Fichtes Sittenlehre § 8 – 5. Teil – zur Deduktion des Triebes

FICHTE arbeitet jetzt auf eine Synthesis hin, d. h. auf Begriff, von dem er sagt, „(der) einer der abstraktesten ist, welche in der ganzen Philosophie vorkommen (kann)“ (ebd. S 102). Denn was ist gefragt und von FICHTE angestrebt: die Evidenz der Natur eines endlichen, sinnlichen Vernunftwesens zu beschreiben, das dennoch begabt ist mit dem Vermögen der Freiheit und des Denkens (Bildens). „Es werden absolute Schranken des Urtriebes selbst gedacht.“ (S 98)

S 99 § 8 Deduktion einer Bestimmheit der Objekte ohne unser Zutun

Oben wurde der Stoff als Objektivität abgeleitet. Dieser Stoff ist durch eine Wirksamkeit immer schon geformt.

S 100 Es gibt eine Thesis, dass das Vernunftwesen keine Erkenntnis hat außer zufolge einer Beschränkung seiner Tätigkeit – und die Gegenthesis, dass keine beschränkte Selbsttätigkeit möglich wäre ohne Erkenntnis derselben. Die natürliche Bestimmtheit des Wollens ist bedingt durch einen frei entworfenen Zweckbegriff und der Zweckbegriff eines Etwas ist umgekehrt erst möglich durch ein Wollen.

Es müsste der Zirkel synthetisch erklärt und gelöst werden, dass kein Wollen ohne gleichzeitigem Zweckbegriff und kein Zweckbegriff ohne Wollen möglich sei.

Dies ergibt jetzt zwei interessante Folgerungen, die ich wiederum mit Hilfe der Literatur von J. Widmann auflösen möchte.

FICHTE verweist S 102 auf die „bekannten Regeln der synthetischen Methode“, was sich leichter anhört, als es ist!

Wenn das Ich objektiv seine Tätigkeit begreifen und denken will, und dessen objektive Beschaffenheit nicht einfach als objektives Sein supponieren kann, muss diese Tätigkeit, spezifisch synthetisch vorgestellt werden. Dies wird den Begriff des Triebes ergeben in zweierlei Hinsicht:

1) in Hinsicht auf die Gerichtetheit des Begriffes auf eine Idee hin; und
2) in Hinsicht des Begriffes einer Evidenz, die den Sehensreflex konkret und wirklich fasst – sei es im Bereiche der Natur, oder sei es im sittlichen Bereich der Moralität.  

In den vorhergehenden §§ ist der Begriff des Triebes schon öfter angeklungen und wie selbstverständlich verwendet worden, aber erst hier kann m. E. der genetische Ort der Entstehung dieses Begriffes „Trieb“ eingesehen werden. Die Aufgabe, die FICHTE sich stellt, lautet ja: Die Freiheit soll sichtbar und wirksam werden. Wie ist das möglich?

Ad 1) Das bisher Vorausgesetzte einer Wirksamkeit, mithin einer Realität überhaupt, soll und kann nicht als statisches Sein, objektivistisch, gesetzt und gedacht werden, sondern als Tätigkeit, d. h. lebendig, dynamisch, mit einer inneren Tendenz. Wie sieht diese Vorstellung aus?

Jeder Stoff ist schon geformt, jedes Wollen ist durch den  Zweckbegriff gesetzt und erkannt und umgekehrt ist der Zweckbegriff nicht anders möglich als durch Wollen.

Das bisher Abgeleitete und Gesehene soll weiter begrifflich verstanden und durchdrungen werden, ohne dass das Sehen dieses Gesehenen bloß objektivistisch hinstellt. Die Freiheit könnte ja dann in und aus einem objektivistischen Sein nicht mehr eingesehen werden.

Wie ist die prinzipielle Vorstellung eines Gesehenen im Sehen möglich, wenn das Sehen sich dabei nicht selber Sehen kann, weder direkt in der Bewegung auf das Gesehene hin, noch indirekt, reflexiv, in der Bewegung vom Gesehenen her? Da es aber doch ein Wissen dieses Sehens gibt, was ist in diesem Wissen, das als Sichsehen charakterisiert werden kann, das Sichtbare, das zu seiner Existenz unerlässlich ist?
„Nicht seine unmittelbare Aktualität, sondern das Bild seiner „
Natur, die als Sichtbarmachen von Konkretem erscheint und sich zugleich vor dem sichtbar Gemachten wieder zurück nimmt.“ (Hervorhebung von mir) 1

Dies Sichtbare im bloßen Sichsehen des Sehens ist nun nicht etwas im Sinne eines Dings unter anderen Dingen, sondern Projektion der Sichtbarkeit überhaupt, d. h. der prinzipiellen Vorstellung der Möglichkeit, dass und wie Konkretes evident werden kann. Das Insgesamt des durch die schlechthinnige Möglichkeit der Evidenz Erschlossenen und je Erschließbaren wird begriffen als ,,Natur“. 2

Mit dem Begriff der Natur kann aber ein Bewusstseinsfaktor begriffen werden, der sowohl das bloß Mögliche, das nicht sichtbar ist, als das Konkrete dieser Möglichkeit, das sichtbar werden kann, beschrieben wird.

Das Mögliche ist im Konkreten verwirklicht. Das Sehen kann das bloß Mögliche selbst nicht sehen, aber mittelbar, durch den Begriff, d. h. durch das Bild. Dieser Begriff ist der Sehensreflex in der Bestimmtheit der eigenen Natur.

Das Bewusstsein erfasst einen faktischen Begriff des Möglichen im Bestimmten der Natur in der Differenz von Begriff und Evidenz. Der Begriff begreift das Mögliche, die Evidenz als solche nicht. Es sieht nur die konkreten Objektivationen, nicht aber jenes Unverwirklichte, das der Begriff als das rein Mögliche begreift.

J. Widmann: Gleichermaßen ist es auch allein der Begriff, der diesen Unterschied zwischen sich und der Evidenz erfasst und objektiviert. Die Evidenz kann ihn erst und nur in der Form sehen, in der er vom Begriff projiziert und objektiviert wird: als zwei verschiedene Bildformen (sc. als Konkretion – und als Begriff einer Idee).
Der Begriff fasst in diesem Unterscheiden auch
die Differenz seiner prinzipiellen Möglichkeiten zu den prinzipiellen Möglichkeiten der Evidenz. Er erkennt in diesem Akt, dass er ohne den von der Evidenz vermittelten Wirklichkeitsbezug auf konkretisiertes Mögliches nur bloße Möglichkeiten als solche projizieren und objektivieren kann: reine „Ideen“. Umgekehrt begreift er dabei auch, dass die Evidenz ohne seine Projektion der um- und übergreifenden Möglichkeitsstrukturen der Genesis die Wirklichkeit nur im bruten Faktum des jeweiligen status quo der genetischen Verwirklichung wahrnehmen kann.“ 3

Wie aber kommt das Sehen dazu, sich reflektierend dem Begriff des Möglichen zuzuwenden, wenn es für seinen reinen Inhalt ,,blind“ ist? Da die Zuwendung quasi bewusstlos ist und erst durch sie Bewusstheit vom Erblickten entsteht, muss im Sehen eine ursprüngliche „natürliche“ und leitende Dynamis liegen, die sich in diesem Bezug verwirklicht.“ 4Diese Dynamis und innere Tendenz ist der Trieb. Er wird in Folge in der Art und Weise einer „Äußerung“ beschrieben, die aber nicht ein objectum per hiatum entwirft, sondern durch sein inneres Sein, seine innere Geschlossenheit, wird sein Herausgehen im selben Moment wieder verhindert. Er ist einHerausgehen aus sich selber“, das aber im selben Moment wieder geschlossen wird, das nicht zum Ziel kommen kann, sondern a) vernichtet“ wird in seiner Gültigkeit und b) erst kraft Freiheit realisiert werden soll.

Der Trieb ist zwar ohnmächtig in der Herbeiführung der Realisierungsbedingungen, aber er strebt deshalb nicht auf prinzipiell Unmögliches. Er ist vielmehr auf die Verwirklichung der notwendigen Vorausssetzungsbedingungen der konkreten Freiheitsentscheidungen gerichtet, die nicht an sich unmöglich sind, sondern durch ihn konkret möglich werden. 5

Im Begriff des Triebes objektiviert sich die unmittelbare dynamische Öffnung des Sehens auf das mögliche Begreifen hin. Er stellt aber nur dessen unbewusste, quasi prästabilierte Hinordnung auf das Mögliche und dessen Konkretionen vor.
Zum Gesamtbezug zwischen Natur und Möglichkeitsbegriff gehört jedoch auch die gegenläufige Komponente, durch die vom Licht des Möglichkeitsbegriffes her die Natur als möglicher Begriff, d. h. als begreifbar verstanden wird. Was konstituiert und projiziert sich in der Einheit dieses Doppelbezugs? Der reine
Begriff der Richtung: Der unmittelbar unbestimmbare und unsichtbare Trieb des Sehens wird in seiner Ausrichtung rein bestimmbar durch die Synthesis, die er zwischen Sehen und möglichem Begreifen schafft. Da er vom Begriff reiner Möglichkeit bestimmt wird, ist das Resultat dieser actualen Bestimmung die reine Möglichkeit, eben der bloße Begriff von Richtung. Kurz gesagt: der unmittelbare Bezug zwischen Natur und Möglichem wird im reinen Begriff der Richtung objektiviert. Die unsichtbare Dynamis des natürlichen Seins richtet sich auf mögliche Konkretionen – der Begriff erfasst dies als prinzipiell und einzig mögliche Richtung, in der das Sehen sich als Sehen von Sichtbarem verwirklichen kann.“ 6

Wir können auch sagen: er (sc. der Trieb) leitet das Sichevidieren in jenen Konkretionsstadien vor der vollkommenen Freiheitsverwirklichung, in denen es noch nicht in durchbegriffener Selbstbewustheit seines faktischen Seins handeln und sich bestimmen kann. Das alles aber geht auf ein erreichbares Ziel und nicht auf ein ewig unerreichbares Ideal hin.“7

Es liegt – und das muss gewürdigt und gesehen werden – in diesem Begriff und Bild einer (sinnlichen) Natur eine für sich stehende, primäre Evidenzstruktur, die sich einstellt, sobald im faktischen Begriff Konkretes begriffen und sichtbar gemacht wird. Der Begriff unterscheidet zwar,  führt aber nicht selbst die Evidenz herbei. Er bringt mit sich ein Licht der Evidenz, sobald er das Mögliche begreift. Ja, so ist es evident, und nicht anders.

Ad 2) Das Licht der Evidenz im faktisch Möglichen erfassen, das kann mit dem deutschen Wort „Gewissen“ gut ausgedrückt werden.  Im Wissen des Gewissen wird der faktische Begriff des Möglichen, wiewohl er eine Differenz setzt zwischen sich und dem Unsichtbaren des Sehens, in Evidenz projiziert und objektiviert.   Das Gewissen ist die aktuale Geschlossenheit der Sehensreflexion, dass das Wissen sich selbst wissen und sich selbst gewiss sein kann, wenn es etwas weiß. Ich kann mit Gewissheit sagen, dass es so ist, wenn ich etwas mit eigenen Augen sehe und bemerke. 8 Dieses unbezweifelbare Wissen im Gewissen ist freilich dann genau zu denken – und kann bei empirischen Dingen doch wieder schwankend werden. Das Gewissen ist deshalb zu bilden. Es ist stets zu prüfen, wie weit das konkrete Sehen reicht.

Die Ausführung des Gewissens kommt ausführlicher ab § 15 S 170ff vor, wenn es dann um den sittlichen Bereich in concreto geht. Es wird dann heißen: Nicht auf äußere  Veranlassung oder Autorität oder logische Schlussfolgerung soll etwas getan werden,  sondern nur aufgrund der erkannten Handlungszusammenhänge wird eine Handlung als sittlich gut oder verwerflich bestimmt.  Kriterium der Sittlichkeit  einer moralischen Handlung ist die Evidenz des Gewissens.
§ 15 S 173 (u. a.): Der Mensch muss um des Gewissens willen selbst urteilen, das Urteil an sein Gefühl halten; es kann keinen äußeren Grund der Verbindlichkeit eines Sittengebotes geben, sondern nur das Gewissen. Das Gewissen trägt und hat in sich das Kriterium der Selbst-Erkenntnis und der Selbstbestimmung. Das Gewissen entscheidet über die Moralität. Es ist absolute Pflicht, einen Moralsatz nach seinem Gewissen zu prüfen.9

Der Begriff des Gewissens verweist auf das Sittengesetz, das die ganze Vernunft zum Objekt hat (siehe ab § 15ff), und wird somit zur Instanz der Begründung eines sittlichen Handlungszusammenhangs, der  als Sittengesetz erscheint. Bei KANT ist diese Instanz des Gewissens  als Bestimmungsgrund des sittlichen Willens nicht expliziert (nach meiner bescheidenen Kenntnis), weil er die zwar richtige Kausalität durch Freiheit und den guten Willen in seiner allgemeinen Gesetzgebung angesprochen hat, aber die Vermittlung zur sinnlichen Natur nicht angeben konnte.  Bei FICHTE hingegen ist die Gewissheit in der Erkenntnisstruktur selbst verankert. Sie beginnt mit der Evidenz in der sinnlichen Natur und erreicht die Gewissheit im moralischen Sollen und Wollen.   Das Gewissen wird ein „Spielraum“ der Instanz, zwischen Gedanken und Tun zu vermitteln und einen sittlichen Handlungszusammenhang evident zu explizieren.10

Ich las zufällig einen Artikel zu diesem Thema Sittenlehre und Gewissen. P. ROHS spricht am Schluss der Besprechung der SL 1798 von einem „Zweistufenmodellder Begründung der sittlichen Freiheit a) im Gewissen und einer

b) apriorischen Darlegung der sittlichen Freiheit nach allgemeinen Vernunftgesetzen.

Es sei aber irgendwie „befremdlich“,11 dass sich innere Gewissenseinsicht und allgemeine Vernunftprinzipien nicht recht decken, sie sollten stärker aneinander“ gebunden werden. 12 Wie immer er das jetzt meint, ich las daraufhin nochmals diese Stellen des Übergangs vom Gewissen zur allgemeinen wissenschaftlichen Darlegung der Ethik und meine, keine Diskrepanz zwischen individuellem Gewissen und allgemeinem Vernunftgesetz erkennen zu können, ja im Gegenteil, dass im Gewissen selbst die Begrifflichkeit des Endzwecks, mithin eine allgemeine Vernunftethik und das Reich der Personen  zu finden sei. Das Sittengesetz hat die ganze Vernunft zum Objekt. Das weiß das Gewissen und muss ebenfalls diesen Endzweck anstreben. FICHTE sagt sogar ausdrücklich in § 17 S 204, dass die Begründungsform des Gewissens für eine „Wissenschaft“ nicht ausreiche. Wir müssen auch a priori bestimmen können, was überhaupt das Gewissen billigen wird. Sonst wäre eine Sittenlehre als „reelle anwendbare Wissenschaft“ nicht möglich. 

Die sittliche Freiheit besteht in ihrem Endzweck in einem Begriff verobjektivierter Sittlichkeit in Form der „Synthesis der Geisterwelt“. Der Endzweck und Ziel des moralischen Handelns als „Gemeinde“ aller Vernunftwesen kommt immer wieder. (vgl. z. B. 251. 272. 341ff) 13

Natürlich würde ich hier im Detail starke Bedenken gegen FICHTE vorbringen, wenn er den Kirchenbegriff für diesen Zweck vereinnahmt, von den Pflichten einen Priesters als „moralischen Volkslehrers“ spricht, von der hohen Verantwortung aller anderen Berufe und Stände etc…  

In späteren Schriften  wird FICHTE diese so optimistische Sicht der moralischen Idee korrigieren, belehrt und geprüft durch die damaligen Zeit- und Geschichtserfahrungen. Der postulierte und  sittliche Vernunftzweck kann keine objektiv sich einstellende Erfüllung des Sittengesetzes garantieren.   J. Widmann sagt treffend: Diese Idee nach einer vollkommenen Gesellschaft (…) hat Fichte zwei Jahrzehnte lang durch die Höhen und Tiefen der Spekulation gerissen.“14Wenn die ideale Personengemeinschaft zwar a priori im Denken postuliert werden kann,  de facto aber nicht erreicht werden kann, wie kann es einen äußern Reflex und eine Konkretion des apriorischen Denkens im Gewissen geben? Siehe interner Link zu den BdG-1811.    

(c) Franz Strasser, 11. 2. 2021

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1Vgl. J. Widmann, Die Grundstruktur des transzendentalen Wissens, a. a. O., S 187.188

2J. Widmann, ebd., S 188.

3J. Widmann, ebd. S 189.

4J. Widmann, ebd. S 189.

5J. Widmann, ebd. S 189.

6J. Widmann, ebd. S 189.190.

7J. Widmann, ebd. S 189.

8Vgl. J. Widmann, ebd. S 190

9Es sei mir erlaubt, ein kritisches Bedenken zu KANT hier zu bringen: die Selbstverpflichtung des Willens im Kategorischen Imperativ, wonach der Bestimmungsgrund des Willens sich aus der angeblichen apriorischen Form eines für alle verbindlichen Gesetzes (dem Sittengesetz) herleitet, ist dieser Bestimmungsgrund vom Gewissen her einsehbar und gerechtfertigt, oder leitet sich seine Gültigkeit und Allgemeinheit von einem für alle gleichen Gesetz der Universalisierung erst nachträglich ab? M. a. W., kann bei KANT a priori vom Gewissen her entschieden werden, was gut oder böse heißt,  ehe noch eine Universalisierungs- und Tauglichkeitsprüfung einer Maxime durchgeführt wurde? Erfolgt der Geltungsanspruch des Kategorischen Imperativs aus der nachträglichen Prüfung seiner Tauglichkeit für alle und aus den Folgen einer Handlung, oder kann a priori entschieden werden, was moralisch heißt?

10Siehe dazu: K. Hammacher, Das Fundament der Ethik: Zur Bestimmung des Gewissens. Phil. Jahrbuch 76, 243 – 256.

11P. Rohs, ebd. S 181.

12Ebd. S 181.

13Siehe dazu auch die Interpretation der SL von Wilhelm Metz, Der oberste Deduktionsgrund der Sittlichkeit. Fichtes Sittenlehre von 1798 in ihrem Verhältnis zur Wissenschaftslehre. In: Fichte-Studien, Bd. 11, Amsterdam, Atlanta, 1997, 147-159.

14J. Widmann, J. G. Fichte, ebd. S 175.

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser