Hippolyt von Rom († nach 235) Offenbarung des göttlichen Heilsplanes

Aus dem Buch „Gegen die Irrlehren des Noetus“. (rot– mein Kommentar, fett, was mir reflexiv erscheint.) 

„Brüder, Gott ist der Eine. Wir kennen ihn nur aus der Heiligen Schrift, und nicht aus anderer Quelle.“

Will Hippolyt hier den Standpunkt einer negativen, natürlichen Theologie einnehmen, dass Gott aus dem endlichen Sein und bloßen Denken nicht erkannt werden kann?  Wir bedürfen notwendig der heiligen Schriften? Nur durch sie wissen wir etwas von Gott? (Eine protestantische Richtung der Theologie hat das ja stark vertreten.) 
Ich möchte hier zuerst rhetorisch zurückfragen, was aber Hippolyt selber beantworten wird:  Ein metaphysisches, philosophisches Denken  kommt der Bedingung der Möglichkeit nach doch vor der Überlieferung der Schrift, sonst könnten wir ja nichts finden und herauslesen an Schöpfungswillen und  Schöpfungsabsicht, an Erlösungs- und Rettungsabsicht, selbst nicht aus den heiligen Schriften? 

Die heiligen Schriften  wären von sich her unabgeschlossen in ihrem Anfang und ihrem Ende als Wille und Absicht Gottes, gäbe es nicht eine genetische Einsicht und  Erfüllung in ihren absoluten Geltungsgrund. 
Jesus Christus ist für den Hl. Hippolyt (und uns) diese genetische Einsicht und Erfüllung, das WORT schlechthin, wodurch die Wörter der heiligen Schriften selbst begründet und gerechtfertigt sind. Aus dieser Sicht des einen WORTES, das die anderen Worte der heiligen Schrift begründet und rechtfertigt,  hat Hippolyt recht, dass wir nur aus den heiligen Schriften Gott kennen.

Das Begreifen und Erkennen des WORTES setzt aber umgekehrt ein metaphysisches Denken von Gott heraus, denn mit dem WORT ist der absolute Geltungsgrund aller Wahrheit und Schönheit und Gutsein und Einheit angesprochen, der irgendwie  im Bewusstsein präsent sein muss, sonst könnte nicht vom WORT gesprochen werden und könnte nicht Jesus als Erfüllung und Erkenntnis dieses Geltungsgrundes angesehen werden. 
(Zum Zirkel des Bewusstseins müsste natürlich jetzt mehr gesagt werden  – siehe  z. B. von E. Simons, Transzendentale Analyses des Daseins – Link oder überhaupt zum Themenkomplex einer Daseinsanalyse als Offenbarungsanalyse  nach E. Simons – siehe  Link.)

Jesus Christus hat in seiner Freiheit (der Liebe, der Güte, der Vergebung) den absoluten Geltungsgrund genetisch sichtbar gemacht,  deshalb sagen wir, er ist das WORT, das unmittelbar den anderen vermittelnden Worten der heiligen Schriften Sinn und Bedeutung gibt. „Wir kennen Gott nur aus der Heiligen Schrift und nicht aus einer anderen Quelle“ – ja, weil  a) im Bewusstsein und Dasein selbst das  WORT schon vorausgesetzt werden muss  und b) andere Quellen, die von außerhalb des Bewusstseins kommen, nicht einmal gedacht werden können. 

Die Unmittelbarkeit Gottes, metaphysisch im absoluten Geltungsgrund vorausgesetzt, sozusagen als apriorische Vernunftoffenbarung jedem Vernunftwesen angeboren,  hat durch ein exklusiv hervorgehobenes WORT, gemeint ist die vollkommmene Freiheitstat JESU CHRISTI, von selbst die Mittelbarkeit mitgebracht und die Schriften geheiligt.

Sie wären für sich gesehen nicht heilig und brächten keine Offenbarung Gottes zustande, zumindest keine vollständige, genetische Erkenntnis derselben,  aber durch das einzigartige WORT Gottes, das den Zirkel unseres Bewusstseins erhellt, sind sie selbst legitimiert und beglaubigt worden. Das Bewusstsein lebt in der Einheit von Helligkeit und Leben, nimmt ständig Bezug auf einen absoluten Geltungsgrund, könnte ihn aber wegen seiner diskursiven Natur in seinem Anfangs- und Endpunkt nicht erreichen, gäbe es nicht eine genetische Erkenntnis dieses Geltungsgrundes. Diese Erkenntnis des absoluten Geltungsgrundes ist in Jesus Christus sichtbar und erkennbar geworden.  

Das WORT, das „Fleisch geworden ist“, wie der christliche Glaube sagt, ist nicht Emanation Gottes in zeitlicher Weise, daraus könnte überhaupt keine Absicht abgeleitet werden, sondern positive Nicht-Emanation eines schon immerwährenden Heilsplans Gottes, um Mensch und Schöpfung zu retten.  

Jesus verkündete den Wortsinn schlechthin, erfüllt ihn, siehe z. B. die eindrückliche Geschichte vom ersten Auftreten Jesu in der Synagoge von Nazareth,  Lk 4, 16-30. Es wurde ihm einerseits Beifall gezollt, denn man merkte, das ist der genetische Geltungsgrund des Bewusstseins und die Schöpfungs- und Liebesabsicht Gottes schlechtin, diese Frohe Botschaft…. Sogleich, leider, kann der Mensch in seinem Abgrund der Freiheit ebenso zur Verneinung des Geltungsgrundes übergehen und zur Verneinung des WORTES kommen – siehe Schluss dieser Passage Lk 4, 16- 30.  
JESUS –  so die Gesamtdeutung bei Hippolyt (m. E.) – hat den Heilsplan und die Grundabsicht der Schöpfung ganz verstanden. Er erfüllt die Grundabsicht der Güte und Rettung, die in den heiligen Schriften aufleuchtet. Er antwortete perfekt auf das ergangenen WORT, d. h. in dem Sinne, dass er den absoluten Geltungsgrund, die epistemologische, unsichtbare Quelle der vermittelten Worte der heiligen Schriften sichtbar macht und legitimiert.  

Für Hippolyt ist das ein zusammenhängendes Geschehen  a) die unmittelbare Erscheinung und Offenbarung Gottes in der Schöpfung und in der Heilsabsicht,  und b) die durch die Freiheitstat der Güte, Vergebung gerechtfertigte mittelbare Offenbarung und c) die Weiterführung im Heiligen Geist. 
Weil wir endliche, zeitliche Wesen sind, bedarf es der mittelbaren Offenbarung in medialer und interpersonaler Form,  ergo sind die endlichen Vermittlungen der dreifachen Offenbarungen, d. h. die  Worte der heiligen Schriften, gleichfalls geschaffen, notwendig geschaffen, damit wir sie lesen und verstehen können.


Hippolyt will nicht zweierlei oder dreierlei Wort-Verständnis der Verehrung Gottes, sondern nur eine Verehrung Gottes, weil es nur einen zusammenhängenden Heilsplan und Geltungsgrund gibt und nur EIN  genetisches WORT seiner Erfüllung – und nur EINEN Geist der inspirierten Vermittlung der unmittelbaren Offenbarung in vermittelter Weise der heiligen Schriften und in zeitlicher Form. 

„Alles, was also die heiligen Schriften verkündigen, das wollen wir wissen; alles, was sie lehren, wollen wir erkennen. Wie der Vater im Glauben erkannt sein will, so wollen wir glauben. Wie er will, dass der Sohn verherrlicht wird, so wollen wir ihn verherrlichen. Wie er den Heiligen Geist schenken will, so wollen wir ihn empfangen. Nicht nach eigenem Willen, nicht nach unserem eigenen Sinn und ohne dem Gewalt anzutun, was von Gott gegeben ist, sondern wie er es uns durch die heiligen Schriften lehren will, so wollen wir es verstehen..„Da Gott der Einzige war und es neben ihm nichts gab, was ewig ist wie er, wollte er die Welt erschaffen. Er dachte die Welt. Indem er sie wollte und sie aussprach, hat er die Welt erschaffen. Sofort entstand sie ihm, geschaffen, wie er es wollte; und wie er es wollte, hat er sie vollendet.“ 

Schöpfung und Absicht Gottes  ist bleibende Differenz (Transzendenz), aber auch Gesamtkontinuität einer Genesis, einer Genesis, die in JESU Freiheitstat in ihrem Sinn sichtbar geworden ist und jetzt in der Zeit (und im Raum) weitergetragen werden kann durch das Wirken des Heiligen Geistes – im Lesen der heiligen Schriften, im inspirierten Gebet.  
Hippolyt meint:  Wir kennen ihn nur aus der Heiligen Schrift, und nicht aus anderer Quelle.“
Ja, weil er in Jesus die epistemologische Quelle  aller epistemischen Vermittlung mitdenkt. Sein Exklusivitätsanspruch der heiligen Schriften  ist begründet und gerechtfertigt durch die Genesis des absoluten Geltungsgrundes, der in Jesus erfüllt worden ist – und somit sind die endlichen und medialen und interpersonalen Vermittlungen anderer Worte   notwendig!  als heilige Schriften gesetzt.

„Es genügt uns, zu wissen, dass es neben Gott nichts gibt, das so ewig ist wie er. Nichts war außer ihm, er war der Einzige, er war das Ganze. Er war ja nicht ohne Geist, nicht ohne die Weisheit, nicht ohne die Macht, nicht ohne den Rat. Alles war in ihm, er war alles. Als er wollte und wie er wollte, zu der Zeit, die bei ihm festgesetzt war, offenbarte er sein Wort, durch das er alles erschaffen hat.

Da er dieses Wort in sich trug und es für die geschaffene Welt unsichtbar war, hat er es sichtbar gemacht, indem er es erstmals bei der Schöpfung nach außen ausgesprochen hat. Er zeugte das Licht aus dem Licht und gab der Schöpfung ihren Herrn: sein Wort, was zuerst nur für ihn sichtbar war, der Welt aber unsichtbar, das hat er sichtbar gemacht. So sollte die Welt ihn bei seinem Erscheinen sehen, so sollte sie heil werden.“

Herrlicher Widerspruch und Auflösung des Widerspruchs: Gott kann an sich nicht zugleich Licht und geschaffenes Licht sein, ein schöpferischer und zugleich emanierender Gott. Im geschaffenen Licht muss zugleich das Denken der Auflösung dieses Widerspruchs liegen: Das endliche Sein, dem ein absolutes Sein widersprechen würde,  kann als in sich bestehendes, absolutes Sein gefasst werden, wenn ein Glaubensakt möglich ist, der eine vollkommene Freiheitstat anzeigt,  d. h. wenn das von einem Vernunftwesen gesprochene Wort zugleich immerwährendes WORT Gottes selber ist.
Das sehen wir in der Doppelnatur JESU CHRISTI verwirklicht.  Er knüpft an das WORT der Schöpfung an und an den absoluten Geltungsgrund  – und vollendet in seiner Freiheitstat die teleologische Absicht des WORTES. Er nimmt das WORT ganz an und realisiert es ganz in seiner ursprünglichen, genetischen Absicht.  
JESUS bestätigt unmittelbar in seiner Freiheitstat den absoluten Geltungsgrund und die Schöpfungsabsicht des VATERS, und legitimiert so seinerseits die vielen, endlichen Worte  der  heiligen Schriften. Er ist Ur-Bild der Erscheinung Gottes – und ermöglicht uns kraft dieser unmittelbaren Erscheinung uns als Teil des Ganzen, zu verstehen, als Bild Gottes bezogen auf das Ur-Bild der Erscheinung. Das Ur-Bild der unmittelbaren Erscheinung Gottes  bringt selbst in seiner menschlichen Natur die Mittelbarkeit der Erkenntnis mit, wie sie für uns notwendig ist mit den üblichen Mitteln Mitteln medialer und interpersonaler Vermittlung  – und führt die für uns  mittelbare Erkenntnis durch den wirkenden HEILIGEN GEIST in ihrer Legitimität weiter. Man könnte auch so sagen, die Worte der heiligen Schriften sind für uns deshalb und dann als „heilig“ ausgewiesen, sofern sie notwendig aus der unmittelbaren und mittelbaren Offenbarung Gottes kommen und der Heilige Geist sie erfüllt. 

Die unzugängliche, unsichtbare Quelle des Lebens, die sonst unerkennbare Transzendenz Gottes, wie oben Hippolyt sagte – „allein durch die Schrift wollen wir Gott kennen“ – bleibt unsichtbar, ist aber als epistemologische Quelle aller epistemischen Bedeutungsgebung heiliger Schriften durch Jesus sichtbar geworden. Die unmittelbare Absicht Gottes hat seine eigene Vermittlung mitgebracht, diese ist notwendiges Sehen und notwendiges Hören der heiligen Schriften. 

So verstehe ich den Hl. Hippolyt zweifach, a) metaphysisch und b)  in seiner hermeneutischen Lektüre der heiligen Schriften. Wir können nur dank der heiligen Schriften etwas von Gott wissen, wie er sagt, weil  wir zugleich die unmittelbare Schöpfungsabsicht Gottes und den absoluten Geltungsgrund im WORT Jesu erfüllt sehen. Erfüllt im absoluten genetischen Erkenntnisgrund, mit dem wir in individueller Ausgliederung und Weise  verbunden sind – sonst gäbe es keine Individualität. 
Anders gesagt: Der apriorische Geltungsanspruch, den wir kraft Vernunft alle miteinander teilen,  ist durch Jesus Christus vollständig und vollkommen sichtbar geworden, und individuell beziehen wir uns auf diesen Geltungsgrund – und beziehen individuell Worte der heiligen Schriften darauf, wodurch sie zu heiligen Schriften werden, weil sie notwendig aus der Unmittelbarkeit in die Mittelbarkeit der Offenbarung abgeleitet sind. Die Worte der heiligen Schriften sind durch das eine WORT  als endliche, mediale und interpersonale Zeichen und Hinweise legitimiert, oder stärker ausgedrückt, als notwendige Zeichen legitimiert und können durch die Kraft des HEILIGEN GEISTES gelesen und erfüllt werden –  natürlich nach dem Maßstab des WORTES selbst in seiner Wahrheit und Schönheit und Güte. 

„Dies aber ist das Wort, das in die Welt hinausging und sich als Knecht Gottes erwies. „Durch ihn ist alles geworden“, (1) er allein ist aus dem Vater.
Dieser gab das ganze Gesetz und die Propheten; er drängte die Propheten durch den Heiligen Geist zu reden. Vom Geisthauch des allmächtigen Vaters beseelt, verkündeten sie dessen Ratschluss und Willen.
Das Wort wurde sichtbar, wie es der Evangelist Johannes sagt. Dieser fasst alles zusammen, was die Propheten verkündigt haben, und zeigt, dass es das Wort ist, durch das alles geworden ist. Denn er spricht: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Im Anfang war es bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden, und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.“ (2) Und weiter sagt er: „Die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.“ (3)

1 vgl. Joh 1,3.

3 Joh 1,10-11.

2 Joh 1,1-4.

(c) Franz Strasser, 3. 1. 2026 


Literatur u. a. zum Begriff der Genesis b
ei J. Widmann, Grundstruktur, 1977.

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser