Hier beginnt der 2. Hauptteil der SL-1812, die begrifflich-analytischer Zerlegung der gesellschaftlichen Erscheinung des Begriffes, d. h. die kausal-zeitliche Anwendung und Realisierung als „Theil der realen Erscheinung“ (18. Vorlesung S 341 Z 21), als Prinzipiat des Prinzips der Erscheinung Gottes.
Durch die Form der Gemeinde von Ichen, „schlechhin faktisch im faktischen Sehen, das ohne alles Zuthun der Freiheit jedem wird, u, keiner ändern kann! (17. Vorlesung S 339 Z 31), muss die Form der Realisierung des idealen Begriffes der Gemeinschaft ebenfalls auf eine mannigfaltige Art und Weise des individuellen Vollzuges geschehen. Es ist konstitutionsgenetisch notwendig, wie in der WL 1811 herausgearbeitet, dass Bewusstsein nicht nur ordinal ein Sehen ist, sondern zugleich ein mannigfaltiges Sehen sein muss.
Das Ordnen der Wirklichkeit geschieht dabei durch den Zweckbegriff (19. Vorlesung S 343, Z 24); der Naturtrieb“ (ebd. S 344 Z 5) kommt ins Spiel, um auf eine die sinnliche Naturordnung hinausgehende geistige Gesellschaftsordnung überzuleiten; das Vermögen des Ich ist schematisch eine gesellschaftliche Ordnung, ist ein „selbstständiges Prinzip“ (19. Vorlesung S 345 Z 26).
Die Gemeinde wird beschrieben (20. Vorlesung). Der sittliche Begriff leitet dem Inhalt nach ĂĽber zu einer Mitteilungspflicht der einzelnen Individuen; das Bild der sittlichen Weltordnung ist genetisch vorgegeben und abgeschlossen, aber zeitlich unendlich zu realisieren; dies verlangt Pädagogik und Erziehung mit Liebe – und kann nicht widersittlich erzwungen werden. Der Begriff der sittlichen Ordnung bleibt als Bild und Erscheinung Gottes formal (und somit transzendent) vorgeordnet, inhaltlich muss die Ordnung aber im zeitlichen Bilden (in Bildern und als Bilder), wechselwirkend mit dem Bild Gottes, erst werden und erscheinen. (22. Vorlesung)
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18. Vorlesung
Das Ich soll erscheinen als die Zeit ausfüllend, als selbstständiges Prinzip, aus sich, von sich, durch sich;
S 341 „Der Mensch muß eine Kausalität haben, unabhängig von Sittlichkeit, unsittlich leben und würken können, außerdem könnte er es nicht sittlich.“ (ebd. Z 4)
Im Wissen muss dieses Über-Empirische erscheinen können, über ein leere Bildlichkeit hinaus; ein „sichtbares an sich“, „nicht als bloße Sichtbarkeit gedacht“ (ebd. Z 12). Ein solches ist die Gemeinde der Individuen.
Ein Individuum ist a) bloße empirisches Bild eines Sehens, darin sind alle gleich, und b) ein Teil des „wirklich und realiter in dem Sehen seyenden: u. insofern ist es selbst etwas reales: nemlich ein Theil der realen Erscheinung.“ (ebd. Z 21)
Es erscheint in der Individuenwelt nicht die Erscheinung, wie sie ist, sondern dass sie ist, und dass etwas, „das nicht bloßes Sehen ist, und das an sich unsichtbar ist, sichtbar ist, in dem Sehen.“ (ebd. Z 24) Es wird sichtbar in der Individuenwelt.
…. macht im HANDBUCH darauf aufmerksam, dass hier ein neuer Individuums-Begriff auftritt: In den Jenaer Jahren war das Individuum als empirisches hervorgehoben. Wenn das Spezifische des Individuums bleiben soll, muss es es im Rahmen der Erscheinung Gottes eine geistige Dimension geben, die die Individualität als solche ausmacht, nicht bloß der empirische Charakter der Gleichheit aller Individuen. 1
Das Ich ist Prinzip, die Gemeinde der Individuen und jedes einzelne Individuum als Glied derselben, mĂĽssen erscheinen in wirklicher Erscheinung,
S 342 „als wirkend objectiv“ (ebd. Z2), als real wirkend; das Ich muss diese „Summe von Subjekten“, in der die Erscheinung erscheint, bestimmen können, d. h. es muss Prinzip sein können „in Beziehung auf die Mannigfaltigkeit des Seyns“ (ebd. Z 11),
d. h. S 343 es wird „Urheber einer neuen Ordnung der Mannigfaltigkeit“ sein. (ebd. S 343 Z 1)
Mit der neuen Mannigfaltigkeitsordnung ist synthetisch vereinigt das faktische Sehen der Empirie, das ja ebenfalls aus der realen Erscheinung kommt;
19. Vorlesung
„Ehe es drum zur Erscheinung des sittlichen Lebens kommen kann in irgend einem Individuum, wird dasselbe dargestellt in wirklicher Erscheinung, als Princip irgend eines Ordnens: als wirkend eben, u. freie Ursache.“ (ebd. Z 16f)
Dieses Prinzipiat ist allgemeingültige, objektive Anschauung für das Ich, für alle Individuen, denn es ist die Erscheinung „des Einen realen in der Empirie“ (ebd. Z 21)
Die Wirksamkeit für ein gewisses Ordnen ist bedingt durch den Begriff einer solchen Ordnung, den Zweckbegriff. „Dieser ist wieder bedingt durch den Begriff der im faktischen Seyn der Welt gegebnen Ordnung; eine gewisse Entwiklung des Begriffs geht drum der Wirksamkeit nothwendig voraus.“ (vgl. ebd. Z 24 f)
Es herrscht somit ein Charakter der Ordnung des Ich, der Geistigkeit, wenn der sittliche Wert in realitate gesetzt wird. 2
S 344 Es ist das andernorts oft dargestellte Verhältnis von Naturtrieb, das genetische Sehen des Möglichen, „Naturprodukt und Naturding“ (ebd. Z 5), das für sich aber nicht möglich eingesehen werden könnte, gäbe es nicht die „Darstellung des realen in der Erscheinung“ (ebd. Z 11), mithin ist die natürliche Ordnung bedingt durch eine übernatürliche, geistige Ordnung.3
„Es ist andern Theils Darstellung des realen in der Erscheinung: und insofern ist es Trieb, und möglicher Weise Handeln für eine in dem Naturgesetze nicht liegende u. durch dasselbe nicht gefoderte Ordnung; die ihm schlechthin entspricht, die in seinem selbstständigen Seyn liegt, u. durch dasselbe gefodert wird.“ (ebd. Z 11)
Innerhalb der übernatürlichen, geistigen Ordnung macht sich sichtbar das „reale der Erscheinung“ (ebd. Z 24), das „Naturgesetz eines faktischen Wissens“ (ebd. Z 25); dies ist aber ein Gesetz der Gesetzlosigkeit und des Ungefährs.
Beide Ordnungen machen ein Individuum aus – und der reflexive Ichbegriff wird selber so charakterisiert, dass zuerst die gesellschaftliche Ordnung ist, ehe die Naturordnung ist.
Anders gesagt: Das Ich ist dem Vermögen nach zuerst reflektiert und repräsentiert als Gemeinde, ist inhaltlich und material eine Pluralität von Individuen und spiegelt die Einheit einer „Mannigfaltigkeitsordnung“ (siehe Zitat oben S 343 Z 1) wider. „Die sittliche Interperson ist das vom sittlichen Wert in der Wirklichkeit Geforderte“, so R Lauth in seiner Ethik. 4
S 345 „Das Individuum entwickelt sich ja erst als blosses Naturwesen, zur Fertigkeit der SelbstErhaltung: sodann als ein Ich an sich, seinem geistigem Wesen nach, zuförderst zu einem Grade von ErkenntniĂź solcher geistigen Begriffe, u. der Zwekmäßigkeit der Natur fĂĽr sie: sodann zu einem Grade von Fertigkeit sie auszufĂĽhren. Dadurch erhält nun das Individuum zuerst seinen individuellen Charakter, der nothwendig ein geistiger ist, aus der Sphäre der eben beschriebenen Begriffe. a.). Das bloĂź empirische Ich hat keinen Charakter: sie sind alle sich gleich: [strebend nach] SelbstErhaltung, fliehend den Schmerz, wollend sinnliches Wohlseyn: höchstens hat es einen Standpunkt im Raume, u. in der Zeit. b.) jener Charakter wird dem Menschen nicht angebohren, sondern er entwikelt sich in der Zeit, nach unbegreiflichen GrĂĽnden, u. Gesetzen. Das beste thut die menschl[iche]. Gesellschaft, die sich selbst zum Begriffe erzieht. Warum nun diese Erziehung hier nicht anschlägt, dort aber, u. [eine] andere“ andere Resultate liefert: das ist unbegreiflich“ (19. Vorlesung ebd. Z 2ff)
20. Vorlesung
S 345 Da das Ich letztlich freies Prinzip sein muss, muss auf der Erscheinungsebene die Gemeinde der Individuen selbst als Prinzip aufscheinen, die eine freie, geistige Ordnung der Individuen als Produkt hervorbringt.
Das Produkt ist dabei a priori nicht ableitbar, weil im Akt freien Wollens die gesehene Gesellschaftsordnung als Stoff vorausgesetzt wird. „An diesem Charakter“ hat der Pflichtbegriff aber seinen Stoff:
„Zufolge dieses Charakters ist nun das Ich, unabhängig vom Sittengesetze, u. vor dem Erwachen deßelben, selbstständiges Princip in der objektiven Welt, von einem solchen, das seinen Charakter ausspricht; und so ist denn die Gemeinde aller Individuen, wiefern sie sich zu diesem höhern geistigen Daseyn entwikelt haben, selbstständiges Princip eines solchen Produkts, das ohne dieselbe, durch die blosse Natur, gar nicht da wäre: u. zeigt sich so als etwas anderes als die Natur, u. da diese nichts ist, als etwas an sich. An diesem Charakter nun, u. dem materialen Inhalte desselben hat der Pflichtbegriff, falls er erscheint, einen Stoff, an den es sich halte, aus dem er seinen eignen Gehalt entlehne, u. ihn weiter bestimme; (…)“ (ebd. Z 21ff)
S 346 Fichte begibt sich an die Beschreibung der Gemeinde, oder, wie Luca Fonnesu sagt, an eine „Theorie der Institutionen“.5
a) Das Individuum kann sich als reales Bewusstsein nur bewusst werden, indem es sich integrativ aus der Gemeinde, als Teil eines Ganzen unterscheidet und bestimmt; die Gemeinde ist als Einheit dem Individuum vorgeordnet; es ist die Ansicht der allgemeingeltenden Vernunft;
S 347 diese Einsicht wird erhoben zum Gesetz,
b) was das Handeln und Wirken betrifft, muss alles zuerst den Zweck haben, „die Einheit der Gemeinde auch in der Erscheinung darzustellen, allein individuellen Charakter, d. i. beschränktes Maas der Einsicht, u. der Kunstfertigkeit aufzuheben.“ (ebd. Z 13)
Es besteht eine allgemeine Mitteilungspflicht des Geistigen. 6
S 348 Der sittliche Begriff gewinnt eine geistige Form. Den qualitativen Inhalt muss jeder/jede unmittelbar im Bewusstsein selbst vollziehen:
»1. Das einzige wahrhaft selbstständige innerhalb der Erscheinung ist die Erscheinung selbst, wie sie ist an sich, als Bild Gottes. Dies ist nun in ihrer Einheit als Gemeine der Individuen.“ (20. Vorlesung, ebd. Z 12f)
Ich zitiere hier G. Cogliandro, weil dies eine entscheidende Stelle ist in der Analyse des sittlichen Begriffes: „Die Erscheinung ist selbständig und fällt daher in den Bereich der Wissenschaftslehre, d. h. sie gehört in die Analyse des Absoluten, weil die Erscheinung als solche erkannt wird, insofern sie als Bild Gottes verstanden wird. Sie ist das Bild Gottes, weil selbständig, und eben deshalb kann sie die Grundlage einer wahrhaften Gemeinschaft von Individuen bilden.“ 7
b) Dies hat jetzt eine interessante Konsequenz, insofern die erste und einzige Erscheinung des Absoluten das „Bild Gottes“ ist, jetzt sichtbar in ihrer Einheit als „Gemeine der Individuen“, das reflexiv selbst sich zum Objekte hat – aber genauso unbegreiflich bleiben muss, wie das Erscheinen des Absoluten selbst als Bild Gottes und als Einheit einer Vielheit: „<2>). Dieses ihr Seyn stellt sich dar als eine Aufgabe; denn sie erscheint in der Form eines absoluten Princips. Also – der Begriff richtet sich nothwendig an das Ganze, u. spricht vom Ganzen. Es giebt im eigentlichen Sinne keine Pflicht des Einzelnen, sondern nur eine der ganzen Gemeine. Diese aber ist die Hervorbringung einer gewissen WeltOrdnung: (ebd. S 348 Z 16f)
Wenn das ein unbegreifliches Erscheinen des Absoluten ist und bleiben muss, kann folglich auch nicht von einem Weltgeist oder „Gesamtbewusstsein“ geredet werden, das dieses Bild Gottes generiert oder emergiert, weil dies dem transzendenten Verhältnis der Erscheinung zum Absoluten widersprechen wĂĽrde: es heiĂźt konsequent transzendental gesagt: „(…) welche schlechthin unbegreiflich ist, da sie unmittelbar sich offenbaren muĂź, [und] auch in dieser Welt nicht in irgend einem BewuĂźtseyn heraustritt, indem theils die Gemeine noch nicht vollendet ist, theils, unter anderm auch, weil sie noch nicht vollendet ist, [sondern] immerfort muĂź gebildet werden. (Sodann [will ich] darĂĽber eine Bemerkung [anfĂĽgen].[)] (20. Vorlesung, ebd. S. 348 Z 21f)
S 349
Wohlgemerkt ist diese selbstständige Erscheinung (Punkt 1, S 348 Z 12) genetisch vollendet, zeitlich aber unendlich; nicht durch ein übergeordnetes „Gesamtbewusstsein“ erreichbar, wiewohl es eine reflexive Verpflichtung des „Bildes Gottes“ als Gesamtheit gibt, sondern nur individuell erreichbar.
3.). Diese Aufgabe spricht sich nun nicht aus in einem GesamtbewuĂźtseyn, weil es kein solches giebt, sondern in [einem] individuellen, hier so, anderwärts anders, nach einem unbegreiflichen Gesetze.Sie spricht sich aber aus, als Aufgabe fĂĽr das ganze; es wird drum zuallererst Aufgabe an jeden einzelnen seine Ansicht mitzutheilen an alle, u. sich anzueignen die Ansichten anderer: sich zu bilden zur Uebereinstimmung mit dem gemeingĂĽltigen in andern, u. diese zu bilden zur Uebereinstimmung mit dem gemeingĂĽltigen in ihm. In dieser Lage hat jeder seinen besondern geistigen Charakter; die Aufgabe aber ist, daĂź alle diese Charaktere in Einen verschmelzen. – [daĂź] die ganze Gemeinde da stehe mit Einem Sinne. Irgend einmal muĂź dieses Ziel erreicht seyn, denn es ist selbst nur ein Mittelglied zur eigentlichen SichDarstellung der Erscheinung. (ebd. S. 348. 349. Z 21ff) Â
Sich mitteilen zu müssen, eine Übereinstimmung erzielen, das ist eine Frage der Erziehung und der Pädagogik (vgl. auch oben 11. Vorlesung, S 316 Z 12f), aber es muss ein ewiger Hiatus zwischen „Sich-Darstellung der Erscheinung“ (ebd. Z 11 bleiben, damit die Freiheit der individuellen und gemeinsamen Selbstbestimmung gewahrt bleiben kann, d. h. die Realisierung als „Bild Gottes“.
„Irgend einmal muß dieses Ziel erreicht seyn, denn es ist selbst nur ein Mittelglied zur eigentlichen SichDarstellung der Erscheinung. Bis es erreicht werde, wird durch die Erscheinung noch nicht dargestellt die aufgegebene Welt-Ordnung, sondern es wird nur gearbeitet an der Hervorbringung ihres Bildes, welches selbst nicht vollendet seyn kann, ehe die ganze Gemeinde vollendet ist. (ebd. S 349 Z 11f)
Man beachte hier die größtmögliche Vorsicht und Vorbehalt gegen eine gewaltsame Durchsetzung einer sittlichen Ordnung, trotz bleibender Aufgabe der Hervorbringung der sittlichen Ordnung; die gesellschaftliche Ordnung von Menschlichkeit und Liebe ist Selbstzweck der Erscheinung des Absoluten (Gottes), deshalb aber noch nicht erzwingbar.
Anders gesagt: Es kommt zwar unter zeitlichen Bedingungen auf die Hervorbringung des „Bildes“ (ebd Z 15) der geistigen, sittlichen, gemeinschaftlichen Weltordnung an, dies liegt in der causalen Struktur der Sich-Erscheinung des Absoluten und dessen Produkt als Gemeinde von Ichen, in vollkommener Liebe, aber nur unter Vorbehalt freier, geistiger Mitteilung und individuellen Vollzuges und endlicher Nicht-Abgeschlossenheit.
Die Gemeinschaft und die Idee der Menschheit kann in ihrer Organisation und Artikulation auf den sittlichen Zweck hin nur um seiner selbst willen konzipiert sein, so will es der Begriff der Sich-Erscheinung des Absoluten und das Bild Gottes, umgekehrt kann es keinen Begriff des Sittlichen unabhängig von der individuellen Realisierung geben. Beides zusammengenommen ergibt die Synthese (oder Wechselwirkung), dass sich in einer apriorisch konzipierten Gemeinschaft die individuelle Sittlichkeit bilden kann.
„Das gegenwärtige Leben ist Vorbereitung; es ist in ihm gar nicht gegeben der eigentliche weltschöpferische Begriff, sondern es ist nur aufgegeben sein Bild. Nicht das Objekt ist aufgegeben, sondern lediglich die Bildung des Subjekts zum Werkzeuge. Jeder soll an sich u. andern arbeiten; er arbeitet aber an sich nur inwiefern er an andern arbeitet, u. umgekehrt. Es ist Wechselwirkung: indem ja überall nur von dem gemeingültigen die Rede ist. [Hierin] Zeigt sich auch recht die Nothwendigkeit der Unsterblichkeit jedes der nur sittlich sich bildet. Das künftige Leben ist ja nur möglich durch die Identität der Individuen, die das gegenwärtige bilden, denn es besteht ja bloß in der Anwendung deßen, was sie hier gelernt haben.“ (20. Vorlesung, S. 349, ebd. Z 21)
21. Vorlesung
Fichte will die Aufgabe und die zeitliche Realisierung der Verwirklichung einer sittlichen Ordnung weiter auf ihre Möglichkeit hin analysieren:
S 350 Für das Vernunftwesen ist ein Wollen möglich; das Wollen ist die „Grenze seines Bewußtseyn“ (ebd. Z 21)
S 351 „Das was er will, ist allemal irgend ein Zustand des Menschengeschlechts; denn der in seinem Bewußtseyn durchgebrochene Begriff ist ein gemeingültiger von der V[ernun]ftgemeinde handelnder“ [ebd. Z 3)
Dies kann einer Art Naturordnung entsprechen, wie bei Napoleon, Mohammed, aber das wäre nicht der eine Begriff – „denn sie haben die Liebe nicht.“ (ebd. Z 21), der sittliche Begriff, jenseits eines besonderen-qualitativen Wollens, ist Form und Inhalt (Motiv) des Wollens;
S 352 Wollen und reiner Begriff könnten in einem Begriff X des Bewusstseins übereinkommen, aber der reine, sittliche Wille wäre das nicht mehr;
S 353 das Soll des Begriffes, in einem bildlichen Begriff gefasst, lässt sich aber dekonstruieren und steigern zum reinen, sittlichen Begriff, wenn das Gemeinschaftliche darin gesehen wird:
„Daß der Begriff sein Leben bekomme, will der sittliche: das Leben des Begriffs ist aber nicht bloß sein individuelles Leben, sondern das Leben schlechthin aller. (…)“ (ebd. Z 11).
Das ist der materiale Charakter, der Inhalt des sittlichen Willens: die Sittlichkeit aller; das Wollen der Pflicht um der Pflicht willen, die ein Selbstzweck einer einigen Menschheit ist, bedarf der rechten Mittel und Pädagogik: „aber die absolute Pflicht aller läßt, bis das eigentliche Sittengesetz erscheinen kann, sich nur begreifen als Moralisierung aller, Erbauung aller zu einer einzigen sittlichen Gemeine. Dies ist nun die Liebe, (…) (ebd. Z 26)
Es geht Fichte hier um die Herausarbeitung des Gegensatzes, sittliches Wollen in einem psychischen Zustand und Sittlichkeit der Gesellschaft um seiner selbst willen;
S 354 – es könnte sogar der Missverstand eintreten, dass mit Gewalt das sittliche Wollen durchgesetzt werden könnte; das widerspricht aber dem reinen Begriff des Sittlichen;
22. Vorlesung
S 354
Die Erscheinung eines sittlichen Willens wird angestrebt; es ist die Sittlichkeit aller; der einige und letzte Zweck;
S 355 es gibt zwei Kriterien dafür: ein rein formales: a) der sittliche Wille will den reinen formalen Begriff, unabhängig von allen Zeiterscheinungen der Sittlichkeit; zweites Kriterium, b) er will ein qualitativ Formales, in ewiger Einheit die Sittlichkeit aller; die Spaltung in der Individuenwelt wird dann aufgehoben;
der sittliche Wille ist in spekulativer Hinsicht die faktisch dargestellte Einheit der absolute Erscheinung; (ebd. Z 26) „Gott ist Einer, die Erscheinung [ist] Eine, jenseits ihres Erscheinens. Im sittlichen Willen ist die wieder Eine im Erscheinen selbst. (.…)“ (Z 18); alles ohne Wandel und Veränderung;
S 356 Vom absoluten Begriff, als Grund der Welt und das mit Bewusstsein, gibt es ein Bild in jedem individuellen Bilden; damit es das eine, wahre Bild sei, mĂĽssen alle Bilder der Individuen einander mitgeteilt und zu einer organischen Einheit zusammengefĂĽhrt werden; wie soll es zur Kenntnis der Bilder aller kommen?
Das Bild muss a) leben; (ebd. S 357 Z1)
S 357 es muss b) als individuelles Bild in diskursiver, beschränkter Zeitgestalt eintreten, so, dass es für weitere Gestaltung offen ist, d. h. damit das Individuum sich zum Willen des Pflichtbegriffes selber machen kann und eine fortgehende Entwicklung des Bildes wollen könne – bis zur Entwicklung des wahrhaften Bildes des Einheitsbegriffes, der reinen Sittlichkeit. Dies ist die Sittlichkeit aller, in der alle Individuen zu Bedingungen ihrer Freiheit und Reflexion vereint sind;
S 358 gegenwärtig, in der Zeit, kann nur das stets unvollendete Bild des Bildes erscheinen, als Stufe der Sichtbarkeit, als Bedingung der Möglichkeit der wahren Welt an sich; der sittlichen Erkenntnis geht dabei in der Synthese der gegenwärtigen mit der zukünftigen Welt auf, d.h. im Zusammenhang beider.
Der formale sittliche Wille seine Pflicht zu wollen ist gegenwärtig immer möglich; er ist in dieser Gestalt ewig; Das Gesetz selbst aber, in seinem Inhalte, muss erst durch dieses Leben ausgemittelt werden.8
Es wäre jetzt diese gesellschaftliche und kommunikative Sittlichkeit noch mehr herauszuarbeiten. Besonders die Aufgabe einer Kirche wird hervorgehoben, mehr als die eines Staats. (vgl. ebd. S. 385-388; 390, 393, 396f, 399. 401f, 404.)9
(c) Franz Strasser, 28. 10. 2026 28
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1Siehe ausfĂĽhrlicher bei Luca Fonnesu, SL-1812, in: Fichte-Handbuch, ebd. S. 477. In: Johann Gottlieb Fichte. Leben-Werk-Wirkung. Hrsg. v. Matteo Vincezo d’Alfonso u. Christian Klotz, Nomos-Verlag, Baden-Baden, 2025.Â
Das empirische Element ist jetzt eines der Ununterscheidbarkeit, der Gleichheit der Individuen, das ihnen keinen Charakter, keine individuelle Bestimmung gibt:
„Das bloĂź empirische Ich hat keinen Charakter: sie sind alle sich gleich: SelbstErhaltung, fliehend den Schmerz, wollend sinnliches Wohlseyn: höchstens hat es einen Standpunkt im Raume, u. in der Zeit“ (SL–1812, GA II/13: 356). Im Gegensatz zur Jenaer Position Fichtes hat diese Dimension keine moralische Relevanz, sie ist nicht Gegenstand der Sittenlehre, die sich nicht mit dem Subjekt befasst, sofern es auf natĂĽrliche Weise von Trieben (→) bestimmt wird: „Das Ich ist ein Theil Darstellung des empirischen Sehens, insofern NaturProdukt, u. NaturDing. Da ist es regirt durch einen Trieb seiner Selbsterhaltung, demnach dessen es auch zu handeln scheint; aber nimmermehr ist es da frei u. selbststständig, u. etwas an sich, sondern es ist eben ein natĂĽrl. Seyn. Von diesem Wirken unter der Herrschaft des Naturtriebes reden wir hier nicht„ (SL–1812, 19. Vorlesung, ebd. S. 345, Z 9ff)
2Zur sittlich gewollten Realität siehe z. B. R. Lauth, Ethik, 1969, S 61 – 66.
3Nochmals Vergleich mit der SL-1798 von ……….: „ Der erste Teil des Werks von 1798 bestand aus einer Neufassung großer Teile der WL durch eine mit diesen Annahmen übereinstimmende Analyse des Ichs und seiner Tätigkeit. Bezeichnenderweise scheint jetzt das Problem immer noch das einer Kausalität durch Freiheit (→) zu sein, einer wirklichen Kausalität, eines bewussten Willens, der nur durch ein Ich hindurchgehen kann. Der ganze Verlauf der Argumentation ist jetzt aber durch den derivativen Charakter des letzteren bedingt. In diesem Sinn kann man auch die oben erwähnte Zweideutigkeit der SL-1812 verstehen: einerseits wird es immer das Ich sein, das Bewusstsein hat und wollen und handeln muss und damit das Prinzip der Kausalität ist; andererseits vollzieht sich diese Demonstration oder Deduktion im Schatten einer tieferen Natur des Ichs, das als solches eine bloße Manifestation bleibt und erst in sei- nem Verpflichtungswillen, d. h. in der Entfaltung seiner eigenen Natur als Manifestation, Konsistenz erlangt. Wollte man darüber hinausgehen und die Wurzel dieser Manifestation des Ichs betrachten, so müsste man über die Sittenlehre hinausgehen. Das Ergebnis dieses Weges liegt also im Erfassen des eigenen Wesens der Manifestation, welches das neue Prinzip der Sittenlehre ausmacht. (ebd. S. 475/476)
4R. Lauth, ebd., S 66 – 83. Es bedarf hier genauester Differenzierungen, wie Interpersonalität als sittlicher Wert zustande kommt, nämlich im Modus der Aufforderung, wie der sittliche Zweck universal und total gemeint ist und durch die absolute sittliche Forderung eine Zweckhierarchie entsteht, wie dann der geistige Akt durch den sittlichen Wert auf die konkrete Interperson zurückwirkt und von der Universalität und Totalität auf die Individualität der Person wieder abgestuft wird. Diese einzigartige Systematik nach den Prinzipien der Wissenschaftslehre leitet bei R. Lauth schließlich zur Bewältigung des Bösen und Unsittlichen durch eine positiven Offenbarung über, d. h. zur Satisfaktion und sittlichen Erfüllung. Der bei Fichte im letzten Teil der SL-1812 m. E. künstlich wirkende „Anhang“ erhält bei R. Lauth die nötige Fundierung und genetische Ableitung.
5Luca Fonnesu, SL-1812, in: Fichte-Handbuch, ebd. S. 479. In: Johann Gottlieb Fichte. Leben-Werk-Wirkung. Hrsg. v. Matteo Vincezo d’Alfonso u. Christian Klotz, Nomos-Verlag, Baden-Baden, 2025.Â
6Luca Fonnesu, SL-1812, in: Handbuch, ebd. S. 478. „ Erst nach der Deduktion der Intersubjektivität kam es zu einer Verschiebung vom Individuum zur Gemeinschaft und damit zu einer Verlagerung des Schwerpunkts von der rationalen Kontrolle der Natur zur kommunikativen Interaktion zwischen den Individuen, die die Gemeinschaft bilden.
Die Frage der Naturbeherrschung, das „baconistische“ Element der frĂĽhen Ethik Fichtes, wird 1812 nicht einmal erwähnt, während nun der Hinweis auf den eigentlichen Inhalt und damit die eigentliche moralische Aufgabe: die Sittlichkeit aller oder die Sitt- lichkeit auĂźer dem Individuum die Hauptrolle spielt
7G. Cogliandro spricht dann davon, dass dies eine paradoxe Situation für die Erscheinung ergibt, „sie ist eine einzelne Erscheinung, insofern sie Bild des Absoluten ist, aber diese Einheit konkretisiert sich nur in einer Gemeinschaft, der ganzen Gemeinschaft von Individuen.“ (ebd. S 167).(…) Imago Dei kann die Erscheinung nur sein, wenn sie die Einzelerscheinungen des Lebens vereinigt, die dem Begriff seinen Inhalt liefern, d. h. die Individuen. Man kann geradezu sagen, dass das Individuum nur durch die Selbstverständigung in der Gemeinschaft ein Ich wird. Nicht zufällig verwendet Fichte in diesem Zusammenhang den Ausdruck »großes allgemeines Ich«“.
8Verweis auf die „Thatsachen des Bewusstseins“ von 1811, StA -II, wo von vielen Welten die Rede ist, sofern nur auf die je individuelle Anschaubarkeit des Endzwecks geschaut werden sollte. Durch den sittlichen Begriff der Einheit der Iche kann aber nur von einem Endzweck der Welt und nur einer Welt gesprochen werden.
9 Luca Fonnesu weist darauf so hin: Zwar ist ein Teil der von Fichte selbst als bloĂźer ,Anhhang’ präsentiert wird, dem Verhältnis von Religion und Philosophie gewidmet. Doch dies geschieht, weil eine der beteiligten Institutionen, die Kirche, in ihren Grenzen gehalten und in einem ethischen und damit philosophischen Sinne verstanden werden muss, nicht im Sinne einer auf Autorität und bloĂźer historischer Tradition beruhenden Institution: „Sie ist drum gar keine Kirche. Eine Kirche ist nur, was geradezu auf innere Ueberzeugung wirkt“ (SL-1812, GA II/13: 387 f.) Die Kirche ist also eine ethische Gemeinschaft, in der es um die Ăśberzeugung des Einzelnen geht, während es im Hinblick auf mögliche Konflikte zwischen positiver Religion und Philosophie keinen Zweifel daran gibt, dass die Philosophie die höchste Richterin ist und sein muss (SL-1812, GA II/13: 391).“ Luca Fonnesu, SL-1812, in: Fichte-Handbuch, ebd. S. 479. In: Johann Gottlieb Fichte. Leben-Werk-Wirkung. Hrsg. v. Matteo Vincezo d’Alfonso u. Christian Klotz, Nomos-Verlag, Baden-Baden, 2025.Â
Die Geltungsform einer Kirche muss m. E. mit denselben Argumenten einer schaffenden Moralität gefĂĽhrt werden, wie Fichte oben z. B. in der 10. Vorlesung er das beschrieben hat: Dass in der Erscheinung Gottes, hier historisch gemeint, in der der positiven Offenbarung Jesu Christi, ein dauernder, genetisch begrĂĽndeter und genetisch nachvollziehbarer Begriff der Wahrheit und der Vermittelbarkeit liegt. In den Wln ist dieser zu den begriffslogischen Ableitungen hinzukommende appositionelle Begriff eines Werdens und einer Versinnlichung und geschichtlichen Reflexionsidee durchaus enthalten, hier in der SL-1812 ĂĽberwiegt am Ende dann doch die Geltungsform eines rein ethischen Prinzip. Weiter oben z. B. 10. Vorlesung wird die Erscheinung Gottes durchaus noch geschichtlich und sinnlich gesehen – „Das Ich muĂź erscheinen, als schlechthin erschaffend, das was Zwek an sich ist, was schlechthin seyn soll, was auĂźer sich gar keinen Zwek hat: denn nur so ist es Leben des absoluten Begriffs. * (10. Vorlesung ebd. S. 312 Z 9) , oder siehe dort die zahlreichen Anspielungen auf die christliche Lehr-Tradition.
In der letzten Vorlesung (29.) sind dann zwei Prinzipien zur Beförderung der Symbols „Kirche“ unvermittelt nebeneinandergestellt: Das historische und das philosophische (ebd. S. 397 ff Z3ff). Es wird die geschichtliche Reflexionsform nicht mehr gesehen. Vielleicht ist das dem Thema einer „Sittenlehre“ geschuldet. Woanders sagt Fichte, dass Religion und WL über der „Sittenlehre“ stünden. Der sittliche Endzweck-Begriff, von dem Fichte ständig ausgeht, hat einen kategorischen Anfangs-Begriff der Sühne und Vergebung, um das reinen Wollen mit der Erscheinung Gottes wirklich identifizieren zu können – wie es Fichte in der SL-1812 theoretisch ja tut – und einen endzeitlichen Restitutionsbegriff, den Fichte theoretisch ebenfalls in die Gegenwart versetzt, aber weiter nicht beschreibt und mit Inhalt erfüllt. Dies hat wohl Fichte selber sehr beschäftigt. Siehe seine Reflexionen über die Person JESU CHRISTI (AszL, StL).