Nochmals von mir wiederholt: Der Grund des Denkens eines möglichen Wissensvollzuges und einer sich selbst bestimmenden Freiheit durch das vorausgesetzte Vermögen eines (freien) Willens ist nicht im Denken oder in der Ich-Form des Denkens idealistisch begründet, sondern ist ein gesetzförmiges Vollziehen und Nachvollziehen eines lebendigen Bildens der Erscheinung des Absoluten.
Die abstrahierten und erschienenen Vermögen im Schematisieren wie z. B. das Vermögen des Willens, sie sind evident und real, als diese Vermögen auf den Fall hin im individuellen Vollzug realisiert und konkretisiert werden – begrĂĽndet und gerechtfertigt in einem gesetzesförmigen Erscheinen des Absoluten.
Die genetische Grenze liegt in einem absoluten „Durch sich der Erscheinung“, im „bloßen reinen Vermögen der Erscheinung“ (9. Vorlesung), das in vielen Stufen der Reflexibilität des Wissens und zuletzt im und durch das Vermögen des Willens realisiert werden kann. Wird schematisiert und im realen Wollen/Willen gehandelt, so ergibt sich der gesetzliche Nachvollzug und Mitvollzug der Erscheinung des Seins des Absoluten als Bild Gottes, genetisch abgeschlossen, zeitlich aber unendlich. „(…) Die Erscheinung ist ein reines absolutes Vermögen realer Schöpfung; u. was sie diesseit dieses Vermögens ist, ist sie nicht durch Gott, sondern durch sich selbst. Dieses reine absolute Vermögen selbst aber durch sich etwas zu seyn, ist sie durch Gott; er selbst sezt sie frei, u. selbstständig ab: und dies nicht etwa durch einen Akt der Willkühr, dergleichen, als eine SelbstModifikation und ein Werden von dem absoluten gar nicht auszusagen ist, sondern zufolge der Nothwendigkeit seines formalen Wesens, welches, als selbst lauter Leben, nicht erscheinen kann, und nicht erschienen seyn würde, in dem todten, u. gebundenen, sondern nur in dem in sich selbst lebendigen ( 9. Vorlesung, S. 61 u. S. 62 Z 27 ff)
Wird der vom Sein der Erscheinung und der Freiheit her intentierte und gewollte Zweck des Handelns durch das Mittel des Willens nicht als solcher angestrebt, verfehlt die Freiheit mittels Willen die eigenen Selbstbestimmung. Der Wille wird zum Werkzeug eines fehlgeleiteten oder bösen Prinzips. Wird der Möglichkeitsraum der Genesis nochmals negiert, so steigt eine neue Möglichkeit auf, wie J. Widmann kurz schlieĂźt: die des Todes – siehe dort Abschnitt „Der höchste Begriff des Wissens“ 1
38. Vortrag:
S 232 Der „Weise‚“, so jetzt die Diktion Fichtes, gibt sich in seinem notwendigen Schematisieren und faktischem Sehen dem reinen Sehen hin. Die zu erreichenden finalen Endpunkte des Schematisierens und Projizierens Delta und Epsilon sind Erscheinungen eines absoluten Solls.
Sind auch die Anfangspunkte des Sehens Alpha und Beta als Erscheinungen des absoluten Solls und Gottes erkennbar? Solang der Wille als die Synthesis von reinem und faktischem Soll in Gamma nicht reiner Wille ist, ist es nicht der „vollständige Wille“, er ist immer nur Teil-Erscheinung, bzw. einfach nur Erscheinung.Â
„Denn es ist noch da das soll, daß es das Sehen, als Bild Gottes, sehe, und erst wenn dieses soll vollzogen ist, ist alles Soll vollzogen.“ (S. 232. ebd. Z 11f)
Es sind sehr dichte Worte, die ich zitieren muss, weil sie zugleich den höchsten Sinn einer mit abstrakten Mitteln der Philosophie erreichbaren Weisheit ausdrĂĽcken, oder anders gesagt, die mit den Mittel der Philosophie erreichbare Hingebung der Freiheit und des Willens an Gott in der Religion.Â
„Ich sage ferner: Erst auf diesem Standpunkte (sc. dass das Sehen ein Sich-Sehen im Soll seiner selbst werde, Bild Gottes) tritt dieses Soll in seiner wahren dringenden Kraft ein. Erst hier ist das Sehen, das reine, das wirklich u. in der That Bild Gottes ist, u. als solches angesehen werden kann. Auch tritt hier erst eine Unbegreiflichkeit ein, die gelöst werden muĂź: /. Das Sehen der Dinge, [ist] nur das von den Dingen, die mich befriedigen. – aber hier [sind] Ideen, ĂĽbersinnlich, von nichts, denen ich doch mein Leben, meine Natur hinopfern soll? Warum nun,“ was liegt zum Grunde? Diese Frage muĂź hier gelöst werden. Der Wille kann nicht ruhig, fest u. unerschĂĽttert auf sich stehen, ohne sich selbst, u. sein Objekt zu begreifen, Das Objekt des Sehens.“ (ebd. S 14ff)
Die Antwort auf einen Endzweck des Wollens und Handelns kann nur eine synthetische Erkenntnis a priori sein, gewonnen aus den analytischen Wissbarkeitsbedingungen des Schematisierens und des freien Willens: Das reine Sehen des Sehens und das faktische Sehen mĂĽssen in der Idee der Möglichkeit und der Wirklichkeit zusammenfallen. Dies geschieht nun einmal in einem sich hingebenden Willen, worin Einsicht und Vollzug eins sind, absolutes (reales) Soll und dessen Erscheinung als Sehen des Sehens selbst, als Willen bejahenden Willen, als Liebe bejahende Liebe (37. Vorlesung, vgl. S 223 Z 5). Dies ist dann mehr als Wissenschaft – „Das reine Sehen ist im Bilde unsrer W[issen]sch[a]ft ganz eingetreten in das faktische. – ist „WeiĂźheit“ (ebd. Z 13). Der Gedanke Gottes oder das Denken wird „Religion“.
S 233 Religion ist „ d.i. das ganze, dessen ewiger Abbildung wir uns hingeben, u. an ihr uns vernichten, u. aufgehen. Das reine Sehen ist im Bilde unsrer W[issen]sch[a]ft ganz eingetreten in das faktische. Das Sehen ist Eins: synthetisch zwar, aber diese Synthesis ist vollendet in Einem Blike; unendlich zwar ablaufend, aber diese Unendlichkeit ist vorweggenommen, und in Eins gefaßt, im Willen. Dieser Wille ist formaliter Eins, die Individualität aufgehoben, denn alle sind dasselbe reine Sehen: die Unendlichkeit [realisiert], denn der Wille steht unwandelbar, u. unveränderlich über dem ewigen Wandel . (ebd. S 233 Z 15ff)
So einmalig diese WL-1811 geworden ist – hier möchte ich einen anderen Abschluss finden und den Ăśberstieg zu einer  positiven Offenbarungsreligion machen: Die Begriffe von „Weisheit“, „Religion“ kommen mir ziemlich unergiebig vor.Â
Wenn der Wille zwar in seiner Idealgestalt so gedacht und formuliert werden kann, dass die „Endpunkte“ des Realisierens (Delta und Epsilon) projektiv gedacht werden können, allgemein formuliert als Hingabe an Gott in der Religion und Weisheit, so kann der deliberativ anschauende, die kausale Ordination des Seins bestimmende Kraft nie den genetischen Anfangspunkt von Alpha und Beta der Erscheinung des absoluten Solls selbst erreichen. Der Wille formiert das Sich-Wissen zu einem Bild-Wissen selbständiger Natur und Freiheit, entwirft nach notwendigen Gesetzen ein „Bild Gottes“ der Freiheit und seiner selbst, bleibt jedoch in zeitlicher Hinsicht nach dem faktischen Prinzip der Erscheinung des Solls an die ihn bestimmenden Freiheitshandlungen angewiesen. Er kann zwar nicht total determiniert sein, er kann aber ebenso nicht den genetischen Anfangspunkt von Alpha und Beta der Erscheinung Gottes erreichen. Will er den Grund seiner selbst als Bild Gottes gerechtfertigt und vollständig einsehen und erkennen, bedarf er eines Ur-Bildes seines Vollzuges, d. h. einer positiven Offenbarung. Wie es oben geheiĂźen hat, solange der Wille als Synthesis von reinem und faktischem Soll in Gamma nicht reiner Wille ist, ist er nicht der „vollständige Wille“. Er ist sich selber in seinem Endzweck und in der Wissbarkeit der Erreichbarkeit des vom Absoluten ermöglichten Endzwecks nur Erscheinung und immer unvollständig. Â
Die höchstmögliche Beschreibung der Religion aus dem Blickwinkel einer Philosophie und die höchstmögliche Beschreibung eines Imperativs der Wissenschaft, wie von Fichte hier gegeben, ist fĂĽr mich unzureichend und unbefriedigend! „(…) „nun gehe hin u. werde das Urbild. Wissenschaft hättest du; nun werde WeiĂźheit.. So endet sie, sich als Schema u. Mittel aufgebend, im Postulat eines Faktum.“ (ebd. Z 26)Â
Da es eine Sichtbarkeit des Endzwecks des „vollständigen Willens“ fĂĽr den diskursiv denkenden und durch originäre ursprĂĽngliche Einbildungskraft anschauenden, freien Willen nicht gibt und geben kann, er bleibt immer in seinem zeitlichen Handeln bedingt, muss es eine Erscheinungsweise des Absoluten selbst geben, in der ein Ur-Bild des reinen, vollständigen und vollkommenen Willens Gottes aufscheint – nicht als Ersatz des individuellen Vollzugs der Freiheit und des Willen, aber als Position und Faktor eines absoluten Anfangs- und Endpunktes des freien Willens vorausgesetzt.
Das ist fĂĽr mich die positive Offenbarung, wie sie der christliche Glaube verkĂĽndet. Wenn der Freiheitsakt im Willen ständig unterbrochen werden kann und de facto unterbrochen wird, obwohl es idealerweise nur einen einzigen, zusammenhängenden Akt der Sich-Offenbarung des Absoluten im Sein der Erscheinung geben sollte, so muss diese endliche Freiheit und dieser fehlerhafte, oft sĂĽndige, wankelhafte Wille auf einen bereits erschienenen vollständigen und vollkommenen freien Willen verweisen können. Der deliberativ freie und zugleich habituell sehr fehlerhaft bereits geprägte Wille muss sich nach seinen eigenen geschichtlichen Freiheitsgesetzen auf ein Ur-Bild seiner vollständigen und vollkommenen Realisation beziehen können.Â
Mit der in den ersten Vorlesungen WL-1811 deklarierten Aussagen, dass das Absolute notwendig im Sein der Erscheinung sich manifestiert, ist die notwendige Ansicht ebenso verbunden, dass dieses absolute Sein zwecks freier Selbstbestimmung und freiem Willen notwendig positiv, geschichtlich und interpersonal, in der Faktizität der Erscheinung, erfahrbar sein muss können.Â
Es wäre ja höchst prekär bis widersprĂĽchlich: Wenn es möglich sein sollte, den Freiheitsakt im freien Wollen und Handeln abzubrechen – dann läge darin der Abbruch des einen Aktes der Ur-Erscheinung des Seins des Absoluten ĂĽberhaupt vor.
Ergo muss es trotz Abbruch und widersinnigem Handeln eine vollständige ErfĂĽllung eines vollkommenen Willensaktes geben können, sonst wäre die bis jetzt hypothetisch aufgestellte notwendige Erscheinung des Absoluten in seinem Sein zum Scheitern verurteilt bzw. gar nicht denkbar. Die christliche Theologie nennt das die notwendige Denkbarkeit einer „satisfactio“ und „restitutio“. Â
Eine den Abbruch und das Böse sĂĽhnende und das Gute wiedererstellende Restitution des Ur-Aktes der Erscheinung des Seins des Absoluten ist notwendige Bedingung – und im endlichen Vollzug der Freiheit und des freien Willens und der zeitlichen (geschichtlichen) Realisierung muss eine causal-reale Bedingung als hinreichende Bedingung einer vollkommenen Freiheitstat einsehbar sein. Der freie Wille des endlichen Vernunftwesens vermag sich interpersonal und geschichtlich und in realer Kausalität darauf zu beziehen. Diese als notwendige Bedingung gedacht und phänomenal als hinreichende Bedingung real vorausgesetzt ist die positive Offenbarung in JESUS CHRISTUS. Sie ist Anfangs- und Endpunkt fĂĽr einen den Endzweck realisierenden Willens. Â
Fichte beendet diese groĂźartige WL-1811 in einem eher klassischen Stil alter Weisheitslehren mit diesen m. E. abstrakten Ausblick auf Religion. Die Begriffe einer notwendigen positiven Offenbarungsreligion wären aber ohne weiters angelegt – besonders in diesem Begriff des Willens, der zur Freiheit der Selbstbestimmung hinzukommen muss. Die WL-1811 ist fĂĽr sich als theoretische Reflexibilität des Sich-Wissens hoch vollendet, ethisch-praktisch könnte aber jetzt dieses Hingeben an die Weisheit, dieses ergriffene Begreifen der Religion, umgewandelt werden in eine einzuĂĽbende Idee des Verhaltens, wie kann und soll der Wille eine persistente Beziehung zu einer positiven Offenbarung aufbauen. Die  „religiöse“ Luft muss in Berlin um diese Zeit ziemlich dĂĽnn gewesen sein, geschweige der Glaube an eine positive Offenbarung. Umso bemerkenswerter, dass zwei Jahre später Fichte ausdrĂĽcklich von der Notwendigkeit der Voraussetzung einer positiven Offenbarung fĂĽr die WL spricht – in der sogenannten „Staatslehre“ von 1813. Das wird den Berliner Geistern nicht sehr behagt haben? .2.
Die WL „war das Bild der Synthesis aller Disjunktionen: vom Standpunkte des Willens aus. Also – sie ist die Einheit der gesamten Reflexibilität; drum es vollzogen habend, sieht sie die ganze Gesezmässigkeit des Wissens.“ (ebd. S 233 Z 30 f) Hier fehlt die sittlich-praktische Synthesis einer apriorischen Sinnidee im Willen, die die positive Offenbarung einbezieht, um alles Disjunktionen, vor allem die Vorkommnisse des Bösen und Sinnwidrigen, wieder gut zu machen und den schon ausformulierten Verunftendzweck zu erreichen. Â
© Franz Strasser, April 2023
1J. Widmann, die Grundstruktur des transzendentalen Wissens, ebd. S. 300 – 304.
2 G. Rametta drückt es so aus: die WL wird zur „Einheit von Wissen und Wollen, d. h. zu einem Wissen, das sich als freies Handlungsprinzip in der Wirklichkeit realisieren kann.“ Die Gedankenentwicklung, ebd. S. 267.