Geist ist die Kraft dieser genetischen Erkenntnis, sonst wäre schon längst alles vergessen worden. Die entstehende kirchliche Hierarchie in den Ämtern Bischof-Priester-Diakone muss eine besondere Maßnahme gewesen sein, gegen die Gefahren der Zeit anzukämpfen und zu bestehen. )

(Ich habe erkannt), (sc. Das „erkennen“ kommt immer wieder, d. h. die neue Geisteshaltung, die im Glauben an Jesus geboren wurde, erworben durch Hl. Schrift und Tradition, erworben durch interpersonale Liebe, erworben durch Gebet. Es ist ein Erkennen von sittlicher Wertung, reflexiver Einsicht und zukünftiger Erwartung – und durch erste „Amtsträger“ bei einer gesellschaftlich größer werdenden Gruppe von „Kirche“.) dass dieser Bischof den Dienst an der Gemeinde nicht durch eigenen Entschluss und nicht durch Menschen erworben hat (1), auch nicht aus Eitelkeit, sondern in der Liebe Gottes des Vaters und des Herrn Jesus Christus. Ich staune über seine Liebenswürdigkeit. Schweigend vermag er mehr als die eitlen Schwätzer. Er ist mit den Geboten abgestimmt wie mit den Saiten einer Zither. Darum preist mein Herz seinen auf Gott gerichteten Sinn selig. Denn ich sehe, wie vortrefflich er ist und wie vollkommen. Selig preise ich seine Ruhe und seine Besonnenheit in aller Freundlichkeit des lebendigen Gottes.
Als Kinder des Lichtes und der Wahrheit (2) flieht alle Spaltung und alle schlimmen Lehren! (sc. Die Warnung vor Spaltung und Irrlehren, wie gesagt, das ist wiederkehrend, und deshalb auch eine rudimentär entstehende kirchliche Hierarchie.) Wo aber der Hirte ist, da folgt ihm als Schafe! (sc. Klar, ein Bild aus dem Evangelium, eine Allegorie auf das gläubige Hören der Botschaft und für Einigkeit und Eintracht). Alle, die zu Gott und Jesus Christus gehören, halten es mit dem Bischof; auch alle, die umkehren und zur Einheit der Kirche zurückkehren, werden zu Gott gehören, damit sie ein Leben im Geist Jesu Christi führen können. (sc. Die Eintracht und Einheit ist vor allem eine neue Geisteshaltung.)  
„Täuscht euch nicht!“ (3), liebe Brüder: Wenn einer einem Schismatiker folgt, erbt er das Reich Gottes nicht! Wer nach einer fremden Lehre lebt, ist nicht im Einklang mit dem Leiden Christi. (sc. Die neu entstandene Geisteshaltung und der neue Glaube ruft Widerstand und Widerspruch hervor. Der Heilige/der Autor muss bereits mit heftigen Einsprüchen und Widerständen zu tun gehabt haben, aber er begründet seinen Geltungsanspruch mit Berufung auf das „Leiden Christi“)  
Darum seid darauf bedacht, e i n e Eucharistie zu feiern. Denn eines ist das Fleisch unseres Herrn Jesus Christus und einer der Kelch zur Gemeinschaft mit seinem Blut (4), einer der Altar, wie einer der Bischof mit dem Presbyterium und den Diakonen, meinen Mitknechten. Alles, was ihr tut, tut es im Sinn Gottes! (sc. Nicht der Bischof begründet die Gültigkeit der Eucharistie, monarchistisch, sondern er repräsentiert nur die imaginierte geistige Einheit der Gläubigen in der Eucharistie – und die Bischöfe, Priester, Diakone sind allesamt nur Repräsentanten der Idee der Einheit. Diese Idee muss die Christen in den ersten Stunden ausgezeichnet haben.)  

Meine Brüder, ich verausgabe mich ganz in Liebe zu euch und voll Freude stärke ich euch, doch nicht ich, sondern Jesus Christus. (sc. Das genetische Licht geht von Jesus Christus, vom Glauben an ihn, aus, nicht von einer hierarchischen Befehlsreihe.)  

In ihm gefesselt, (sc. allegorisch gemeint, jede äußere Unfreiheit ist nichts im Vergleich zur gefundenen inneren Freiheit.) fürchte ich mich vielmehr, weil ich noch nicht vollendet bin. Aber euer Gebet wird mich für Gott vollenden, (sc. Das Gebet ist für arme Leute die letzte Zuflucht, der verschwindenden Zeit und aller vorübergehenden Leiden und Verfolgung zu entgehen. Im Gebet ist dem Heiligen ein Raum gewährt, zu dem kein Diktator oder knechtende Irrlehre Zugang hat. Das Lob Gottes stellt in ein Zeitverhältnis, die alle Zeit in eine ewige Bestimmung vorwegnimmt, ist antizipierte Vollendung – und das Gebet ist das Hilfsmittel dazu, und natürlich in gewissem Sinne prekär, denn die Zeit ist für ein diskursiv verfahrendes Vernunftwesen nie vollendet. Der Heilige spricht deshalb die Hoffnung aus, dass andere für ihn im Gebet die Zeit vollenden.)
damit ich das Los erlange, zu dem mich das Erbarmen Gottes bestimmte, als ich zum Evangelium – dem Fleisch Jesu – und zu den Aposteln – dem Presbyterium der Kirche – meine Zuflucht nahm. (sc. Das „Fleisch Jesu“ – das ist nicht eine gnostische Lehre, sondern Inkarnation des unsichtbaren Gottes, Offenbarung seiner Güte und Rettungsabsicht – und alles in lebendiger Erinnerung durch die allegorisch zu verstehenden „Aposteln“ der Presbyter. Die Kontinuität der pertinenten Sinnidee ist offensichtlich  personal und interpersonal und geschichtlich vermittelbar.)  
1 Vgl. Gal 1,1.
2 Vgl. Lk 16,8; Joh 12,36; 1 Thess 5,5.
3 1 Kor 6,9.
4 Vgl. 1 Kor 10,16.17.

(c) Franz Strasser, 30. 8. 2026 

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser