Fichtes Sittenlehre 1798, § 4 – § 7 S 74 ff – Stichworte

Alle Realität muss in der Vorstellung begriffen werden, d. h. darin abgeleitet werden.

S 76 Die Form der Freiheit ist mit der Objektivität eines Stoffes verbunden.

Was ist die Materie der Freiheit?

S 79 b) Das Vernunftwesen kann keine Handlung als wirklich denken, ohne etwas außer sich anzunehmen, worauf diese Handlung geht.

S 81 Der Stoff wird auf die reelle Wirksamkeit bezogen, ist Mittel, sich selbst zu denken. Die reelle Wirksamkeit ist damit eingeschränkt auf das bloße Formieren. Aber erst durch diese prinzipielle Form gibt es Realität und kommt dem Stoff Realität zu – als die reelle Wirksamkeit Beschränkendes .

§ 5 Zweiter Lehrsatz

Das Vermögen der Freiheit verlangt wirkliche Ausübung dieses Vermögens oder wirklich freies Wollen.

S 83 Dem Wollen ist immer vorhergedacht ein freitätiges Begreifen eines Zwecks. Wollen und Zweck bedingen sich wechselseitig.

S 87 § 6 Deduktion der wirklichen Kausalität des Vernunftwesens

Dritter Lehrsatz

Es gibt keine Anwendung der Freiheit ohne zugleich wirkliche Kausalität außer sich sich zuzuschreiben.

Das Wollen beginnt nicht mit der Vorstellung des bloßen Vermögens, sondern mit einer Wahrnehmung unseres reellen Wirkens in der Sinnenwelt.

Alles sinnliche Anschaubare ist notwendig ein Quantum, einen Zeitmoment füllend, ein ins unendliche teilbares Mannigfaltiges. Deshalb muss die wahrgenommene Beschränkung selbst ein Mannigfaltiges sein. Ich soll gesetzt werden, d. h. eine Mannigfaltigkeit der Begrenzung und des damit verbundenen Widerstandes, der in einer Sukzession überwunden wird. Es wird dem Ich Kausalität in der Sinnenwelt zugeschrieben durch die Sukzession der Zeit.1

S 90 Das Ich wirkt ein auf das Nicht-Ich, nicht umgekehrt. Das Ich geht heraus in das Nicht-Ich.

Alles geht vom Handeln des Ich aus. Es ist das erste Prinzip aller Bewegung, alles Lebens.

S 91 § 7 Bestimmung der Kausalität des Vernunftwesens durch ihren inneren Charakter.

4. Lehrsatz. Das Vernunftwesen kann sich keine Kausalität zuschreiben, ohne dieselbe auf eine gewisse Weise durch ihren eigenen Begriff zu bestimmen.

S 92 Wir sind an eine Ordnung von Mitteln gebunden.

Ich gehe durch Mittel zu meinem Zwecke hindurch.

Die Kausalität ist so auf den Gebrauch gewisser Mittel in der Erreichung des Zwecks eingeschränkt.

S 95 Meine Wirksamkeit fällt notwendig in die Zeit. Sie könnte nicht sein, ohne gedacht zu werden in der Zeit.

Meine Wirksamkeit ist eine Reihe, deren Mannigfaltiges aber ein Mannigfaltiges des Widerstandes sein soll, dessen Aufeinanderfolge nicht durch meine Denken bestimmt ist, sondern unabhängig von demselben bestimmt ist.

Der Widerstand ist ja nicht mein Handeln. Was ich hervorbringe, ist meine Tätigkeit – und in ihr ist keine Mannigfaltigkeit und keine Zeitfolge, sondern reine Einheit. Ich will den Zweck und nur den Zweck. Die Mittel dazu will ich nur, weil der Zweck ohne sie nicht erreicht werden kann.

S 96 Die Idee dieser zu denkenden Reihe setzt einen Anfangspunkt, in dem das Ich aus seiner ursprünglichen Beschränktheit herausgeht und unmittelbare Kausalität haben muss. Dies ist eine Mehrheit von Anfangspunkten, zusammengenommen unser artikulierter Leib.

S 97.98 Es folgt, was Entfernung heißt, Dichte, Intensität.

S 99 Zurückgeblendet auf den Leib: Er bedeutet Beschränkheit und Anfangspunkt der Wirksamkeit gleichzeitig. Die innere und äußere Welt, sofern die erste wirkliche Welt ist, ist dadurch prästabiliert, d. h. insofern ein Objektives in uns ist; das Subjektive der Selbstbestimmung ist aber nicht prästabiliert.

© Franz Strasser, 10. 2. 2021

1 In eigener Interpretation: die Entstehung der Zeitanschauung, erst recht die einer kompakten Geschichtsanschauung, trägt einen sittlichen Charakter an sich. Was Zeit ist, a fortiori Geschichte, kann nur in einer im Bewusstsein gesetzten dynamischen Ordnung begriffen werden, die einseitig und gerichtet von einem absoluten Bestimmungsgrund ausgehend, gedacht werden kann. Zeittheorien von ewiger Wiederkehr, evolutive Theorien, sinnliche Theorien, systemtheoretische Theorien u. a. sind nicht vorstellbar. Aber auch rein abstrakte Ewigkeitsvorstellungen, die von einer dem vergängliche Sein des Vernunftwesens gegenübergestellten Ewigkeit Gottes ausgehen, sind nicht vorstellbar (wie es z. B. PLOTIN oder AUGUSTINUS schön beschrieben haben). Die Zeitvorstellung und Geschichte entsteht erst in einem gerichteten Durchlaufen einer vorgestellten Wirksamkeit.

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser