Die Natur des Menschen in der Tiefenpsychologie bei S. Freud – 1. Teil

Die herkömmlichen Deutungen S. Freuds verlaufen etwa in diese Richtung: a) Der Mensch sei in seiner psychischen Natur determiniert durch die Versagungen in der frühen Kindheit; b) weiters sei er durch ein biologistisches Libidokonzept bestimmt. Wo der Trieb und die im letzten sexuelle Lust keine Befriedigung finden, wirken sie destruktiv; c) die menschlichen Krankheiten seien Regressionen und weisen kein Potential einer positiven, lebensbejahenden Kraft auf.

Unser ganzes Verhalten und Denken, unsere Kultur und unsere Sublimierungen, sie sind letztlich rein auf bio-physische und evolutionäre und historische Grundprozesse zurückzuführen.

Alfred Adler und Carl Gustav Jung haben S. FREUD bereits zu Lebzeiten widersprochen, weil sie andere Teile des Trieblebens vermissten. Interessant ist, dass selbst S. FREUD durchaus andere Interpretationen zulässt, wie W. Pieringer zu meinem Erstaunen ausgeführt hat.
Interpretierte ich zu Unrecht S. Freuds Psychoanalyse nur reduktionistisch d. h. seine ganze Theorie vom Unbewussten und Bewussten sei zurückbezogen und begründet auf naturale Ursachen biophysischer und biochemischer Vorgänge und Reize?

Ich beziehe mich zuerst auf einen Artikel von Prof. Primarius Walter Pieringer, Die Natur des Menschen in der Tiefenpsychologie, in: Dimensionen der Psyche. Bewusstes und Unbewusstes, Hrsg. v. R. Kögerler und H. G. Zapatocky, Forum St. Stephan Wien 1990, 91 – 104.

1) S. FREUD geht – so die Charakteristik v. W. Pieringer – von einem dualistischen Konzept einer Leib-Seele-Trennung aus, doch ist damit lange nicht gesagt, dass das Ich des Menschen den physiologisch-biologischen Mechanismen und evolutionären Entwicklungsgesetzen machtlos und determiniert gegenüberstehen müsse. W. Pieringer bringt Zitate von S. Freud, in denen dieser durchblicken lässt, dass er neben reduktionistischen Erklärungen z. B. von Zwangshandlungen, auch symbolische, die  physiologischen und biologischen Abläufe transzendierende Erklärungen, zulässt. S. FREUD verfalle zwar gut und gerne einem Reduktionismus in der letzten Erklärung psychischer Phänomene, d. h. dass alles Bewusste und Unbewusste naturalistischen Ursprungs ist, aber manchmal ist eine teleologische, den naturkausalen Ablauf transzendierende Sinn- und Zweckerklärung nicht zu übersehen! (Genauere Belege siehe dort bei W. Pieringer). Ein Triebverzicht z. B. sei nicht nur negativ zu bestimmen, als übe er nur einen Zwang aus gegen das biologische Streben des Menschen, sondern hat durchaus eine transzendierende, konstitutive Bedeutung für Geist und Kultur und vielfältige lebenserhaltende Resultate. Der Trieb ist Voraussetzung und Bedingung der Möglichkeit freier Selbstverwirklichung 

Das Thema des Ödipuskomplexes muss nicht auf die negative Bewertung der Mordtat beschränkt bleiben, es kann durchaus ein sinnvolles Opfer geben.

Ebenso hat das Phänomen der „Wiederholungen“ durchaus lebensfördernde Ziele. Sie sind notwendige Grundlagen des Einlernens und Behaltens. Die Begriffe wie Aggression, Liebe und Ethik, Gewissen, Religion u. a.  im Aufsatz „Unbehagen an der Kultur“, sie müssen nicht alle naturkausal verstanden werden, als sei überall nur Triebunterdrückung der Aggression und der Sexualität im Spiele, sondern durchaus können diese Triebkräfte eine weiterführende, über die sinnliche Natur hinausgehende Funktion und teleologische Zweckhaftigkeit haben. Der Triebverzicht im „Der Mann Moses und die monotheistische Religion“ lässt ebenfalls eine frei sich bestimmende Reflexion des Ichs zu, sodass keineswegs die Triebregungen aus dem „Unbewussten“ und die Vorschriften des Über-Ichs die Religion erzeugen und deren Kompensationen.

2) W. Pieringer zeichnet im Anschluss und in Parallele zur Tiefenpsychologie S. FREUDS eine, ich möchte sagen, vernunftorientierte, transzendierende Naturkonzeption nach,  die nach einer, das ganze Wesen des Menschen umfassenden Realisation von Sinn- und Werterfahrung strebt. Er beruft sich dabei auf Erkenntnisse der modernen Physik, der modernen Biologie, der Kreativitätsforschung, und kommt  so zu einem hierarchischen Ordnungsmodell der Natur des Menschen, das  wesentlich das eher reduktionistisch gedeutete Modell der Triebestimmung S. Freuds ergänzt.  W. Pieringer orientiert sich dabei an „natürlichen Kräften“ nach F. Preuß, der Aufbau des Menschen, 1987.
Dieser unterscheidet zwischen:  a) material-energetischer Dingweltstufe
b) einer vital-energetischen Lebensweltstufe und
c) einer mental-energetischen Geistesweltstufe. (Siehe b. W. Pieringer, S 97)

Dieses Kräfte-Modell ist durchaus mit freudscher Tiefenpsychologie zu verbinden. Im Sinne einer „Rhythmusfolge“ bedingen sich ältere und jüngere Stufe. Das ergibt nach W. Pieringer vier „Modalitäten“ (Wesen des Seins):
a) die ästhetische Natur des Menschen
b) die ethische Natur des Menschen
c) die ökonomische Natur des Menschen
d) die kultische Natur des Menschen.

Er benennt dann vier Temperamente und die vier primären Entwicklungsstufen der frühen Kindheit, analog zu einer Gliederung nach der  Tiefenpsychologie S. Freuds.
a) Der ästhetischen Natur entspricht die narzisstische Phase,
b) der ethischen Natur die oral-aggressive Phase,
c) der ökonomischen Natur die anale,
d) und der kultischen Natur die früh-genitale Phase.

Summa summarum ergibt sich aber damit nicht ein kausal-mechanistisches, durch biologische Determinanten und  historisch-gesellschaftliche Triebunterdrückung geprägtes Menschenbild, sondern ein auf die Triebkräfte und Triebregungen aufbauendes Menschenbild, das vielfältige Freiheits- und Transzendenzerfahrungen zulässt.

Dies ist jetzt keineswegs eine Deutung unserer Zeit, sondern längst vor S. FREUD ging im 18. u. 19. Jhd. die Diskussion ja darum, wieweit die Triebe und die Sinnlichkeit selbst transzendentale Bedingungen a priori möglicher Freiheitserfahrungen sind, also bereits über Determination hinführen zur Freiheit einer Intentionalität. Siehe z. B. bei Jacobi, Fichte, Wilhelm v. Humboldt u. v. a. vor ihnen. 

3) Ob Walter Pieringer die Trieblehre von FICHTE kennt, weil er eingangs kurz die Transzendentalphilosophie anspricht?  Die Phänomene, die von S. FREUD beschrieben worden sind, müssen nicht naturalistisch (biologistisch) interpretiert und darauf reduziert werden.   Vom transzendental-kritischen Gesichtspunkt der Analyse eines Begriffes und seiner darin enthaltenen Bestimmungen (z. B. den des  „Triebes“) sind wesentlich die Anwendungsbedingungen der Möglichkeit dieses Begriffes ebenfalls zu bedenke.  Diese Anwendungsbedingungen beschränken sich aber nicht auf reale Bedingungen in der empirischen Welt, sondern das Streben oder die Intention eines „Triebes“ geht ja auf viele geistige und kulturelle Bestrebungen, die ebenfalls zur Natur des Vernunftwesens „Mensch“ gehören. 

Der „Trieb“ weist per se über jede augenblickliche, sinnliche Befriedigung stets hinaus. Es ist eine Frage jetzt seiner Definition:  
Mir scheint, dass in den vielen divergierenden Geistesströmen in Wien Ende des 19. Jhds. ein einheitliches Gesamtkonzept von Natur und Geist fehlte.  S. FREUD  war offensichtlich a) von den naturwissenschaftlich-induktiven Messungen der körperlichen Natur des Menschen stark angetan; ferner dürfte er b) das transzendentalkritische Erkennen nach  Kant und Fichte nicht kennen gelernt haben (umso schlimmer für die Philosophie dieser Tage in Wien); schließlich c) die sich bietenden Alternativen von Schopenhauer und Schelling, die FREUD gelesen hat, waren allesamt unbegründete, spekulative  und letztlich deterministische Annahmen. Die aus der Intelligenz auf die sinnliche Natur übertragenen Zwecksetzungen, wie sie Fichte deduziert hat, wurden dort objektivistisch-empiristisch gedeutet und wurden als solche nicht mehr transzendental als Erscheinungen durchschaut. 
Ebenso dürfte die d) gesellschaftliche Wirklichkeit des ausgehenden Jahrhunderts in Wien (oder in anderen Städten; es dürfte in Berlin wohl ähnlich gewesen sein?)  psychisch krankmachend und triebunterdrückend gewesen sein. (Ich kenne hier nur ein wenig die Literatur von Joseph Roth, Arthur Schnitzler, Stefan Zweig.)  Das Bild des Menschen – in den wissenschaftlichen Kreisen oder in der Kulturszene – war  naturphilosophisch axiomatisiert und relationiert, d. h. alles war auf eine biophysische Systemeinheit hingeordnet – und aus dieser naturalen Einheit wurde ein prinzipieller Ansatz des Erkennens gesucht.
Dass aber die Triebregungen
selbst Anlass und Grundlage einer Freiheitsverwirklichung und höheren Sinnverwirklichung sein könnten, wie noch bei Jacobi, Fichte, Humboldt (u. a. vor ihnen) nachzulesen, oder  hier z. B.  von W. Pieringer oder F. Preuß dargelegt,  dazu fehlte offensichtlich eine transzendentale Erkenntnistheorie. (Siehe auch Anm. 1)  

Die von W. Pieringer angedeuteten Phänomene der vier „Modalitäten des Seins“ sind bereits  eine Art reflexiver Durchdringung der Phänomene der menschlichen Natur im Sinne einer transzendentalkritischen Erklärung, d. h. dass die Phänomene nur aus einem Akt-Charakter einer höheren Zweckbestimmung verstanden werden können, also aus einem Gedankenzusammenhang.    

4) Ich habe nur manche berühmte Schriften S. FREUDS gelesen. Diese meine folgende Interpretation mag deshalb etwas dürftig ausfallen. Wenn ich nur ein Zitat von S. Freud bringe: „Sehen Sie nicht, dass die Vielheit dieser Triebe auf die Vielheit der Organe zurückgeht, die alle erogen sind….? Brief von Freud an Oskar Pfister vom 9. Okt. 1918.  Das ist eine totale Hinordnung auf eine bio-physische Erklärungsquelle. 

5) Ich möchte erkenntniskritische Fragen stellen:
Nach S. Freud ist die Quelle eines Triebes ein Art körperlicher Reiz, eine Art bio- physischer, chemischer Spannungszustand. Der Trieb setzt eine reale Verursachung voraus, kann sie aber nicht selber herbeiführen. Ist die konstante, sinnliche Reizanflutung, denen der Organismus nicht ausweichen kann, die  Triebfeder für das Funktionieren des psychischen und physischen Apparates, dann wäre der Mensch (das Vernunftwesen) bio-chemisch und sinnlich determiniert.  Frage aber: Der Erwartungsdruck im Trieb oder eine freiwillige Triebunterdrückung, wie kann so etwas überhaupt gedacht und stets erneuert werden, wenn alles nach biophysischen oder organischen Gesetzen der Selbsterhaltung und Selbstzwecklichkeit abläuft? Es wäre doch richtig, konsequent alles auf eine naturkausale Erklärung zurückzuführen. Der Mensch (philosophisch, das Vernunftwesen) ist ein „automaton spirituale“, ein  physisch-psychischer Automat, solange,  bis die Kräfte der Selbsterhaltung irgendwie aufgezehrt oder erschlafft sind.  Wenn es nicht eine andere Quelle über den sinnlichen Reizaufbau und Reizabbau hinaus gäbe, die einen anderen Zweck voraussetzt, wodurch der Spannungszustand wieder erzeugt wird, wozu dieses sinnlose Spiel? Wozu diese erstrebte Befriedigung (Essen, Trinken, Sexualität) ad infinitum bis zum Nichtsein des Todes?  Da fließt doch ein apriorischer Gedanke des Zweckes mit, eine Handlungstheorie der Erklärung mit notwendigen Ursachen und notwendigen Mitteln, aber nicht eine rein kausal-mechanische Erklärung? Was ist die transzendentale Bedingung der Möglichkeit des Weiterbestehens einer Tendenz, d. h. eines Triebes, wenn es nicht die sinnliche Quelle allein sein kann, die einen neuen Gegenstand der Lust erzeugt? Konsequent natur-kausal gedacht müsste die Trieblehre in einen mechanisch-physischen Prozess umgeschrieben werden, d. h. in einen teleonomischen Prozess ohne Zweck und Ziel. Aber so hat selbst ein S. Freud nicht argumentiert, denn dann hätte er keine notwendigen, auf Ziele bezogenen, wenn auch irrealen Wirkursachen (in einer Verdrängung, in einer Neurose) rekurrieren können.
Ein rein biophysischer und chemischer Vorgang kennt keinen  Reizaufbau oder Reizabbau und keine Trieb-“befriedigung“, denn was sollen diese Begriffe noch heißen?  Was soll „Befriedigung“  heißen, Stillung des Schmerzes, neuer Wunsch und Wille nach neuem Zweck oder „Befriedigung“, wenn es nur ein mechanischer, biophysischer Ablauf ist? 

Der „Trieb“ – so jetzt die fichteschen Erkärung – ist keine kausal-mechanische oder neuronale Erklärungsart, sondern eine hochabstrakte, philosophische Erklärungsart der Möglichkeit nach, wie die Wirklichkeit des Strebens begrifflich gefasst werden kann, nämlich genetisch aus der Sinn-Forderung des Sittengesetzes, möglichst zu einer Übereinstimmung mit ihm (dem Sittengesetz) zu gelangen in der Erfüllung (Befriedigung) eines materialen Gehaltes (Sinns).  

Der „Trieb“ ist, so könnte man in Analogie zu Kants Begrifflichkeit sagen, einerseits ein analytischer, beschreibender Begriff des Wesensmerkmal des organisierten Lebens: Alles Lebendige strebt und ist getrieben. Er ist aber auch in seiner Allgemeinheit und Verallgemeinerung des Strebens ein synthetischer Begriff der transzendentalen Erklärung, warum und wie das Streben überhaupt sein kann, nämlich nur kraft sein sollender Übereinstimmung der Spontaneität und der Freiheit mit dem übersinnlichen Sittengesetz. Fichte hat noch vor den ersten Ausarbeitungen einer neuen Reflexibilität des Wissens in seiner  OFFENBARUNGSCRITIK 2. Auflage (179) den Trieb bereits von dem höheren Begehrungsstreben der Achtung abgeleitet. Die Spontaneität der Vernunft kann die Achtung als   Einschränkung des sinnlichen Triebes festsetzen.  Je nach erreichter Übereinstimmung äußert sich der Trieb dann als sinnliches Gefühl oder  emotionaler Affekt oder im Gewissen oder sogar  in Seligkeit.

Siehe dann unmittelbar ein Jahr später auf Grundlage einer neu entstehenden Transzendentalphilosophie die breite  Palette von Affekten in der PRACTISCHEN PHILOSOPHIE 1793/94 (GA II/2, 197f)  
Furcht und Hoffnung, Lachen, Staunen, Neugier, Liebe, Hass, Sympathie, Mitleid, Gutsein, Traurigkeit, Abscheu, Freude, Eitelkeit, Ruhmsucht, Selbstliebe, Liebe, Klugheit, Geselligkeitstrieb, Streben nach guter Meinung  usw. – das sind alles schon über sinnliche Reiz-Reaktionsmuster hinausgehende Sinn- oder Widersinn-Erfahrungen, die durch die Spontaneität der Freiheit im triebbedingten Streben erzeugt sind. 

Fichte spricht von „geistigen“ oder „sittlichen“ Trieben. Es gehört z. B. ebenso die  Sprache dazu. Sie ist teils angeboren, teils selbst erzeugt, teils göttliches Geschenk. Siehe Blog zur Entstehung der Sprache  z. B. https://www.platonjgf.net/philosophie-zur-sprache-1-teil/

Der „Trieb“ im Vernunftwesen Mensch verlangt von sich her stets höhere synthetische Ableitung seines Sein-Sollens, verlangt immer mehr Formen der freien Selbstbestimmung und der freien Aufforderung. In transzendentaler Analyse des Denkens kann transzendierend auf eine postulatorisch geforderte Erfüllung im Sittengesetz übergegangen werden – so jetzt die philosophische Erklärung bei Fichte – die also triebhaft als Tendenz der Vernunft angelegt ist. 
Nochmals anders gesagt: Das traditionell bei Kant u. a. zu findende, so genannte „niedere“ Begehrungsvermögen ist synthetisch bedingt durch das „höhere“ Begehrungsvermögen. (Siehe bereits bei Fichte in der VCO 1793 § 2) 
(
Ein Seitenvermerk auf J. S. Mill sei erlaubt: Sein „Utilitarismus“ kennt in seinem Streben nach Glück/Glückseligkeit mittels Kalkül des Nutzens viele transzendentale Wissensbedingungen. Er steigt bemerkenswert hoch hinauf zu geistigen Werten und Ideen, weit über sinnliches Streben hinaus. Leider deutet er dieses triebhafte Streben nur aus einem empiristischen Grund, anstatt umgekehrt das Streben nach Glück/Glückseligkeit als eine Vorform übersinnlicher Forderung und Aufforderung zu verstehen. Seine altruistischen Gefühle und hohen Werte und Ideen sind methodisch nicht mehr eingeholt und werden reduziert auf sinnliche Erklärungen.  
(Siehe dazu auch Blog zu den Affekten )

Da S. FREUD eine Letzterklärung anstrebt, was transzendentales Denken ebenfalls will!, muss er nolens volens mangels transzendentaler Ableitung  der Gefühle und der Triebe – von Schelling u. a. nicht geleistet –  den Begriff „Trieb“ reduktionistisch auf sinnliche Reizmessungen und Beobachtungen zurückbeziehen. Rein physisch oder neurobiologisch hat er hier nicht argumentiert, sondern handlungstheoretisch zwecks Erklärung von psychischen Erkrankungen die Gedankenzusammenhänge und Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge konstruiert, d. h. die in den Mitteln und Wegen liegenden Zwecke  reduktionistisch und neurologisch auf sinnliche Reize und empirische Welten angewandt.
Das ist aber alles starke Deutung. Könnte tatsächlich der Zirkel eines psycho-somatischen Kreislaufes von Reizaufbau und Reizabbau nie verlassen werden, wäre eine mechanistisch-funktionale Auflösung des Triebes konsequent, d. h.  rein chemisch-physikalische müsste alles beschrieben werden. Der (hochabstrakte)  Triebbegriff fiele weg. Das Wort „Reiz“ wäre als Begriff mit innerer Tendenz oder als Möglichkeitsbedingung der Freiheit nicht mehr verstehbar in der chemisch-physikalischen Sprache.
Überhaupt, das „Leben“ oder die „Psyche“ würde eine funktionale Metapher eines autopoietischen Systems ohne telelogischen Sinn  und Zweck. Jeder „Trieb“ zur geistigen Steigerung der Freiheit, oder selbst zur „Selbsterhaltung“ fiele weg. Was sollte „Selbsterhaltung“ noch bedeuten? Aus welchem Zweck, mit welchem Sinn?  

6) Fichte leitet hingegen den Triebbegriff ab: Ich kann hier auf die ganze Chronologie seiner ersten Darstellung in der VCO 1793 § 2, über die SL-1798 und diverse späteren WLn nicht eingehen. Das wäre allein eine Hauptarbeit. Ich möchte nur die Fragestellung von damals aufgreifen:  Woher das theoretische und praktische Interesse des Erkennens? Woher das Vermögen geistigen Vorstellens? Woher und warum das Wollen überhaupt und deren vielfältigen zweckhaften Mittel? Woher und warum dieser in der kleinsten Lebenszelle bis zum Lebewesen „Mensch“ anzutreffende Selbsterhaltungstrieb? Woher die Gefühle und die gesellschaftlichen Affekte? Woher Hungertrieb, Durst, Sexualität? Ein äußerlich zu beschreibendes, bio-physisches Geschehen kann diese Zweckgerichtetheit gar nicht erkennen und ablesen, wären es nicht ein aus der Intelligenz auf die sinnliche Natur übertragene Relation und Reflexionsidee. Das Was der transzendentalen Erklärung ist im Wie der philosophischen Erklärung aus dem Soll des Sittengesetzes und der Selbstbeschränkung der Spontaneität (des Willens) abstrahiert, ist eine Selbst-Bewegung, eine Artikulation, eine Organisation, ein „Trieb“. 

Die sinnliche Empfindung und Qualität ist die basalste, erste Form der triebhaft bedingten Wahrnehmung. Das Leben, wenn ich diesen Begriff epistemologisch korrekt verwende, muss sich selbstzwecklich (d. h. organisch) bestimmen können, was aber wiederum auf einen über den sinnlichen Selbstzweck hinausgehenden  teleologischen Zweck hinausweist.   Eine bloß  naturalistische Erklärung eines Qualitätsmomentes von Reiz/Lust als  angenehm/unangenehm, oder wie immer die Empfindung dann deskriptiv gefasst wird, oder ein bloßer „Informationsaustausch“ mittels Reize, setzt die Bedeutung schon voraus, die sie als Erklärung vorgibt zu sein.  Es wird biologisch oder chemisch oder digital „bewiesen“, was eigentlich eine die Gefühle und Verhaltensmechanismen und alle epistemische Bedeutung übersteigende transzendierende Erklärung der Bedeutung ist. Nicht die Erfahrung erklärt und begründet die Bedeutung, sondern die apriorischen Wissensbedingungen zusammen mit den Erfahrungsbedingungen  (angewandt auf die Erfahrungsbedingungen) erklären die naturalen Empfindungen und personalen Affekte,  die sinnlichen wie geistigen Triebe.  

7) Wenn das konstruierende, hypothetische Verfahren einer philosophischen Prinzipienerklärung  gewählt  werden soll, sind auf einer a) naturalen, empirischen Ebene anscheinend die analytischen Ausgangsbedingungen vorgegeben: Zellen, Zellverbände, deren Stoffwechsel, die lebenserhaltende Produktionen in Zell- und Nervenbereich usw.. Ebenso sind  analytisch b) kulturelle und geschichtliche Prägungen vorgegeben.
Die biologischen Mechanismen und die biographische Bedingungen bilden nach S. Freud eine organische Einheit und erzeugen manifeste Triebregungen und Wünsche, Träume und Verdrängungen, Neurosen und Zwangshandlungen usw. 
In transzendentallogischer Konsequenz  kann es aber nicht gänzlich verschiedene und vielerlei Gründe für manifeste Phänomene geben, es muss eine einheitliche Prinzipienerklärung für Natur wie für diese geistigen und kulturellen Erscheinungen geben, eine die Abläufe innerlich erklärende, transzendierende Zweckhaftigkeit.

Welche Idee der Realisierung der Vorstellungen und des Zweckes schwebte S. FREUD vor? 
Bei meiner geringen historischen Kenntnis seiner Werke, geschahen hier m. E. „Ebenenverwechslungen“ (Aristoteles) und philosophische Überflüge, sodass der Denkakt, der  S. FREUD zur Ausarbeitung  des „Unbewussten“ sehr konsequent und  logisch-notwendig ausführte, vergessen und objektivistisch angesetzt wurde. 

Es ist in den Augen S. FREUDS transzendentallogisch klar, dass Unbewusstes und Bewusstes nicht gänzlich verschiedene Welten sein können. Es könne  nur ein, singuläres Prinzip disjunktiver Einheit und Spaltung geben, ergo ist die Welt des Bewusstseins selbst eine Form des Unbewussten und nach den Mustern des Traumes gebildet – so Freud. Das analysierende Konstruktionsverfahren der Traumdeutung ist  die nachträgliche Beschreibung und Rationalisierung, die Nach-Konstruktion eines psycho-somatischen Prozesses. 

Es ist dabei die analysierende Tiefenpsychologie nicht mit dem Aufdecken der Inhalte der Träume an sich beschäftigt, sondern
die Traumarbeit ist selbst eine Form des Traumes und des Denkens – mit der Aufgabe, den unbewussten Trieben und Verdrängungen und Verschiebungen eine nachträgliche, wie immer zu beurteilende, rationalistische Sinn-Erklärung zu geben.  Das Denken selbst, die ganze Traumarbeit ist Begehren, ist Verdrängung, Verschiebung – und zugleich deren Bewältigung. „Sie (sc. gemeint sind angesprochene Studenten) suchen das Wesen des Traums in diesem latenten Inhalt und übersehen dabei den Unterschied zwischen latenten Traumgedanken und Traumarbeit. Der Traum ist im Grunde nichts anderes als eine besondere Form unseres Denkens, die durch die Bedingungen des Schlafzustandes ermöglicht wird. Die Traumarbeit ist es, die diese Form herstellt, und sie allein ist das Wesentliche am Traum, die Erklärung seiner Besonderheit.“ ( Hervorhebung von mir, GW II/III, Seite 510 f.).

Analog zur „transzendentalen Erkenntnisart“ KANTS gesprochen könnte also gesagt werden, dass die Erkenntnisart  der „Traumarbeit“ und aller damit verbundenen reflexiven Aussageweisen (in den vielen Fachtermini psychologischer Beschreibung)  der Geltung nach selbst von latenten, bio-physischen Triebregungen und Gehirnprozessen notwendig bedingt sei.  Die Unterscheidung Trauminhalt/Traumarbeit kann selbst in ihrer bestimmten Form auf eine natur-kausale, notwendige Ursache  zurückgeführt werden. 

8) Das ist aber dialektischer Schein. S. FREUD bedenkt das nicht mehr: 
Die verstandliche Unterscheidung (distinctio rationalis) wird als Spaltung der bio-physischen Einheit selbst verkündet (als distinctio realis), und letztlich gilt nicht diese logische Unterscheidung, sondern die reale Einheit – und die muss dann monistisch, naturalistisch ausfallen. Die bio-physische-somatische Natur des Vernunftwesens „Mensch“ bewirkt den Selbsterhalt und die  Trauminhalt und alle Formen rationalen und kulturellen Lebens der Traumdeutung, ganz so, wie die distinctio realis inhaltlich-hermeneutisch ausgelegt wird. (Hier beweist ja S. FREUD ein immenses historiographisches Wissen zu Mythen  und Dramen und ethnologischen Erscheinungen, zu Kultur und Religion.) 

Transzendentalkritisch ist es aber gerade umgekehrt, dass die logische Unterscheidung beibehalten werden muss, wenn vom Sein (hier „Trauminhalt“) im Bilde (hier „Traumarbeit“) gesprochen wird. Die distinctio rationis  muss transzendentalkritisch erst begründet und gerechtfertigt  werden – ehe von einer realen Trennung  und späteren natural-kausaler Erklärung der Momente von Trauminhalt und Traumarbeit gesprochen werden könnte.  Warum die distinctio rationis zugunsten des Trauminhaltes zurückgenommen werden soll und plötzlich zugunsten der Geltung eines naturalen Grundes (besser, einer naturalen Ursache) ausfällt, der (die)  sich angeblich im „Trauminhalt“ phänomenal zeigt, das ist eine dezionistische Entscheidung und reflektiert nicht mehr diese Behauptung der naturalistischen  Erklärung als solche. Der Erkenntnisprozess ist abgebrochen zugunsten einer realen/naturalen Begründung, ohne die Reflexion dieser Begründung ebenfalls als solche zu durchschauen und zu begründen. Das ist empirischer Glaube. 

Woher „weiß“ FREUD, dass alle Formen des Bewussten wie Unbewussten, alle vernunft- und verstandesmäßigen Begriffe, alle  psychischen und gefühlshaften Phänomene, alle Triebe, Neurosen, Psychosen, Verdrängungen, Verschiebungen etc.   auf bio-physische und chemische Vorgänge zurückgehen? Dann wäre auch sein Wissen nur ein Trauminhalt, eine Verarbeitung eines biologischen und chemischen Vorgangs, der sich  zugegeben in schönen,  literarischer Formen und in Methoden der Gesprächstherapie und psychischen Heilungen äußern kann,  letztlich aber doch kein Sich-Wissen und keine überzeitliche Selbsterkenntnis und objektive Erkenntnis bedeutet!? 

Die Bedingungen der Wissbarkeit der idealen, in psychoanalytischen  Termini verfassten Traumarbeit und der gedeuteten (realen) Traumvorgänge können selbst nicht bio-physische und chemische Vorgänge sein, sonst wären sie wissentlich gar nicht zu erkennen und zu bestimmen. Wie könnte Unbewusstes durch Bewusstes erklärt werden oder umgekehrt, Bewusstes durch Unbewusstes, wenn der materiale Gehalt der Aussagen keine Wissensform, kein Sich-Wissen und Sich-Erkennen zulässt? Wenn das Bild des Seins, das sich FREUD von der Natur des Menschen macht, kein Bild des Bildes von diesem Sein als Wissensform gelten lässt, wie sollte die behauptete Geltung des materialen Gehaltes noch irgendeinen Sinn haben und gewusst werden können? Wie sollte der Geltungsbezug zu einer naturalen Quelle aller Träume vermittelt werden, wenn darin nicht eine andere Wissensform der höheren Geltung (als diese naturalen Quellen) sichtbar würde, eine Geltungsform bedingender Freiheit zugunsten eines über Triebvermittlung hinausgehenden Handelns? Die Freiheit ist einerseits in ihrem Handeln angewiesen auf den Trieb, gerade damit sie angewandt und sich verwirklichen kann,  andererseits geht sie in dieser Bewegung und Organisation und Zweckhaftigkeit über die Triebvermittlung hinaus. Das zeigt sich phänomenal ja darin, dass in und durch Freiheit eine mannigfaltige Welt der Trieberfüllung gesetzt ist: Es gibt die mannigfaltigen Erfüllungen der sinnlichen Triebe wie Hunger, Durst, Sexualität, die Erfüllungen des Erkenntnis- und Vorstellungstriebes, die Affekte der gesellschaftlichen Triebe, den Anerkennungstrieb, den Religionstrieb in der Projektion des Sittengesetzes (als Faktum des Moralbewusstseins) usw. usf. Die Freiheit äußert sich in einer quasi unendlichen Teilbarkeit der Triebbefriedigungen und Sinnerfahrungen. 

Nun würde ich wohl S. FREUD großes Unrecht tun, wenn er nicht dieses größere Freiheitsgeschehen und die therapeutische  Zwecksetzung in der Analyse des Unbewussten und der Deutung der Triebe und Träume gesehen hätte. Um der medizinischen Heilung und des Realitätsgewinns willen, mithin um die größere Freiheit willen,  drehte sich ja die ganze Traumarbeit und psychoanalytische Therapie und Anwendung.  Ja, das möchte ich äußerst befürworten, aber die philosophische Grundkonzeption wurde zu einem  dogmatisch/realistischen Ansatz ausgearbeitet – so die gesellschaftliche Szene in Wien um 1900 und später.  

Anders gesagt: Wie KANT  von einem vor-entschiedenen, einseitigen Disjunktionsstandpunkt der Trennung von Anschauung und Verstand ausgegangen ist, so ging S. FREUD letztlich ebenfalls von einem  vor-entschiedenen, einseitigen Disjunktionsstandpunkt aus: Das Unbewusste begründet das Bewusste.  Beeindruckt von der Naturwissenschaft um 1900,  verlassen von der Philosophie, fiel seine Entscheidung zugunsten einer bio-physischen, chemischen Einheit und Quelle aus,  aus der alle gesunden  wie kranken Erscheinungen des Leibes wie der Seele kommen. Der Trieb ist dabei das Paradigma der Erklärung, die umfassende Lebenskraft für alles pflanzliche wie tierische und vernünftige Leben, ist Reizaufbau wie Reizabbau,  letztlich fokussiert auf den sexuellen Reiz und die sexuelle Erfüllung bzw. auch fokussiert auf den Tod.

Der Trieb ist zweifellos die begrifflich beste Beschreibung eines naturalen Lebens,  der höchste Begriff der sinnlichen Natur,  aber kann damit der Trieb aus sich heraus  und auf  der naturalen Ebene erklärt werden? Das Bild des Bildes vom Sein kann nicht durch eine faktische, zu beobachtende Seinserklärung erklärt werden.    Die Traumarbeit, wenn ich das Wort von ihm an die Studenten ernst nehme, ist sozusagen die transzendentale „Apperzeption“ für Bewusstes und Unbewusstes – das wird auf das geschlossene Ganze eines biologisch-chemischer Reiz-Reaktionsmechanismus zurückgeführt? So verliert ja diese  „Apperzeption“ alle frei geleitete Schematisierung und Möglichkeit des Sehens. 

Die von S. Freud herausgearbeitete „transzendentale“ Traumarbeit der  Trennung von Unbewusstem und Bewusstem verobjektivierte sich in  eine reale Trennung des Unbewussten vom Bewussten –  und die logische Erklärung dieses ganzen Schematismus wurde zu einer real-kausalen Erklärung und Begründung umgedeutet. Alle bewussten wie unbewussten Phänomene entstammen einer bio-physischen Quelle der Erkenntnis.  

„Dem unbesonnenen Denken, das dieses Gesetz des Verstandes vollzieht, aber nicht sieht, muss eine (bloß logische) Unterscheidung des Verstandes als (reale) Trennung der Momente, als echte Spaltung der Einheit, d.h. als distinctio realis erscheinen. Das besonnene, mit dem heterothetischen Gesetz des Verstandes vertraute Denken dagegen erkennt und durchschaut eben die logische Unterscheidung als bloße distinctio rationis.“ 2

© Franz Strasser, Jän. 2017

1Ich füge hier jetzt nachträglich einen Hinweis auf eine Ausstellung „Wien 1900“ ein, die das Klima dieser Zeit etwas beschreibt – Ausstellung im Leopold Museum, Herbst 2020. – LinkWien

2M. Gerten, Sein oder Geltung. In: Fichte-Studien, Bd. 47, 2019, S 218.

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser