Die Einheit des „Ich denke“ bei KANT – 1. Teil

1) ,,Das: Ich denke, muß alle meine Vorstellungen begleiten können (….)“1 von KANT ist wohl sehr berühmt. Darin scheiden sich aber notwendig die Geister, wenn diese Synthesis nicht konstitutionsgenetisch abgeleitet werden kann. Sie scheiden sich in Idealisten und Realisten, in Mentalisten und Sprachphilosophen und sämtlich mögliche Standpunkte, die es nur einseitig geben kann, wenn diese oberste Einheit Kants verfehlt wird.

Wie ist dann diese „transzendentale Apperzeption“ Kants zu verstehen? Was verstehe ich  unter „konstitutionsgenetisch“? 

Das kantische „Ich denke“,  genial gefasst,  ist in der Begründungs- und Geltungsform nach Fichte sowohl ein   praktisches, willentliches Handeln und Setzen, als auch ein theoretische Bilden und Verobjektivieren –   von Fichte demonstriert in der „Deduktion der Vorstellung“ § 4 der GWL (1794). 

Verglichen zu skeptischen Theorien nimmt sich das „Ich denke“ Kants zwar als sehr starkes, fast unwiderlegbares Argument aus, als „transzendentale Argumentation“, wie das bei Analytikern beschrieben wird (Strawson u. a.), d. h., das  umgekehrt ohne dem „Ich denke“ keine Einheit der Erkenntnis möglich wäre – was Platon schon öfter demonstriert hatte -, verglichen zu Fichte ist aber diese transzendentale Apperzeption doch nur eine nachträgliche Synthesis von bereits Unterschiedenen, d. h. ein  sekundärreflexives Erkennen von Unterschiedenen in der Funktion eines Urteils. Das „Ich denke“ ist zwar transzendentale Bedingung der Möglichkeit von Erfahrung, aber was sind wiederum dessen eigene Bedingungen der Möglichkeit? 

Fichte analysiert das „Ich denke“, das der Möglichkeit nach alle Vorstellungen begleiten muss können, als ein höheres, reflexives Vor-Wissen einer theoretischen wie praktisch-willentlichen Selbstbeschränkung nach dem Sittengesetz, als eine sich wissende Einheit,  woraus die Anschauungsformen Zeit und Raum,  die kantischen Verstandeskategorien, die Reflexionsideen wie Zweck, Bewegung, Organisation,  mithin alle Erkenntnisbedingungen der  theoretischen Vorstellung von Wirklichkeit,  abgeleitet werden können. 
Die reduktive Zurückführung auf eine sich selbst begründende Ursache und Wertvorstellung, ferner die Ableitung alles weiteren Wissens aus der disjunktionslosen Wahrheit und die Schematisierung der Erkenntnisbedingungen auf die ganze Wirklichkeit (als Erkenntnis der Erkenntnis) hin, wird dabei durch das  Schweben der Einbildungskraft getragen, die  zwischen dem durch den „Anstoß“ 2 verendlichten und dem die Unendlichkeit ausfüllenden „Ich“  ein Bestimmbares und Bestimmtes erzeugt, aber immer in der sich wissenden Einheit des  praktisch und theoretisch handelnden „Ich denke“ des Selbstbewusstseins, d. h.  im Sinne eines „Ich setze“. („Ich“  nie egoistisch oder solipsistisch verstanden, sondern als transzendentale Einheit des Wissens.) In den frühen Schriften FICHTES ist diese  Ich-Einheit oder Vernunft-Einheit dem kantischen Ich-Begriff der transzendentalen Apperzeption noch ähnlich, insofern der Gottesbegriff ausdrücklich ausgeschlossen wird, aber prinzipiell hat FICHTE dieses „Ich denke“ von Kant in den Vorarbeiten zur WL bereits überschritten gehabt, wenn man in den „EIGNEN MEDITATIONEN“ und der „PRACTISCHE PHILOSOPHIE“ 1793/94 genauer nachliest und bereits das „Ich absolutum“ findet.3

Es ist ja bemerkenswert, wenn man Kant ohne die Fortführung bei Fichte lesen will, wie die Interpreten bis heute vorgehen: Man  interpretiert nach 200 Jahren noch immer, ob Kant a) mehr „analytisch“ zu lesen sei, also in Form einer beschreibenden Metaphysik und in Form einer Analytischen Philosophie, dass durch Einbildungskraft, Verstand und Vernunft der Sinn und die  Bedeutung eines Sachverhaltes erklärt werden kann, oder ob Kant b) doch mittels „synthetischer“ Urteilsbegründungen zu einer Erkenntnistheorie der Wirklichkeit und einer Wissenschaft der Metaphysik aufsteigen kann. Besonders im praktischen Bereich ist es ja  eindeutig, zumindest beharrt Kant darauf, dass es im gesetzgebenden Willen unbedingte Ideen gibt, die die Vernunft praktisch erkennen kann.   
Man wird in der „Exegese“ Kants aber kein Ende finden, weil
Kant a) tatsächlich die epistemologische Begründung der apriorischen Erkenntnisse und Ideen – der synthetischen Urteile a priori  – nicht mehr in intellektueller Einschauung und intellektuelle Anschauung begründen  und bewähren kann – siehe dazu zur „intellektuellen Anschauung“ – siehe Blog.  –  und b) Kant zu keinem System der Vernunft gekommen ist,  in dem alle Erkenntnisse als Grund- und Weiterbestimmungen in hierarchischer Ordnung zusammenhängen. Fichte wird prägnant das auf den Begriff bringen: Kant kommt zu  drei „absoluta“ in der KrV, KpV und KdU. „In der Kritik der reinen Vernunft war ihm die sinnliche Erfahrung das Absolute (…) bei folgerechter Durchführung der dort aufgestellten Principien, (musste) die übersinnliche Welt durchaus verschwinden mußte, und als einziges Noumen lediglich das in der Empirie zu realisirende ist übrig (bleiben), in der „ Kritik der praktischen Vernunft“ (..) zeigte sich durch den inwohnenden kategorischen Begriff das Ich, als etwas Ansich, (…) über der zuletzt aufgestellten moralischen Welt, als der Einen Welt an sich, (dabei ging) die empirische verloren. (…) und es erschien die Kritik der Urtheilskraft, und in der Einleitung dazu, dem Allerbedeutendsten an diesem sehr bedeutenden Buche, das Bekenntniß, daß die | übersinnliche und sinnliche Welt denn doch in einer gemeinschaftlichen, aber völlig unerforschlichen Wurzel, zusammenhängen müßten, (….)“ (Fichte, WL 1804, 2. Vortrag, SW X, 103.104)

Kant ohne Fichte zu lesen führt entweder wieder zurück zu einem dogmatischen Realismus und Empirismus á la Locke oder Hume, d. h. zur  Ignoranz der transzendentalkritischen Vermögen der Erkenntnis, die Kant herausgearbeitet hat (Sinnlichkeit, Verstand, Vernunft), oder zu überheblichen, idealistischen  Verabsolutierungen, weil die Grenzen der Erkenntnis, die Restriktion der Begriffe auf die sinnliche und intellektuelle Anschauung nicht eingehalten werden, oder eine dritter Variante wäre möglich, zu einem unbegründeten Skeptizismus. 

Ich kann hier historisch nicht auf den von Kant weiterführenden Weg Fichtes eingehen, aber in den „EIGNEN MEDITATIONEN“ und in der „PRACTISCHEN PHILOSOPHIE“ von 1793/94 ist die originäre transzendentale Erkenntnisart Kants bereits begründungsmäßig und methodisch neu durchdacht und rudimentär abgeschlossen und vollendet  – siehe z. B. Blog zur Analysis und Synthesis. 

In den späteren Ausführungen Fichtes ab 1801/02 wird die transzendentale Erkenntnisart und transzendentale Einheit eines Sich-Wissen im Ich/oder Ichheit  im Verhältnis zur Erscheinung des Absoluten nochmals differenzierter  ausgeführt und gerechtfertigt. Das Grundprinzip einer Einheit, in der und aus der abgeleitet wird, d. h. der Wissbarkeit der eigenen Bedingung nach, ist dabei immer  gleich geblieben, wie  in den Anfangsjahren 1793/1794 begonnen. In und aus der höchsten Einheit eines Sich-Wissens oder  Bild-Einheit der Vernunft 4 wird in einem gnoseologisch sich-wissenden Setzen und einem ontologisch vorausgesetzten Sein die systematische Konstitution der Innen- und Außenwelt, also die ganze ideelle wie reelle Welt prinzipientheoretisch abgeleitet und zu Ende geführt. 5

Die Einheit des Sich-Wissens, die Ich-Einheit –  von Sprachphilosophen wird das „Ich“ gerne in eine grammatikalische Ecke gestellt, oder durch Historie und Sozialisation entstanden erklärt, oder als psychologisches Vermögen, als ein Sprachspiel, als ein mentaler Bewusstseinszustand beschrieben und abgetan  – ist in der transzendentalen Erkenntnisart Fichtes anstelle des „Ich denke“ eine  Existenzanalye,  ein Reflexionsvollzug eines sich selbst wissenden und sich bestimmenden Bestimmtwerdens getreten, wodurch das Prinzipiieren und das Heraustreten bestimmter und bestimmender Prinzipiate zugleich gesetzt sind. Es ist ein bereits erscheinendes interpersonales Ich und Du und Wir, ein Ich und Nicht-Ich, ein gleichzeitiges Subjekt und Objekt, eine gleichzeitige sinnliche wie intelligible Welt, geordnet im „ordo“ der Sich-Erscheinung Gottes. 
(Von einer gewissen idealistischen Seite wird diese Transzendentalphilosophie einer Vernunft-Reflexivität  noch immer gerne als „Subjektphilosophie“ verunglimpft. Ein Unsinn!)  

Die Prinzipiate sind durch die eine Prinzipiierung in sich zusammenhängende, aber zu unterscheidende  Ableitungen aus der Ich-Einheit, wie z. B. der Rechtsbereich, der Leib, das sittliche und interpersonale Leben, die Religion, die Geschichte, die Sinnidee. Das Denken vermittelt diese Einheit der Prinzipiate und generell alle zeitlichen und räumlichen und geschichtlichen Bedingungen in und durch den Geltungsgrund der Erscheinung des Absoluten. 

Ich möchte es so zusammenfasen: Die WISSENSCHAFTSLEHRE Fichtes ist a) philosophia prima im Verhältnis zum Absoluten, und b) Wissenslehre der transzendentalen Wissbarkeitsbedingungen der Wirklichkeit im Ganzen in und aus Prinzipien und c) Darstellung dieser Erkenntnisprinzipien als Erkenntnis der Erkenntnis.

Sie ist nicht psychologische Ichlehre oder bloße Logik, wie KANT den FICHTE aus Sekundärliteratur leider missverstand, oder „Subjektphilosophie“,  aber auch nicht „Handlungsphilosophie“ in dem Sinne, wir mir zufällig ein Buch von F. WITZLEBEN in die Hände fiel.  Ich möchte kurz auf dieses Buch eingehen – stellvertretend auch für die vielen psychologischen und idealistischen und sprachanalytischen Kant-Interpretationen.  

2) F. WITZLEBEN6 zerlegt den prädisjunktiven Erkenntnisakt des Setzens, wie ihn FICHTE in der „Thathandlung“ beschreibt, in einen a) Aktbegriff und in einen b) Handlungsbegriff. Den Aktbegriff möchte er für einen bestimmten Begriff der Subjektivität reservieren, worin ein Selbstbewusstsein in einer aktuellen Jetzt-Zeit denkbar gesetzt ist, der Handlungsbegriff hingegen erzeugt nach gewissen Strukturen und Dimensionen (Operation, Beobachtung, Reflexion) die Bewusstheit („Bewusstheit“ sic! bei WITZLEBEN).

Die Handlung, so meine kritische Anfrage jetzt an WITZLEBEN, bringt selbst in ihrer verschiedenen Strukturiertheit, zusammengehalten durch den Grenzpunkt eines Subjekts, ein Begriffsverhältnis oder Gegenstandsverhältnis hervor? Die Handlung gilt bei WITZLEBEN – in genauer Systematik und Semantik von ihm aufgeschlüsselt, siehe dort – als Hervorbringung eines Gegenstandes aus dem Begriff?

Dies ist und bleibt m. E. eine Variante von Idealismus und entspricht nicht der Intention KANTS bzw. der Weiterführung FICHTES, die Erkenntnis als genetische Hervorbringung eines Begriffes  gemäß einem Transzendental des wahren Seins zu bilden und zu performieren. Diese genetische Einheit als reflexive Fassung der Einheit von Leben (oder absolutem Sein) und von Bild (als Form) – das ist das Thema Fichtes ab den WL 1801/02 geworden. Er hat es vielleicht nicht zu Ende gebracht?, ich  muss das hier offen lassen, aber einseitig alles aus dem Begriff z. B. der dreigeteilten Handlung wie bei Witzleben, oder  einseitig aus dem blind vorausgesetztem Sein eines Subjektes hervorgehen zu lassen, trifft nie diese Mitte des Setzens, worin Begriff und Anschauung eins sind. 7

Die Unterscheidung WITZLEBENS zwischen Aktbegriff und Handlungsbegriff (mit weiteren Aufschlüsselungen bei ihm) ist an sich nicht schlecht, m. E.  aber nicht zulässig, weil der Handlungsbegriff hier derart überbewertet wird, dass er selbst  als Eigenschaft eines wie immer gearteten, unbewussten, idealistisch oder realistisch vorausgesetzten Aktes eines unbekannten Subjektes angesetzt wird, womit wir wiederum bei einer idealistischen oder realistischen angesetzten Substanz wären.  

Das handelnde Tun des Wissens – es mag sprachlich oder unsprachlich sein – muss m. E. wissendes und willentliches Tun sein,  anschaulich und begrifflich im Wissen der Interpersonalität (einer sich selbst einschränkenden Freiheit des Sittengesetzes) oder eines anderen Objektwissens hervorgehen – nicht blindes Tun und Handeln.  

Gleichwohl kann natürlich WITZLEBEN zugegeben werden,  das Tun und Denken nicht vollkommen ineinander aufgehen, es also eine gewisse Selbstständigkeit der Handlung über das Denken hinaus gibt und geben muss. Die reine Tat des Vorstellens und den Modus des Schwebens der Einbildungskraft (des Vorgestelltseins) kann und soll  aus Gründen begrifflicher Freiheit und diskursiven Verstandesdenken auch gar nicht vollständig eingeholt werden.8

M. a. W.: Nach WITZLEBEN ist der dem Handeln zugrundeliegende „actus purus“ „transzendentalphilosophisch“, wie er sagt,  im Regress auflösbar in Operation, Beobachtung, Reflexion. 
Generell nach der Transzendentalphilosophie KANTS und FICHTES kann aber die Kognition nicht zugunsten der „Exekution“ (so WITZLEBENS Begriff) nachgeordnet werden. Die kognitive Aussage bzw. das Wissen ist konstitutiv dem Handeln beigeordnet, ist zeitlose Einheit wie zeitliches Werden und wissender Zweckbegriff und letztlich sich selbst wollender Wille,  und nicht umgekehrt in dem Sinne, dass zuerst gehandelt würde, ehe dann für das Wissen das Objekt des Handels erkannt werden könnte. 

Das platonische Vorwissen bzw. die apriorische Wissbarkeit von allem ist konstitutive Bedingung jeder Einheit von Sprechen und Handeln, möge das Handeln dann weiter zerlegbar sein, wie es WITZLEBEN tut, oder wie FICHTE selbst oft bemerkt, dass es einen Widerspruch gibt zwischen (stets objektivierendem) Sagen und Tun, sobald wir etwas von außen betrachten.  Von außen holt das  (objektivierende) Sagen das Tun nicht ein. Das Tun geht über das Erkennen hinaus. Das Denken deutet in weiterer Folge  das auf das Tun und Schweben der Einbildungskraft zurückgehende und rück-beziehende Reflektieren zu einem neuen Erkenntniszusammenhang um.9

Die Einsicht in die Art der Verfasstheit der Wirklichkeit wie auch in den Inhalt und in die  Normativität des Erforderlichen in der Wirklichkeitsveränderung bzw. Wirklichkeitserzeugung (im Bereich des Ästhetischen und Sittlich-Praktischen) ist nach Fichte durch das prädisjunktive Prinzip des Setzens evidiert und intelligiert.  Alles  Sein kann nur im Setzen und, wie FICHTE  später immer sagt, im reflexiven Sehen gesetzt und angesprochen sein.

3) Nochmals zurück zu KANT: Es ist eine offene Frage:  Ist die Einheit des „Ich denke“ nur als formale Vereinigungsbedingung von  vielen Vorstellungen „für mich“ (KrV B 132) gemeint, was faktisch von einem Skeptizismus geleugnet werden könnte, wie S. MAIMON das tat und somit Fichte stark inspirierte, oder hat diese Einheit noch eine inhaltliche, materiale Bedeutung? Man lese den entsprechenden Abschnitt über die ursprünglich-synthetische Einheit der Apperzeption in § 16 KrV, 2. Auflage.10  

Nochmals sei zur Erläuterung und Abgrenzung F. WITZLEBEN herangezogen: Er möchte in seiner Handlungstheorie und Handlungsphilosophie den Akt der Spontaneität, der dieser Synthesis des „Ich denke“ zugrunde liegt, weiter aufschlüsseln, indem er die dahinterliegende Handlung, wie angedeutet,  dreifach strukturiert und zerlegt  in einen Akt der Operativität, der Beobachtung und der reflexiven Handlungskontrolle. Er gibt folgende Erklärung: „Der Akt der Spontaneität kann nur gedacht werden, wenn er einem Selbstbewusstsein zugerechnet wird. Die Einheit des Selbst ergibt sich analytisch aus der synthetischen Einheit des Mannigfaltigen der Anschauungen und umgekehrt. Das Selbst in der formalen Einheit des „Ich, das p denkt“ hat eine Begleitfunktion, die die repräsentationale Legitimität (im erkenntnistheoretischen Sinne) von „p“ sichert.“11

Alles richtig nach Kant, aber darf ich fragen, wie ergibt sich „analytisch“ aus der synthetischen Einheit ein Selbst? Es ist eine Art wechselseitige Bestimmung eines Selbst und einer Mannigfaltigkeit in einer Synthesis vorgestellt, eine Art faktische Einheit, wie das z. B. ebenfalls in der Analytischen Philosophie bei STRAWSON  nachgelesen werden kann. 12
Die  kantische Deduktion der Erkenntnisbedingungen ist dort  (bei Strawson) zu einer  „analytischen“  Explikation des Erfahrungsbegriffes bzw. des Wortgebrauches
verwandelt. Eine starke Uminterpretation!  
Frage zurück an den englischen Empiristen: Baut sich
also „Erfahrung“, oder  klarer gesagt, Erkenntnis durch Sensation, durch Gewohnheit, durch einen Sprachgebrauch, durch eine Lebensform, wie immer, von selbst auf? 

Die Empiristen sind schwer verdaulich. Sie gebrauchen  stillheimlich die Begriffe völlig anders! Wohin sind  die originären, kantischen Fragen bei STRAWSON verschwunden, „wie sind synthetische Urteile a priori möglich“? Wohin sind die Deduktion und die Schematisierung verschwunden und die Spontaneität des Erkenntnisaktes? Der faktische Wortgebrauch und eine faktische Erfahrung sollen genügen, eine analytische Einheit des Erkennens zu behaupten? Das ist alles nur Gewohnheit, so würde ein S. Maimon sagen, das ist nicht Erkenntnis. Morgen könnte es anders sein. 
Wenn ich jetzt fragen täte, was  ist eine  „analytische“ Einheit und wie ist sie vorstellbar, ich meine diese angelernte Gewohnheit, könnte mir STRAWSON das nicht erklären, weil er nur den Wort-Gebrauch kennt und würde mir wahrscheinlich lange Wort-Erklärungen bieten:  „Ein Ich, das p denkt“  – das ist analytisch, das ist die höchste Beobachtungs-Weisheit der Analytischen Philosophie?
Es  ist  genau genommen weder eine analytische Wissensaussage, weil ein faktisches Ich schon (synthetisch) vorausgesetzt wird, das, oh Wunder, ein p denken kann,  noch ist es eine transzendental durchschaute, wahre  synthetische Aussage, weil ja bewusst der Weg einer das p erzeugenden Synthesis aus der Reflexivität des Ich in der gedachten Bezugsform einer vorausgesetzten Wahrheit im Bild-Wissen des Seins abgelehnt wird.

Die transzendental-kritische Frage in der Reflexion des Wissensbedingungen zielt  genau darauf, wie epistemologisch sowohl die Einheit einer Erkenntnis wie die  notwendige Mannigfaltigkeit in der Anschauung und in den Begriffen zugleich hervorgehen kann. 

 4) Um wahre Einsicht und Erklärung zu erzeugen, geht Fichte den Weg einer analytisch-synthetischen Methode. In Abwandlung könnte sogar Aristoteles herangezogen und mit ihm gefragt werden: Was ist der Erkenntnis nach das Erste und was ist der Natur/dem Sein nach das Erste? Es gibt hier kein Erstes, sondern Begreifen und Begriffenes sind immer zugleich gesetzt  – in und aus einer genetischen Einheit.  

a) In den Argumentationsformen der GWL von 1794/95 ist die Methode  dialektisch-abstrakt durchgeführt.  Die höchste (analytische) Einheit wird als Einheit wie als disjunktive Unterschiedenheit im Aufzeigen einer implikativen und appositionellen Synthesis der Zeit- und Raumordnung dargestellt. Die Freiheit manifestiert und repräsentiert sich synthetisch im Übergehen-Können  von Bestimmbarkeit zur Bestimmtheit,  d. h. in der Empfindungswelt des Wollens und in den Anschauungsformen von Zeit und Raum und in den Kategorien. Freiheit ist ein synthetischer Sich-Bezug bereits in der theoretischen Vorstellungseinheit von Anschauung und Begriff (§ 4 der GWL)  – und eine unendliche Perfektibilität in der praktischen Realisation (§ 5ff);

oder der zweite Weg Fichtes, b) die analytisch-synthetische Einheit des Sich-Wissens  wird phänomenologisch durch ein aufforderndes Soll (von Ewigkeit her, zeitlos) dargestellt, vermittelt als intelligible Struktur eines „reinen Willens“, der sich verzeitend ausschematisiert in den Selbstbewusstseins-Setzungen der verschiedenen Wirklichkeitsbereiche wie Natur, Sittenlehre, Rechtslehre und Religionslehre und Geschichte und der Reflexivität des Ichs: Das wäre die Argumentationsform der WLnm von 1796-1799. (Zur Interpretation der WLnm siehe von mir Kommentar – interner Link.)

  (c) Franz Strasser, 20. 10. 2021

1,,Das: Ich denke, muß alle meine Vorstellungen begleiten können; denn sonst würde etwas in mir vorgestellt werden, was gar nicht gedacht werden könnte, welches ebensoviel heißt, als die Vorstellung würde entweder unmöglich, oder wenigstens für mich nichts sein. Diejenige Vorstellung, die vor allem Denken gegeben sein kann, heißt Anschauung. Also hat alles Mannigfaltige der Anschauung eine notwendige Beziehung auf das: Ich denke, in demselben Subjekt, darin dieses Mannigfaltige angetroffen wird. Diese Vorstellung aber ist ein Aktus der Spontaneität, d.i. sie kann nicht als zur Sinnlichkeit gehörig angesehen werden. Ich nenne sie die reine Apperzeption, um sie von der empirischen zu unterscheiden, oder auch die ursprüngliche Apperzeption, weil sie dasjenige Selbstbewußtsein ist, was, indem es die Vorstellung Ich denke hervorbringt, die alle anderen muß begleiten können, und in allem Bewußtsein ein und dasselbe ist, von keiner weiter begleitet werden kann. Ich nenne auch die Einheit derselben die transzendentale Einheit des Selbstbewußtseins, um die Möglichkeit der Erkenntnis a priori aus ihr zu bezeichnen. Denn die mannigfaltigen Vorstellungen, die in einer gewissen Anschauung gegeben werden, würden nicht insgesamt meine Vorstellungen sein, wenn sie nicht insgesamt zu einem Selbstbewußtsein gehörten, d.i. als meine Vorstellungen (ob ich mich ihrer gleich nicht als solcher bewußt bin) müssen sie doch der Bedingung notwendig gemäß sein, unter der sie allein in einem allgemeinen Selbstbewußtsein zusammenstehen können, weil sie sonst nicht durchgängig mir angehören würden.“(KrV B 132/133)

2Die basale sinnliche Hemmung oder „Anstoß“ ist bereits eine intentionale Hemmung, die besonders deutlich wird in der interpersonalen Aufforderung. Der intentionale d. h. interpersonale Anstoß ist notwendige Konstitutionsbedingung, damit ein substantielles Sich-Wissen und Sich-Bestimmen möglich wird – und dies führt individuell weiter zu den sinnlichen und intellektuellen Anstoß- und Einschränkungsbedingungen des Vorstellens und Wollens-in-actu. 

3Der Weg zur GWL von 1794/95 – siehe dazu R. Lauth, Die Entstehung von Fichtes „Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre“ nach den „Eignen Meditationen über Elementarphilosophie“. Sammelband von Aufsätzen von R. Lauth: Transzenentale Entwicklungslinien von Descartes bis zu Marx und Dostojewski, Hamburg, 1989, S. 155 – 179.

4Der Bild-Begriff ist bereits seit 1793/94 nachzuweisen. Siehe z. B. Aufsätze zu diesem Thema Bildbegriff in den Fichte-Studien, Bd. 47, 2019.

5Zur höchsten Begründung einer Vernunfttendenz aus dem absoluten Soll – siehe andere Blogs von mir – oder siehe z. B. von A. SCHURR, Die Funktion des Zweckbegriffes in Fichtes Theorie der Interpersonalität. In: Erneuerung der Transzendentalphilosophie im Anschluss an Kant und Fichte, Stuttgart 1979, S 359 – 372.   Die Aufforderung in der Wechselwirksamkeit von Individualität und Interpersonalität muss natürlich verstanden werden. Das Verstehen setzt aber wiederum einen Zweckbegriff voraus und bedeutet ein transzendierendes, über sich Hinausverwiesen-Sein zu einem absoluten Bestimmtsein. Im absoluten Bezugspunkt liegt der Sinn menschlichen Existenzvollzuges, die tragende Gemeinsamkeit alles kommunikativen, sittlichen Austausches und der gemeinsame Eine-Welt-Bezug. Dieses Grundsein als Grundlage jedes Selbstvollzuges des Bewusstseins muss  in einem fraglosen Seinsollen begründet sein, das im Gegensatz zu jedem faktischen Bestimmtsein als nicht wandelbar gedacht werden muss, weil eine gegenteilige Annahme von der Undenkbarkeit ausgehen müsste, dass ein absolutes Grundsein beides setzen könne, ein sich selbst begründendes und ein nicht sich selbst begründendes Bestimmtsein. A. SCHURR, ebd.  S 371f. 

6FRANK WITZLEBEN, Bewußtheit und Handlung. Zur Grundlegung der Handlungsphilosophie. Fichte-Studien, Supplementa Bd. 9, Amsterdam-Atlanta, GA 1997. Das Buch war für mich lohnenswert, denn im Überdenken der hier vorgestellten Positionen kamen die originären Aussagen Kants und Fichtes nochmals besser zur Geltung.

7„Nicht das Seyn folgt aus der Einheit, sondern die Einheit [des Lebens] folgt, und zwar erst im Gegensatze mit dem Werden als einem Wandel, aus dem Seyn.“ (GA, Nachgelassene Schriften, 1810-1812, II, 12, 129)

8Siehe dazu einen Artikel bei K. Hammacher: 1. Der Gedanke ist selber Tat, und
2. Die Tat geht im Gedanken (aber) nicht auf.- Download Internet:
PJ76_S243-256_Hammacher_Das-Fundament-der-Ethik-Zur-Bestimmung-des-Gewissens

9Siehe zu diesem Thema einen Blog von mir zu Dieter Mersch, Kategorien des Ästhetischen – Link intern: https://www.platonjgf.net/dieter-mersch-epistemologien-des-aesthetischen-ein-kommentar/.

10 Siehe Anm. 1; es gibt durchaus Aussagen bei KANT, die die transzendentale Einheit des „Ich denke“ als „numerische Identität“ (siehe Paralogismuskapitel B 399ff) verstehen lassen, als überindividuelle Einheit des Vernunft, worin die ganze Wirklichkeit der erscheinenden Welt in übergeordneter Einheit gebündelt ist.  Zumindest zeugt  sein „Opus postumum“ davon, dass er sich mit seiner logisch-empirischen Variante des Bezuges des Erkenntnisvermögens auf die Gegenstände der Erfahrung nie endgültig zufrieden gegeben hat.  Siehe dazu, MANFRED ZAHN, Selbstvergewisserung, Würzburg 1998, und den darin befindlichen Aufsatz zu Kants „Opus postumum“.

11 F. WITZLEBEN, Bewußtheit und Handlung. Ebd. S 12.

12Siehe z. B. bei Marcel Niquet, Transzendentale Argumente – Kant, Strawson und die Aporetik der Detranszendentalisierung, 1991.

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser