Kategorien des Zeitlichen und Schweben der Einbildungskraft

Gerne denke ich an die Metaphysikvorlesung in Linz in den 80-er Jahren mit Prof. DDr. ULRICH LEINSLE zurĂĽck. Aristoteles nahm darin breiten Platz ein. Das “ to ti Ä“n einai“ (τὸ τί ἦν εἶναι) – „was das Sein ist jeder Sache“, „das Soundso, das es ist zu sein (und sich gemäß dynamis  verwirklicht hat) „, das „Seiende als solches“, „mit Brennpunktbedeutung“. Hr. Professor bemĂĽhte sich mit Hingabe. 

Die Frage bei Aristoteles spielt auf den Grund von allem an. Was ist der Grund des Seienden? Dem Philosophen verdanken wir hier wesentliche historische Überlieferungen, schließlich seine eigene Vier-Ursachen-Lehre usw. 
Generell gesagt, wir hatten in Linz eine sehr  profunden EinfĂĽhrung in die Metaphysik – und dann noch in Wissenschaftstheorie. (Kath. Theo. Hochschule, 1978/80.)

Zufällig stieß ich auf das Buch von S. RÖDL, Kategorien des Zeitlichen, 2005.

Es bestätigt in philologisch akribischer Weise die Ontologie von Aristoteles, d. h. es gibt eine sichere Bestimmung und Erkenntnis des Gegenständlichen. Der Erkenntnisakt ist ein Seinsakt. Das Buch ist klar und verständlich, flüssig geschrieben, begriffsscharf, die spitzfindingen Theorien eines Frege oder anderer Nominalisten widerlegend, sehr systematisch, kohärent, zielgerichtet auf ein Resümee hinsteuernd.

Ich skizziere Ăśberschriften – und bringe platonische und fichtesche Bedenken – rot hervorgehoben.

I) S. Rödl, Erster Teil. Transzendentale Logik und Zeit, ebd., S 21 – 114.

Kapitel 1: Metaphysik und Logik: S 23 – 55.

S. Rödl widerlegt eingangs mit Hilfe der Aussagen- und Prädikatenlogik des Aristoteles die kĂĽnstlich aufgebaute, konstruierte Logik eines Frege: Dieser versuchte, die logische Ordnung zu formalisieren und zu einer deduktiven Logik umzubauen – aber diese Logik, die die „Begriffsschrift“ meint, kann nicht wiederum die Aussagen ihres Begriffsumfangs und die Gesetze ihres SchlieĂźens durch einen Wahrheitswert, den die deduktive Logik ja erst aufstellen soll,  bestimmen. Der Wahrheitswert des deduktiven Systems muss von auĂźerhalb des Systems festgesetzt werden. „Der KalkĂĽl kann nicht fĂĽr sich selber sorgen“. Die Allgemeinheit des Systems der Aussage- und Prädikatenlogik, wie sie Aristoteles geleistet hat, muss metaphysisch vorausgesetzt werden als vorfindbare Tatsache des Denkens und des Seins, aufschlieĂźbar in gewissen Formen des Denkens, der Begriffe und der Zeit.

Rödl bringt zur Untermauerung viele berühmte Zitate des Aristoteles, so z. B.: Die verschiedenen Formen der prädikativen Einheit der Aussage sind verschiedene Bedeutungen von „ist“, denn „ist“ bezeichnet diese Einheit u. a. m. (S. Rödl. Ebd. S 35; ebd. Anm. 13: Aristoteles, Metaphysik, Delta 7, 1017a22-23)

Das Denken in seiner logischen Form offenbart eine metaphysische Einheit, die transzendentallogisch analysiert und verstanden werden kann.  

Die formalen Logik Aristoteles’ wird gut dargestellt – und die BegrĂĽndung der Logik in einer Form der Analytischen Philosophie wird kritisiert. Aber wie begrĂĽndet wiederum Aristoteles den die Aussagen begrĂĽndenden Wahrheitsbezug der Synthesen im Ist-Sagen? Begriff, Urteil und Schluss ist eine Abstraktionstheorie vergegenständlichter Rede von zeitlichen Dingen und Einzelwissen, die als solche aber wiederum gar nicht gewusst werden können, weil sie ja zeitlich und einzeln sind und folglich keine wissenschaftliche Erkenntnis gewähren?

Ad Kapitel 2 – Empirische und zeitliche Aussagen (ebd. S 56 – 82).
Die Aussagen sind anschauungsbezogen und stehen in einem Wahrheitsbezug des Denkens – ohne sie als „Verhalten“ denunzieren zu wollen, wie Strömungen der Analytischen Philosophie die Aussagen beschreiben.

Eine transzendentale Analyse der Aussagen ist möglich und jetzt gefragt: Wie kommen wir zu einem Zeitbewusstsein? Durch eine Sprech-Handlung in einer bestimmten Handlungsform.

Wiederum sehr gut von S. Rödl in Auseinandersetzung mit der Analytischen Philosophie gewonnen, dass wir zeitliche Vorstellungen und zeitliche Gegenstandsgehalte generieren, weil wir auf Wahrheit und Vernunft bezogen sind. Die Frage von mir: Sind die zeitlichen, anschauungsbezogenen Aussagen (als reflexive Erkenntnisaussagen)  selbst zeitlich veränderbar und wandelbar – dann gäbe es aber keine wahren und gewissen Aussagen?

Ad Kapitel 3 – Zeitbezug und Form der Aussage (ebd. S 83 – 114).

Es folgt eine auf die Struktur der Sprache hörende Beschreibung des Zeitbewusstseins – im Gegensatz zu den Verdrehungen eines Quine. Eine Analyse der Beobachtungssätze und des Gegenstandsbezuges offenbart die impliziten und expliziten Zeitbezüge – und warum der Begriff der „Substanz“ und des Zustands („Akzidenz“) notwendig werden. Dazu später noch die Bewegungsform.

Die tempuslogischen Formen sind in einem Gesamt von zeitlichen Kategorien im endlichen Verstand systematisch aufgebaut und gegliedert.

Die Aporie des Aristoteles ist aber zu greifen, denn einerseits sollen die Aussagen einen Zeitbezug haben, aber gerade der Zeitbezug relativiert sie ja andererseits zu veränderlichen, zeitbezogenen Aussagen, sodass kein überdauerndes, zeitüberhobenes Wahrheitskriterium und wahrheitsbezogenes Urteil gefällt werden kann? Liegt im Zeitbezug selbst das Wahrheits- und Erkenntniskriterium einer behaupteten Aussage, dann gibt es de facto keine überzeitliche Wahrheit? Ich kann es nicht anders deuten, weil die nachfolgenden Kapiteln gerade um diese Zeit-Schematisierungen und Zeit-Aspekte kreisen. Das ergibt aber, nochmals begrifflich objektiviert durch Bewegung und Substanz und weiteren Begrifflichkeiten, eine höchst empirische, wandelbare, objektivistische Weltsicht?

II) S. Rödl, Zweiter Teil. Die Formen zeitlicher Aussagen (ebd. S 115 – 207)

Ad Kapitel 4 – das Tempus als Form der Prädikation (ebd. S 115 – 143)

Die Form der Prädikation mit ihren herausgearbeiteten Beziehungen ist primär zeitlich bestimmt.

Was kann das heißen? Gibt uns die Zeit Auskunft über das Wesen einer Sache? Dann ist das Wesen selber zeitlich und wandelbar? 

Ad Kapitel 5 – Intern zeitliche Beziehungen (ebd. S 144 – 159)

Es folgt eine nochmals genauere Analyse der Zeitform, nämlich die prädikative Einheit des Aspekts. Der progressive oder perfektive Aspekt wird analysiert und die aristotelische Kontinuität der Zeit mittels Bewegung festgehalten.

Substanzen und ihre Zustände müssen mit Bewegungsformen verknüpft werden, unter dem Aspekt des Im-Gange-Seins oder des Abgeschlossenseins in der Erscheinung, „wenn nichts dazwischen kommt.“

Offensichtlich besteht das dringende BedĂĽrfnis, das ĂĽberall nicht zu leugnende Werden in der sinnlichen Welt zu verstehen und zu fixieren. Der Begriff der Bewegung „von her – zu hin“ fixiert ein realistisches Wissen der Dinge um ihre Substanzen und Akzidenzien. Aber woher kommt wiederum das „von her – zu hin“, die Bewegung selbst? Vom Zählen der Zeit nach dem FrĂĽher oder Später? Die Bewegung misst die Zeit und die Zeit begrĂĽndet die Bewegung? Offensichtlich ein Zirkel. Es wird durch Bewegung das begrĂĽndet, was bereits als Zeit notwendigerweise vorausgesetzt wird, denn sonst käme es zu keiner Zeit? Und umgekehrt, es wird durch Zeit begrĂĽndet, was bereits als Bewegung vorausgesetzt wird, sonst käme es zu keiner Bewegung? 

Ad Kapitel 6 – Generische Aussagen (ebd. S 173 – 207)

Die Bewegungsform und Substanz und Akzidens reichen noch nicht aus, die zeitlichen Kategorien des endlichen Aussagens zu verstehen und zu erklären: Es kommt noch die Bedingung des generischen Aussagen hinzu, d. h. dass wir „nach oben“ eine Bewegung in allgemeinen Formen (genera) begreifen. (S. Rödl bringt mir hier wirklich interessante Aspekte des Aristoteles herein, offensichtlich genetische Aussagen, dass durch gewisse Begriffe – die genera, die Kategorien –  die Anschauungen erst gebildet werden?!) 

Immer bringt der Modus der Prädikation die logische Form und den Aspekt und die Bewegung und die allgemeine Form schon mit – die Kategorien des Zeitlichen. Mittels ihrer erkennt der endliche Verstand.

Die Kategorien stellen dabei notwendige Formen der Anschauung dar,  d. h. des auf Anschauungen angewiesenen Denkens. Die Kategorien sind, ganz allgemein ausgedrückt, reine Begriffe des Zeitlichen.

Durch den Anschauungsbezug wird die Logik des Denkens nicht eingeschränkt, vielmehr ist die Art der Aussage die grundlegende metaphysische Logik des Erkennens. Der Verstand ist durch das bedingt, worauf er sich bezieht. Die Einheit eines Gedankens ist die Einheit eines sinnlich Angeschauten als solchen. Und umgekehrt, die Einheit des Angeschauten ist die Einheit eines endlichen Verstandes. Sie (diese Einheit) ist damit objektiv gültig. „Die Erkenntnisbedingungen sind auch die der Gegenstände selbst“ (Kant, KrV, A 158) – so die Parallelität von Aristoteles und Kant.

Welche Einwände könnte ich gegen dieses universale Konzept eines Wissens der Welt und der Dinge vorbringen, außer dass zufällig die Außenwelt unserer Begriffswelt gleichen soll? Es bleibt eine petitio principii, eine Erschleichung eines übereinstimmenden Prinzips von formaler Begrifflichkeit und objektiver Anschauung der Außenwelt. Nur dank großen Wissens und glücklicher Beschreibung und scharfer Beobachtung gelingt Aristoteles, das Wesen der Dinge in eine gewisse Begrifflichkeit zu bannen, d. h. das Wesen der Dinge im Einzelwissen zu abstrahieren, aber analytisch ein sicheres Wissen zu haben, aus dem deduktiv abgeleitet werden könnte, was etwas ist – wie bei Platon – das entfällt! Es ist das organon des Wissens bei Aristoteles sehr groß, umfasst so ziemlich alle Gebiete des damaligen Wissens und der Beobachtung, aber es bleibt eine subjektivistische Erkenntnistheorie. Subjektives Allgemeinwissen wird formal (durch Begriff, Urteil, Schluss, durch Substanz- und Bewegungsbegriff und genera-Begriffen) auf die Einzelsubstanz übertragen, aber das ist keine Begründung und Rechtfertigung, das ist Relationswissen, Induktionswissen?! 

S. Maimon wird ähnlich gegen Kants Erkenntnistheorie opponieren: Dessen angeblichen apriorischen Erkenntnisbedingungen sollen sich mit den Gegenständen der Erfahrung decken? S. Maimon bezweifelt diese Erfahrung. Das könnte auch statistische Gewöhnung sein. 
Bekanntlich haben S. Maimon u. G. E. Schulze Kant fĂĽr Fichte „verdächtig“ gemacht. (Aus einem Brief ĂĽber den »Aenesidemus« v. Schulze: „Es hat mich geraume Zeit verwirrt, Reinhold bei mir gestĂĽrzt, Kant mir verdächtig gemacht und mein ganzes System von Grund aus umgestĂĽrzt“. Bayerische Akademie der Wissenschaften (Hg.): Allgemeine Deutsche Biographie,
Leipzig 1875-1912, XXXII.)

Anders gesagt: In der KrV KANTS ist die Mannigfaltigkeit in den Anschauungen schon vorgegeben – und wird durch die kategorial-apperzeptive Subsumtion der Mannigfaltigkeit unter die Verstandesbegriffe mittels  transzendentaler Apperzeption des „Ich denke“ erkannt und zusammengefasst.  Woher dieses Können der Bildung einer Einheit und der wahre Begriff einer Einheit? Kant spricht zwar davon, dass die  kategoriale Synthese der Mannigfaltigkeit durch den Verstand  nochmals der Vernunft als „Vermögen der Prinzipien“ untersteht, die alles  unter „die höchste Einheit des Denkens (KrV B 355-356) bringt, doch diese „transzendentalen Ideen“ (KrV B 368) als Begriffe a priori, die es mit der „unbedingten synthetischen Einheit aller Bedingungen ĂĽberhaupt“ (KrV B 391) zu tun haben, haben nur eine heuristische Such-Funktion, sind regulativ und nicht konstitutiv fĂĽr das Erkennen.  

In der transzendental-apperzeptiven Zeitbestimmung Fichtes hingegen ist die Mannigfaltigkeit der Empfindung nicht einfach vorgegeben, sondern a) notwendig im Konkretionsakt und Reflexionsakt der Bestimmung von Qualitäten gesetzt, d. h.  formal liegt die  Mannigfaltigkeit im Sehen selbst begründet und sie wird b) durch die appositionelle Zeitsynthesis im übergehenden Willen zu einem zusammenhängenden Ganzen der Erfahrung zusammengefasst nach kategorialen  Begriffen und teleologischen Zwecken.  (Natürlich finden sich bei Kant  auch Aussagen, dass die Synthesis des „Ich denke“ sogar vom Bewusstsein hervorgebracht ist, also nicht bloß nachträgliche Zusammenfassung einer Mannigfaltigkeit unter einen Verstandesbegriff ist,  aber das bleibt notwendig unterbestimmt: Siehe z. B. „(Die) Verbindung ist Vorstellung der synthetischen Einheit des Mannigfaltigen. Die Vorstellung dieser Einheit kann also nicht aus der Verbindung entstehen, sie macht vielmehr dadurch […] den Begriff der Verbindung allererst möglich“ (KrV B 130f.) Kant bleibt hier irgendwie gespalten – und die Lager seiner Interpreten.

Zeitbezogenen Aussagen als solche fallen unter bestimmte logischen Formen und sind deshalb objektiv gültig, weil sie immer schon die Formen des anschauungsbezogenen Denkens sind. Die Formen des Verstandes sind abstrakteste Formen des Zeitlichen und sind wegen ihres Anschauungsbezuges nicht leer. Sie haben objektive Gültigkeit und Geltung – so Aristoteles, so Kant – so der Tenor von S. Rödl.

Die fehlende platonische BegrĂĽndung im Hintergrund mĂĽsste jetzt nachgereicht werden! Es stimmen die logische Formen und die Zeitgenerierung mit den Dingen deshalb ĂĽberein, weil sie im Wissen erzeugt und  geeint und evident sind, nicht weil formallogisch und prädikativ durch Begriff, Urteil und Schluss und mittels Aspekte der Zeit und mittels Bewegung und Substanz die Einheit objektivistisch nur festgestellt wird. Es fehlt bei Aristoteles und Kant die genetische Erzeugung der Ăśbereinstimmung von Denken und Anschauung, analog gesprochen, wie die Substanz das geworden ist, was sie jetzt ist – nicht, was sie  schon war gemäß vorausgesetzter Bewegung und Zeit.

Das Problem könnte als Diskrepanz von Analysis und Synthesis bzw. als primärreflexives Wissen contra sekundärreflexives Wissen beschrieben werden. Ehe nicht das gegenstands- und anschauungsbezogene Denken selbst mit seinen Begriffen und Zeitformen apriorisch (primärreflexiv) evident eingesehen werden kann, bleibt ewig die Trennung von Sein und Erkenntnisbedingung, die Trennung von ratio essendi versus ratio cognoscendi. Die synthetischen Begriffe mĂĽssen aus einer Einheit des Sich-Wissens hervorgehen, einsichtig, damit umgekehrt eine Analyse der Begriffe als solche bestimmt werden kann. Eine nur  analytisch festgestellte  Begrifflichkeit – von woher? –  und das ganze  Begriffsrepertoire, das es hier geben mag  (Substanz, Akzidens, Bewegung u. a. Kategorien), erzeugt  noch keine synthetische Einheit und keine synthetisch gebildeten Begriffe.   

Platon, Descartes, Fichte haben die homologe Einheit von Sein und Denken klar anders begründet – und zweifellos gibt es bei Aristoteles ebenfalls verwandte, transzendental im Sich-Wissen begründete Evidenzaussagen. Die Nachkonstruktion eines S. Rödl von Aristoteles und Kant  ist angenehm zu lesen, wird wohl stimmen, die platonische Kritik einer letztbegrifflichen Einheit der Kategorien des Seins (der Kategorien des Zeitlichen) und ihre genetische Entstehung und lebendige Einheit im Ideen-Akt des Erkennens dürfte aber ebenfalls nicht fehlen. 

Ich verweise jetzt noch kurz auf Fichte:

III) Fichte – Das Schweben der Einbildungskraft 

Fichte kennt über die formale Erkenntnistheorie und formale Logik hinausgehend eine theoretisch-praktische Erfahrungs- und Sachlogik. Wie soll ich mich kurz ausdrücken? Die prädikativen Formen und die aristotelische Logik des Denkens dessen, was „ist“, und die Anschauung des endlichen Verstandes in zeitlichen Kategorien (situativ, im Aspekt, in der Bewegungsform, generisch), sind bereits  abgeleitete Stufen eines genetischen wie  wirklichen Sehens, sind abgeleitete Verstandeskategorien einer conditionalen und causalen Vermittlung.

Jede sinnliche Anschauung ist bereits in zeitlichen Kategorien gefasst; völlig d’accord mit Kant und Aristoteles; mit Fichte aber noch genauer gefasst: Jede Anschauung ist ebenfalls schon begriffene (zeitliche) und genetisch erzeugte  Anschauung – weil sie durch  Denken und das  Schweben der Einbildungskraft zwischen Entgegengesetzten gebildet ist. 

Die Einbildungskraft bewältigt einen Widerstreit und verwirklicht ein Produkt als etwas Unterscheidbares und als Ausgangspunkt allen Bewusstseins und Selbstbewusstseins. Mit der WL 1801/02 gesprochen: Der Quantität vorausgehend ist die Quantitabilität; letztere liegt jenseits allen Bewusstseins in seinem Nichtsein und bildet die Sphäre künftiger möglicher Akte. Das freie Handeln bezieht sich auf diese Quantitabilität als ein absolut Gefundenes wie auf eine stehende absolute Anschauung; sie ist eine Mannigfaltigkeit, die in einem ruhenden Lichte sich selber hält, ewig und unaustilgbar dieselbe ist.

Das freie Handeln – die „Handlungsform des Prädizierens bei Aristoteles – ist eine abgeleitete Folge, ist (nach Fichte) ein Konstruieren und  Nachmachen eines Gesetzes. Dieses Gesetz kurz von mir beschrieben – siehe auch andere Blogs z .B. Epistemologien des Ă„sthetischen : In jeder Hemmung muss eine unbegrenzte Tätigkeit in der ursprĂĽnglich produzierenden Einbildungskraft vorausgesetzt und angenommen werden; sobald sie aufgenommen und bestimmt wird, ist sie endlich; doch sie kann nicht endlich sein, wenn sie nicht unendlich ist; die Hemmung muss wieder ausser dem Ich gesetzt werden, und so wird sie wieder unendlich in ein und demselben Akte. Es ist ein Wechsel des Ichs mit sich selbst, ein „Schweben der Einbildungskraft“, die Ableitung der Anschauung und Vorstellung in der Einheit des  begrifflichen Sich-Wissens in der Geltungsform des „Ich“.

Durch dieses Schweben der Einbildungskraft, Substrat allen Bewusstseins – bei Aristoteles als Substanz in der Bewegungsform nach auĂźen projiziert – wird die Anschauung genetisch erklärt, d. h. aus  einer ursprĂĽnglichen Synthesis von  Denken und dem Schweben der Einbildungskraft.

Aus der Synthesis des Ich-Wissens und Sich-Wissens wird weiter gefolgert:
a) Notwendig kommt es  zu den Anschauungsformen der Zeit und des Raumes, nach dem Buch von S. Rödl, zu den sogenannten „Kategorien des Zeitlichen“, b) notwendig kommt es zu den Reflexionsideen der Vernunft und c) notwendig zu den kategorialen Begriffen, wie sie Aristoteles aufzählt hat oder Kant in den Prädikationsformen einer Aussage (eines Urteils) findet. Die Reflexionsideen und Kategorien liegen nicht objektivistisch schon vor,  sondern werden in einem Setzungsakt gebildet. Das sekundäre Wissen – die Analyse von Aristoteles von Kant – wird in einem primären Wissen eingeholt – in der Terminologie von Platon gesprochen.

Nach Fichtes Einsicht lässt sich das Verfahren des Anschauens und Denkens in der Konstitution des objektiven Gegenstandes – wie es in einer transzendentalen Logik nach Rödl (auf einer sinnlichen Stufe) beschrieben wird – auf einen einzigen, grundlegenden Vollzug zurĂĽckfĂĽhren – auf die Reflexion.

Vermag nach Rödl bzw. nach Aristoteles und Kant der Verstand mit seinen Denkgesetzen nicht aus seinem sinnlichen Anschauungsbezug heraus, entwirft nach Fichte der Verstand (in schematisierenden Relationen) immer schon Umkehrungen der Reflexion in seiner sinnlichen und intellektuellen Anschauung: Substanz und Akzidens werden vertauscht, es entsteht Bewegung. Bei Aristoteles werden Substanz und Bewegung vorausgesetzt – und es erfolgt das Denken nach Potentialität und Aktualität. Die Bewegung bestimmt die Substanz und deren Akzidens. (Im Grunde ein sehr scharfsinniges Denken der Wesenserkenntnis von etwas Seiendem, aber nur halb vollendet als Seinsaktualität in objektivistischer Weise.) 

Nach Fichte sind die substantiellen Begriffe bei Aristoteles Reflexionskategorien oder besser gesagt, Reflexionsideen: Die Kategorien der Ursache und Wirkung werden notwendig zur Zweckgerichtetheit vertauscht. Bei Aristoteles ist das eine breit ausgeführte und beschriebene, beobachtete Ursachenlehre. Bei Kant fällt seltsamerweise die teleologische Urteilskraft auf, sie sei in einem gewissen Grad notwendig für die Erkenntnis, aber letztlich ist sie doch nur regulativ gültig.

Oder anderes Beispiel bei Fichte: Die additiv verstandene Wechselwirkung, sie wird zur Kategorie der Organisation, d.h. zu einer distributiv wirkende Wechselwirkung in allem Lebendigen.  

Die Bewegung, die Zweckgerichtetheit, die Organisation, sie sind notwendige Reflexionsideen des endlichen Verstandes, nicht zeitlich ablesbare, objektive Kategorien, weil der Setzungsakt des Sich-Wissens  transzendentallogisch Anschauung und Begriff in synthetischer Erkenntnis von sich her a priori vereint – aus praktischen GrĂĽnden – und daraus werden deduktiv und systematisch die Wissbarkeitsbedingungen und die kategorialen Erkenntnisbegriffe der Wirklichkeit erzeugt. 

Anders gesagt: Die Kategorien des Zeitlichen, in abstraktester Form von Rödl in einer akribisch aufgearbeiteten Lektüre von Aristoteles und Kant geleistet, sie sind nicht empirisch begründbar und lesbar.  Sie sind nach Platon, Descartes und Fichte eine sekundäre  Form des Wissens und verlangen nach einer primärreflexiv begründeten  und gerechtfertigten Erzeugung. 
Sie sind letztbegründbar durch die Idee des Guten (Platon), durch die „veracitas dei“ (Descartes), bzw. schematisiert darstellbar im Schweben der Einbildungskraft (Fichte).

© Franz Strasser, Sept. 2023.

Zu Fichte – siehe die Schrift „Ueber den Begriff der Wissenschaftslehre (1794 1. Auflage/1798 2. Auflage)

 

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser